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Die Große Transformation

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU hat ein bemerkenswertes Gutachten vorgelegt:

Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation.

Was die Autoren sich zum Ziel gesetzt haben, ist nichts Geringeres als eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung aufzuzeigen – und den Weg dorthin. Der Fokus liegt dabei auf der Klimafrage. Stoffströme, wie sie bei jeder Energiegewinnung, in jeder Stadt, bei jeder Landnutzung anfallen, sind nicht Gegenstand der Studie. Sie steht ganz in der Tradition der WBGU-Untersuchungen zum Klimawandel – und kommt zu grundlegenden Ergebnissen, für die das Wort Revolution nicht zu groß gewählt ist.

Nach Fukushima

„Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit.“ Es sind Sätze wie dieser, die den turmhohen Anspruch der WBGU-Studie "Welt im Wandel" charakterisieren. Da ist die Rede von einer historischen Zäsur, vergleichbar nur mit der „Neolitischen Revolution, also der Erfindung und Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht, sowie der Industriellen Revolution... den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft“.

Vergleichbares hat man bereits häufiger gelesen. Aber noch nie von einem offiziellen Beratergremium der Bundesregierung. Die Wahl des Zeitpunkts der Veröffentlichung hätte nicht besser sein können: kurz nach der Atomkatastrophe von Fukushima und der Entscheidung der Regierung Merkel, die deutschen Atomkraftwerke schnellstmöglich abzuschalten. Was praktisch einem Einstieg in die Energiewende gleichkommt, hin zu regenerativen Quellen. Selbstverständlich war der Termin der Veröffentlichung nicht geplant. Die besondere politische Konstellation aber verleiht der neuen Studie eine gewisse Bodenhaftung.

Ziele sind eine weitgehende Dekarbonisierung der globalen Energiesysteme und eine Große Transformation „innerhalb der planetarischen Leitplanken der Nachhaltigkeit“. Die Weichen dafür müssten innerhalb dieses Jahrzehnts gestellt werden.

Im Fazit der Studie heißt es: „Der ‚fossilnukleare Metabolismus’ der Industriegesellschaft hat keine Zukunft. Je länger wir an ihm festhalten, desto höher wird der Preis für die nachfolgenden Generationen sein.“

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Das 2°C Ziel

Soll die menschen-gemachte Erwärmung der Atmosphäre bei 2°C plus gestoppt werden, dürfen bis 2050 nicht mehr als 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid emittiert werden. Das ist der Budget-Ansatz, wie ihn der WBGU in seinem Sondergutachten 2009 gewählt hat. Dieser Analyse folgt auch die neue Studie. Würden die globalen Emissionen auf aktuellem Niveau weiterlaufen, wäre das Budget bereits in 25 Jahren ausgeschöpft.

Nach Einschätzung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gerät das globale Klimasystem jenseits der 2°C Erwärmung außer Kontrolle. Das 2°C Ziel rechnet der WBGU mit Kant zu den „Bedingungen der Möglichkeit“ des Übergangs zu Klimaverträglichkeit und Nachhaltigkeit. Darunter fällt übrigens auch der Stopp der weltweiten Entwaldung – keine leichte Aufgabe.

Der WBGU hat sich zum Ziel gesetzt, die technische und wirtschaftliche Machbarkeit einer großen Transformation hin zu einer postfossilen Gesellschaft aufzuzeigen. Hinzu kommt, Hindernisse und Blockaden zu beschreiben und Pioniere des Wandels zu benennen.

Wie das gesellschaftliche Ergebnis schlussendlich aussehen soll, darüber macht der WBGU allerdings keine Angaben. Und zwar sehr bewusst. Ihm geht es um einen offenen Suchprozess, für den es sehr wohl möglich ist, Leitplanken zu benennen. Letztlich steht die Wissenschaft jedoch in einer dienenden Rolle, Innovationen und neue, heute noch ungekannte Lösungen sind jederzeit möglich. Die Studie endet mit einem Zitat von Albert Einstein: „Phantasie ist alles. Sie ist die Vorschau auf die zukünftigen Attraktionen des Lebens.“

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Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Grundlage der großen Transformation ist ein „neuer Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung“. Dahinter steckt die Idee, dass Individuen wie Zivilgesellschaft, sowohl die Nationalstaaten wie die Staatengemeinschaft, Wirtschaft und Wissenschaft Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft übernehmen. Kurz, es geht um einen Bewusstseinswandel.

