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The Balanced Way

Franz Josef Radermacher weiß um die Sprengkraft, die in der Klimakatastrophe steckt. Sollte in den USA, bedingt durch Stürme ungeahnter Wucht, die Weizenernte dauerhaft gefährdet sein. Und sollten die USA in der Folge das Wirtschaftswachstum und den damit verbundenen CO2-Ausstoß in China und Indien als Aggression bewerten... Vergleichbare Konflikte sind beim Öl, bei Wasser und Ernährung denkbar. Die politische Dimension des Ressourcenproblems ist gewaltig.

Die Einstiegsfrage in die Radermacher-Szenarien (ausführliche Darstellung im Interview mit F.J. Radermacher) lautet deshalb: Schafft die Menschheit es rechtzeitig, die unverrückbaren Limitationen auf der Naturseite hart in das weltökonomische System zu integrieren? Im Szenario Business as usual heißt die Antwort Nein. Das System, in dem wir uns zur Zeit bewegen, ist nicht zukunftsfähig.

Hinzu tritt eine weitere Frage: Kann die Menschheit das Problem im Konsens der Staaten und Menschen lösen, also friedlich unter Beachtung der Menschenwürde aller sowie der Menschenrechte? Heißt die Antwort Ja, dann befindet wir uns im Wunsch-Szenario Ökosoziale Marktwirtschaft oder dem Balanced Way. Wird die Frage dagegen mit Nein beantwortet, dann entsteht das Ökodiktatorische Sicherheitsregime.

Die Dematerialisierung spielt in diesem Denken eine gewichtige Rolle. Sie ermöglicht erst die Radermachersche Zukunftsformel. Allerdings nur, wenn es gelingt, den Bumerangeffekt zu vermeiden, durch geänderte Rahmenbedingungen im Wirtschaftssystem.

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen oft spät, sehr spät reagieren, wenn der Problemdruck mehr als massiv geworden ist. Dann aber wird die Zeit für Verhandlungen und einen Interessenausgleich knapp. Die Maxime heißt: rechtzeitig handeln!

Szenarien

Business as usual, weiter wie bisher, eine Globalisierung im Zeichen des Neoliberalismus, also keine Limitierung beim CO2, beständiger Raubbau beim Wasser, beim Fischfang, bei der Produktion von Lebensmitteln – dieses Szenario endet in der Selbstzerstörung. „Menschen, die zu Massen verhungern, forcierte Migration, Chaos, Terror, Mord und Totschlag.“ Nach Radermacher eine Entwicklung mit geringer Wahrscheinlichkeit, nur etwa 15 Prozent. Der Grund: Der Norden hat zu viel zu verlieren.

Das ökodiktatorische Sicherheitsregime ist für Radermacher viel wahrscheinlicher. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse bewegen sich in chaotische Situationen hinein. Und dann wird schnell das Undenkbare denkbar: „präventive Schläge gegen andere Länder, Aufhebung der Souveränität armer Staaten, Tötung von uns feindlichen Regierungsmitgliedern. Da wird auch Orwells `84 denkbar, um die Sicherheit her zu stellen.“ Die heutigen Überwachungsmöglichkeiten sind schon sehr weit entwickelt. Handytelefonate können jederzeit abgehört und geortet werden. Und bei dem anstehenden Schritt zur Drahtlosen Computervernetzung werden sich die Möglichkeiten noch potenzieren. – Dabei geht es auch um die Verteilung von natürlichen Ressourcen: Öl, Wasser, Lebensmitteln und Mineralien. Eine Minderheit, beispielsweise der Norden als Ganzes, sichert sich die Kontrolle über den natürlichen Reichtum, der meist in den Ländern des Südens liegt.

Eine eher unwahrscheinliche Entwicklung ist für Radermacher übrigens die Fortress World, die Abschottung der Reichen in Ghettos mit gereinigtem Wasser und geklärter Luft. Nur die Stabilisierung des gesamten Systems – des Planeten Erde – führt zu einer dauerhaften Lösung. Die Konflikte bleiben, spitzen sich zu; das Festungs-Szenario ist nicht nachhaltig.

Die asymmetrische Verteilung des Wohlstands im Ökodikatatorischen Sicherheitsregime erzeugt Widerstand und Gegendruck auf Seiten der Ausgeschlossenen. Eine Spirale von Terrorismus und Gegenterrorismus ist die Folge. „Es ist offensichtlich“, schreibt Radermacher, „dass auf dieser Welt langfristig keine Chance zum Erhalt eines hohen Niveaus an menschlicher Kultur besteht.“

Der einzig sinnvolle Weg in diesem System von Szenarien ist der Ökosoziale Weg oder The Balanced Way. Ein Interessenausgleich zwischen Nord und Süd, Global Governance bis zum Weltvertrag. Und eine Gleichberechtigung der Entwicklungsländer. Die Dematerialisierung schafft in diesem Modell – ökologischen – Spielraum für ein ausreichendes Wachstum des Südens.