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Sicherheitspolitik und Peak Oil

Auf knapp 100 Seiten analysiert das Dezernat Zukunftsanalyse der deutschen Bundeswehr in seinem Bericht „Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“ ziemlich schonungslos die systemischen Konsequenzen aus einem dauerhaften Absinken der Fördermenge beim Erdöl. Der Mitte August 2010 vorgestellte Bericht stellt fest, dass „eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Peak Oil bereits um das Jahr 2010 zu verorten ist“ und „Erdöl in absehbarer Zukunft nicht mehr den zu erwartenden Bedarf decken kann“. Die Politik soll für die sicherheitspolitischen Konsequenzen und komplexen Wirkungszusammenhänge sensibilisiert werden, die weit über ein bloßes Ansteigen der Energiepreise hinausgehen.

Die Studie untersucht die Folgen von Peak Oil in zwei Szenarien. Im ersten Fall wird von davon ausgegangen, dass derzeitige grundlegende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auch nach Peak Oil aufrecht erhalten bleiben. Trotzdem führt der Förderrückgang zu einschneidenden Konsequenzen. Der Ölmarkt stellt keinen freien Markt mehr dar, sondern wird zunehmend von bilateralen konditionierten Lieferbeziehungen geprägt, wie dies bereits vor 1970 der Fall war. Daher dürften die Förderländer attraktive Gegenleistungen für die Lieferung von Öl verlangen. China zeigt bereits jetzt, was darunter verstanden werden kann: Waffen oder Kleinwagen gegen Öl. Die von Deutschland betriebene wertorientierte Außenpolitik dürfte schwieriger werden, so beispielsweise die Israelpolitik, die auf massive Kritik der Förderländer im Nahen und Mittleren Osten stoßen könnte. Internationale Konflikte sind zu befürchten, wenn es um Ölvorkommen in internationalen Gewässern, wie beispielsweise der Arktis geht. Eine Substitution von Öl durch agrarindustriell erzeugte Treibstoffe führt zur Konkurrenz um Anbauflächen, der Anbau von Nahrungsmitteln könnte aufgrund der hohen Energiepreise ins Hintertreffen geraten. Außerdem führen sinkendes Wachstum und steigende Transportkosten zu einer schnellen Zunahme der Anzahl in Not geratener Staaten und zu Hilflosigkeit der internationalen Organisationen.

Das zweite Szenario ist buchstäblich Schlaf raubend. Es definiert einige Kipppunkte, die in einer Kettenreaktion zur völligen Destabilisierung des Weltwirtschaftssystems führen. Durch Überschreiten des Peak Oil sinkt das Angebot an fossilen Treibstoffen kontinuierlich. Dadurch schrumpfen die Volkswirtschaften auf unabsehbare Zeit.

Kurzfristig geraten die Staatshaushalte unter extremen Druck, weil sie gleichzeitig hohe Kosten für die Sicherstellung der auf der Nutzung fossiler Treibstoffe basierenden Nahrungsmittelversorgung, infolge hoher Arbeitslosigkeit drastisch gestiegener Sozialkosten sowie Investitionen in erneuerbare Energiequellen schultern müssen.

Mittelfristig droht gar der Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems und jeder marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft. Dies tritt ein, wenn in der Wirtschaft realisiert wird, dass eine dauerhafte Zeit des Schrumpfens bevorsteht. Dies führt zum Ausbleiben jeder Investition, zum Zusammenbruch von Börsen und Banken. Was dann geschieht, kann die Studie nicht mehr beschreiben: „Eine Desintegration kann nicht mehr im Rahmen des heutigen Systems analysiert werden. Es würde sich ein völlig neuer Systemzustand einstellen.“ Was ein solches Szenario für den Fortbestand der Demokratie in Europa bedeuten würde, kann nur erahnt werden.

Insgesamt ist die Studie der Bundeswehr ein dramatisches Plädoyer für einen beschleunigten Umbau des Energiesystems in Richtung erneuerbarer Treibstoffe.