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WBCSD

Die globalen Szenarien des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) sind in Zusammenarbeit mit Shell und dem Global Business Network (GBN) entstanden, ausgewiesenen Fachleuten moderner Zukunftsforschung. Rund 150 Interviews mit Vertretern internationaler Unternehmen bilden die Basis der Studie.
Erschienen ist sie bereits 1997, aber die Grundlinien der aktuellen Diskussion sind bereits sehr klar zu erkennen. Vor allem die alternativen Entwicklungslinien mit einem marktnahen und einem marktfernen Ast. Die Szenarien fokussieren das Thema Nachhaltigkeit: Ökonomie und Technologie, Ökologie und Demographie, Regierbarkeit und Gleichheit.

Die beiden zentralen Fragen:

Wo genau liegen die Grenzen der Belastbarkeit der ökologischen Systeme von Boden, Luft, Klima, Wasser, Artenvielfalt?

Welches soziale System kann die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung am besten meistern?

In der Studie sind die Antworten auf diese Fragen noch relativ offen. Claude Fussler, Ex-Direktor des WBCSD hat sich unterdessen fest gelegt. Aus seiner Sicht ist die liberale Globalisierung (hier wäre es das Szenario FROG!) gescheitert. Er fordert: Die Globalisierung muss gemanagt werden!

Mythen

Jede Zeit hat ihre Mythen, sagen die Autoren der Studie. Darunter verstehen sie „einen Glauben oder den Gegenstand eines Glaubens, dessen Wahrheit unkritisch übernommen wird“. Die versteckte Denk- und Wahrnehmungs-Struktur heutzutage ist der ökonomische Mythos, dessen Ideal das Wachstum ist und dessen Medium Zahlen und Bilder sind – der erste wirklich globale Mythos.
Mythen früherer Zeit waren von Helden geprägt, von Religionen, von Demokratie und Wissenschaft.

Insgesamt sind die WBCSD-Szenarien geprägt von wahrnehmungstheoretischen, strukturellen und kommunikationstheoretischen Überlegungen. Sie sind gut durchdacht. Andererseits wirken sie recht abstrakt, geräuschlos und scheinbar konflikfrei.

Szenarien

FROG! steht für First Raise Our Growth!
Damit bedient das Szenario den ökonomischen Mythos – also Business as usual. Einige Länder des Südens mögen auf diesem Weg durchaus Quantensprünge (leapfrogging) schaffen. Technischer Umweltschutz hilft der lokalen Umwelt, vor allem in den Ländern des Nordens. Im globalen Maßstab liegen die Dinge aber schon ganz anders. „Um das Jahr 2050 herum wird klar, dass die pessimistischen Annahmen in Sachen Klimakatastrophe deutlich näher an der Wahrheit liegen als die optimistischen.“ Die Entwicklung bedroht beide: Mensch und Natur.
Die Wahrnehmung ist auf lokale und regionale Herausforderungen fixiert, ökonomisch, ökologisch und sozial; sie werden auch durchaus angegangen. In den entwickelten Ländern sind Luft und Wasser deutlich besser geworden, es entsteht der Eindruck, dass die Hauptprobleme bereits gelöst sind. Weil der ökonomische Mythos vorherrscht, werden soziale und ökologische Fragen aber als sekundär gesehen. Dies alles führt dazu, dass die globalen Fragen, auch die Umweltfragen nicht verstanden und gelöst werden.

Die Ressourceneffizienz weltweit nimmt zu. Auch dies trägt dazu bei, dass sich ein Gefühl breit macht: Die Dinge würden schon irgendwie angepackt, wenn nicht durch die Gesellschaft, dann durch Technologie.

FROG! steht auch für das berühmte Bild vom Frosch im Kochtopf: Wird er in kochendes Wasser geworfen, erkennt er blitzartig die Gefahr und springt heraus; wird das Wasser um ihn herum dagegen nur langsam und allmählich wärmer, heiß und schließlich zum Kochen gebracht, stirbt auch der Frosch einen qualvollen Tod. FROG! ist nicht nachhaltig.