Wie soll das gelingen? Eine zentrale Idee der Studie ist der „gestaltende Staat“, der Prioritäten und Rahmenbedingungen setzt. Aber kein bevormundender Staat, der die Mitsprache und Mitbestimmungsrechte seiner Bürger beschneidet. „Voraussetzung einer erfolgreichen Transformationspolitik ist... die simultane Stärkung des Staates und der Bürgerschaft unter dem Dach nachhaltiger Politikziele.“

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Die Große Transformation

Das Konzept eines Gesellschaftsvertrags für eine Transformation zur Nachhaltigkeit denkt der WBGU in Analogie zur Entwicklung der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert. Explizit stützen die Autoren sich dabei auf Karl Polanyi, der mit diesem Terminus die Stabilisierung moderner Gesellschaften beschrieben hat: dadurch nämlich, dass ungesteuerte Marktdynamiken und Innovationsprozesse mittels der Strukturen eines Rechtstaats, der Demokratie und des Wohlfahrtsstaats gebändigt und kultiviert wurden.

Eine neuerliche große Transformation, wie sie den Autoren des WBGU vorschwebt, ist allerdings nicht mehr auf nationalstaatlicher Ebene zu haben, sondern nur noch global.

Das Konzept ist weit entwickelt. Es werden sogar Zahlen genannt. Ein zusätzlicher globaler Investitionsbedarf „dürfte sich bis 2030 etwa in einer Größenordnung von 200 bis etwa 1.000 Mrd. US-$ pro Jahr bewegen, im Zeitraum 2030–2050 noch deutlich darüber“. Diesen Kosten stehen freilich Einsparungen ähnlicher Größenordnungen entgegen, die vermieden werden, wenn es gelingt, einen gefährlichen Klimawandel abzuwenden.

In ihrer Transformationsstrategie entwickeln die Autoren Empfehlungen für drei zentrale Handlungsfelder: die Decarbonisierung der globalen Energiesysteme, eine Entwicklung der urbanen Räume, die für einen Großteil der Energienachfrage verantwortlich sind, und die so genannten Landnutzungssysteme, also Land- und Forstwirtschaft einschließlich der Waldrodungen, die derzeit für ein Viertel der Treibhausgasemissionen sorgen.

Dass dieser Prozess, der detailliert beschrieben wird, kein Selbstläufer ist, ist allen Beteiligten klar. Der WBGU spricht in diesem Zusammenhang von einer „globalen Aufklärung“ und misst der Vernunft in Gestalt der Wissenschaft eine gewichtige Rolle zu.

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Fazit

Dass die WBGU-Studie die Transformationsdiskussion ausschließlich unter Klimagesichtspunkten führt, die Stoffstromdebatte links liegen lässt und damit die Dinge systemtheoretisch unnötig verkürzt, mag an der wissenschaftlichen Herkunft der Autoren liegen. Die Zusammenhänge zwischen Energie und Stoffströmen sind in Fachkreisen hinlänglich bekannt und wurden auf dieser Website eingehend behandelt.

Von der neuen WBGU-Studie darf man auch kein tieferes Verständnis einer zukünftigen globalen Wirtschaftsordnung unter Bedingungen der Nachhaltigkeit erwarten. Gleichwohl streift die Veröffentlichung Fragen einer Global Governance, und nicht nur am Rande.

Der Wert von "Welt im Wandel" liegt vielmehr darin, dass es diese Studie überhaupt gibt. Und dass sie eine Studie im Auftrag und adressiert an die Bundesregierung ist. Dass ein offizielles Beratergremium derart radikal Zukunftsfragen thematisiert. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.

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