faktor-x.info wird seit Dezember 2011 nicht mehr gepflegt und steht nur noch als Archiv im Internet.

Aktuelle Informationen finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit - www.nachhaltigkeit.info

HomeSitemapDrucken

Interview Rolf Kreibich, Wissenschaflicher Direktor
Instititut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

FRAGE: Das 20. Jahrhundert sei das Zeitalter der Arbeitsproduktivität gewesen, sagen Sie, Herr Kreibich, und fordern: Das 21. solle das der Ressourcenproduktivität werden. Warum?

KREIBICH: Ich gehe sogar soweit, dass ich sage, wenn wir nicht die Steigerung der Ressourcenproduktivität enorm ankurbeln, dann werden wir als Menschheit dieses 21. Jahrhundert nicht überleben. Das liegt einfach daran, dass wir heute viel zu viele Ressourcen vernutzen. Wir könnten riesige Potenziale – ob das jetzt fossile Energieträger sind, ob das Metalle oder Kunststoffe sind, die meist aus Erdöl gemacht werden – einsparen. Gerade im Wärmebereich haben wir enorme Möglichkeiten, wir haben aber auch große Potenziale wieder rückzuführen, zu recyceln, zum Beispiel Eisen, Kupfer, Nickel, Zinn, usw. Und da stehen wir ganz am Anfang.

FRAGE: Die Arbeitsproduktivität im Produktionsbereich ist im 20. Jahrhundert um 4 000 Prozent angewachsen. Bei der Ressourcenproduktivität geht das Ganze viel langsamer. Warum?

KREIBICH: Ganz einfach. Wir hatten im 20. Jahrhundert weite Bereiche, in der die Arbeit immer teurer wurde. Die Löhne sind ebenfalls um 3 500 Prozent netto gestiegen. Und das bedeutet natürlich, dass die Unternehmen hohe Kosten aufwenden mussten, um die entsprechenden Arbeitskräfte zu bezahlen. Deshalb diese enorme Rationalisierung und diese exorbitante Steigerung der Arbeitsproduktivität. Was Anfang des 20. Jahrhunderts 40 Arbeitnehmer gemacht haben, dafür benötigte man Ende des Jahrhunderts nur noch einen – eine gewaltige Veränderung, verbunden mit großen Kosteneinsparungen. In diesem Zusammenhang hat man offensichtlich geglaubt – und das liegt auch an der Wirtschaftswissenschaft, die diesen Unsinn verbreitet hat – Ressourcen seien in der Wirtschaft unendlich vorhanden. Und jetzt stellt man erstaunt fest, was wir schon vor 30 oder 40 Jahren gesagt haben, dass Ressourcen auf dieser Erde natürlich endlich sind. Und damit knapper und teurer werden. Wir haben zum Beispiel während der vergangenen drei Jahre eine Steigerung bei Indium um etwa einen Faktor 20, das Gleiche gilt für Mangan, es gilt für Thorium, das gilt für viele Metalle, insbesondere die relativ seltenen. Das gilt aber auch für Platin und für Eisen oder Stahl, ebenso für Kupfer.

FRAGE: Im 20. Jahrhundert ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch die Märkte gleichsam nebenbei entstanden. Wenn nun die Rohstoffe teurer werden, kann man etwas Vergleichbares für die Steigerung der Ressourcenproduktivität im 21. Jahrhundert ebenso erwarten?

KREIBICH: Naja, es ist nicht ganz nebenbei entstanden. Wenn Sie sich die ganze Wirtschafts-Rationalisierungs-Literatur ansehen, dann hat man immer nur gesagt: Arbeitsproduktivität erhöhen, Rationalisierung – das war das A und O des 20. Jahrhunderts, um Kosten einzusparen, um Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen. Und jetzt stellt man fest, dass in bestimmten Unternehmen die Kosten für Arbeitnehmer nur noch zehn Prozent ausmachen und die Materialkosten und Kosten für Teile, die man einkauft, ungefähr 40 bis 45 Prozent. Das hätte aber längst bekannt sein können.

FRAGE: Wer hat geschlafen?

KREIBICH: Na, die Unternehmer haben geschlafen, und die unselige Wirtschaftwissenschaft. Und die Managementliteratur hat diesen Unfug lange Zeit mit verbreitet. Und deshalb bin ich erstaunt, wieso Manager heute erst langsam durch die Klimadebatte, durch die Energieverknappung, durch die enormen Preissteigerungen, auch beim Erdöl, dahin kommen und sagen: Jetzt müssen wir uns mal um die Ressourcen kümmern.

FRAGE: Wo ist die Klammer zwischen Klima- und Ressourcendiskussion?

KREIBICH: Ganz eindeutig dort, wo wir immer stärker, fossile Energieträger verbrauchen. Sie sehen ja jetzt die großen Schwellenländer wie China und Indien, Pakistan, Brasilien, Mexiko, die natürlich auch so leben wollen wie wir, die Autos, Handys und HiFi-Geräte haben wollen. Das ist ja gar nicht mehr zu machen. Heute partizipieren etwa 800 Millionen Menschen in den Industriestaaten vom materiellen Wohlstand, in Zukunft werden es aber etwa drei Milliarden sein.

FRAGE: Was ist zu tun?

KREIBICH: Es gibt ja verschiedene Strategien der Ressourceneinsparung. Einmal das Recycling, also Kreislaufwirtschaftsprozesse. Dafür muss man natürlich Produkte ganz anders gestalten. Wir haben zum Beispiel einen Fernseher entwickelt, der zu 98 Prozent recycelfähig war. Man konnte den Stahl und die ganzen Innereien in die Stahlschmelze und in den gleichen Materialkreislauf zurückbringen. Das zweite ist, dass man nachwachsende Rohstoffe nutzt, das ist die so genannte Konsistenzstrategie. Und dann natürlich, dass man mit viel weniger Rohstoffen den gleichen Nutzen erzielt. Wir wollten zum Beispiel einen Fernseher entwickeln, der ist auch ziemlich weit gediehen, der wäre so groß wie eine Streichholzschachtel geworden. Das Bild wäre dann mit Laserstrahlen auf die Wand projiziert worden. Das ist dann leider nicht weiter verfolgt worden. Ich will damit sagen: Es gibt viele Chancen und viele Möglichkeiten. Wir müssen außerdem dringend darauf achten, dass wir unsere Wälder nicht abholzen. Wenn wir jeden Tag 63 000 Fußballfelder tropischen Regenwaldes abholzen, dann bedeutet das, dass wir unsere beste CO2-Rückbildungsmaschine und unsere beste Sauerstoffproduktionsmaschine einfach kaputt machen. Und hier ist der Zusammenhang mit der Klimadebatte einerseits – nämlich CO2- und Methanemissionen oder Stickstoffoxiden – die unser Klima kaputt machen oder so stark verändern, dass unsere Welt ins Schwanken gerät und den entsprechenden Notwendigkeiten der Ressourceneffizienz und Ressourcenverbrauchs andererseits.