Das zweite Szenario, GEOpolicy ist die Antwort auf soziale und ökologische Krisen weltweit. Regierungen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren; auch die Wirtschaft ist in Misskredit geraten und wird eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung gesehen. Es wird klar, dass der Markt an sich keine Garantie für das Gemeinwesen abgeben kann; er hat keine Antworten auf Fragen nach sozialem Ausgleich, Gesundheit und Umwelt. Die Folge: Wirtschaftsstrukturen weltweit werden auf eine nachhaltige Entwicklung hin konzipiert.

Nach einer langen Phase der Liberalisierung der Märkte und Globalisierung ist der Graben zwischen Armen und Reichen immer breiter geworden, soweit, dass in vielen Ländern eine vielköpfige Unterschicht entstanden ist. Ökologische Katastrophen und extreme Wetterlagen nehmen zu. Die Preise für Lebensmittel auf dem Weltmarkt explodieren und das führt zu unhaltbaren Zuständen, z.B. in China und Indien. In den Medien ist „Das Ende des Kapitalismus“ eine gern erzählte Geschichte.

Gleichzeitig entstehen vielfältige Initiativen: die „Gaia-Bewegung“, eine ökologisch orientierte Religion, relativ klein, aber gut organisiert; „Nachhaltige Städte“ werden ausgerufen. Aber diese lokalen Experimente erweisen sich als ineffektiv, der Ruf nach globalen Standards wird lauter.

Über mehrere Stufen des Scheiterns wird schließlich die Global Ecosystem Organisation (GEO) ins Leben gerufen. Sie legt z.B. Fangquoten für die Fischerei in Ozeanen fest. Nutzungsrechte werden verkauft. GEO gibt den nationalen Regierungen Rahmendaten für eine zukunftsfähige Entwicklung vor. Und sie definiert Mindeststandards für Arbeitsschutz und ein Regelwerk für die globale Ökonomie. Die Mitarbeiter von GEO gehen mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber der Wirtschaft und den nationalen Regierungen ans Werk. Die Kommunikation ist zu Beginn nicht sonderlich effektiv. Aber das gibt sich. Und als im Jahr 2040 GEO einen ausgesprochen positiven Bericht über den Zustand der weltweiten Ökosysteme vorlegt, der z.B. deutliche Fortschritte bei der Reduktion von CO2-Emissionen zeigt, ist der Durchbruch geschafft.

Das dritte Szenario, Jazz ist der pragmatische Weg, ein Experiment mit kurzfristig geschlossenen Allianzen: NGOs, Regierungen, Unternehmen und Konsumenten agieren partnerschaftlich – alles sehr improvisiert, wie es bereits im Namen anklingt. Da Jazz auch mit einer hohen Transparenz im politischen System einher geht, werden Gefahren schnell erkannt – und korrigiert. Unternehmen, die soziale und ökologische Standards unterlaufen, werden vom Markt abgestraft. Die Strukturen werden nicht von außen an den Markt herangetragen, wie in GEOpolicy, sondern entstehen interaktiv, aus sich heraus.

Unternehmen müssen proaktiv handeln. In einer transparenten Welt kann man Probleme nicht unter dem Tisch halten. Das gilt ebenso für NGOs, auch sie stehen unter Beobachtung der Öffentlichkeit. In einer Welt mit 5 000 Fernsehprogrammen, Breitband-Internet und Zugang für viele ist Aufmerksamkeit allerdings ein rares Gut. Das Publikum erwartet nicht nur Management, sondern dynamische und effektive Führung und überzeugende Selbstdarstellung. So entsteht ein engagiertes und lösungsorientiertes Klima.

Die Limitationen der Ökosysteme werden erkannt – und in marktorientierte Lösungen übersetzt. Um das Jahr 2030 werden gar die systemerhaltenden Services der Natur wie Selbstreinigung der Flüsse oder Artenvielfalt ins ökonomische System integriert.

Nachhaltige Märkte entstehen: Zuerst wird ein Problem erkannt; Basisdaten, etwa über die Tragfähigkeit eines Ökosystems werden erhoben. Auf dieser Grundlage werden dann handelbare Nutzungsrechte verkauft. Das Ganze abgesichert durch ein Monitoring-System.

Jazz klingt oft zu schön, um wahr zu sein. Das Szenario endet mit dem Satz: „In dieser wettbewerbsorientierten Welt muss man schnell und früh lernen, sonst ist man einfach aus dem Spiel.“