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Stoffströme

Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch geschieht – aber auf hohem Niveau und von der Struktur her nicht zukunftsfähig. Der Verbrauch von nicht nachwachsenden Rohstoffen in der EU z.B. übersteigt den der nachwachsenden um das Vierfache; d.h. beständig wird massiv in die Landschaft eingegriffen, was in aller Regel zu einer Minderung der Qualität der Flächen führt: Artenvielfalt und Produktion von Biomasse werden massiv geschädigt. Insbesondere der Flächenverbrauch ist entschieden zu hoch.

Die Verfeuerung von Kohle, Gas und Öl führt mit Abstand zu den größten Massenverschiebungen: von der Erdkruste in die Atmosphäre – die damit zum größten Mülleimer der Geschichte der Menschheit wird.

Die gesamtgesellschaftlichen Stoffstrom-Analysen (z.B. von Dr. Stefan Bringezu, Wuppertal Institut) zeigen, dass eine Dematerialisierung um den Faktor 10 von nicht nachwachsenden Rohstoffen kommen kann und kommen muss. Für den Umgang mit nachwachsenden wird ein zukünftiges nachhaltiges Stoffstrom-Management Kriterien erarbeiten müssen.

Pro-Kopf-Verbrauch an natürlichen Ressourcen

Im Schnitt verbraucht jeder Europäer rund 75 Tonnen Natur pro Jahr – ohne Wasser; die Finnen sogar noch etwas mehr, wegen der intensiven Holzwirtschaft. Die Spitzenposition nehmen die US-Amerikaner mit 84 Tonnen pro Kopf ein; ein großer Teil des Naturverbrauchs geht auf Erdbewegungen, also ökologische Rucksäcke bei der Gewinnung von fossilen Energien, vor allem Kohle, zurück. Ähnlich ist es in Deutschland.

Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch ist aber schon gesunken. Der Grund: Nach der Wiedervereinigung wurde der Braunkohletagebau im Osten deutlich zurück gefahren. Auch in den USA hat es Fortschritte gegeben, dank eines Regierungsprogramms, das die Erosion von Ackerland – z.B. in der dust bowl im mittleren Westen – reduziert hat.

Solche Verbesserungen gibt es aber fast ausschließlich in der Gruppe der größten Materialverschwender. Länder mit einem relativ niedrigen Niveau wie Japan oder Großbritannien legen im Stoffverbrauch langsam zu.

Von China ganz zu schweigen, das sich in einer stürmischen Aufholjagd befindet.

Dieser Naturverbrauch, vor allem von nicht regenerativen Rohstoffen, ist in keiner Weise nachhaltig. Business as usual wird in der EU nicht zu einer signifikanten Reduzierung führen. Und die Entwicklungsländer holen auf.

Konservative Projektionen gehen für die kommenden 50 Jahre von einer Verdreifachung des Energie- und Rohstoffverbrauchs weltweit aus. Damit wäre die Tragfähigkeit der Ökosphäre der Erde bei weitem überschritten.
 

Die materielle Basis der Gesellschaft

Der TMR (total material requirement) umfasst alle Rohstoffe, die der Natur entnommen werden, sowohl die Entnahme im jeweiligen Land selber, wie auch die Importe. Und zwar einschließlich der ökologischen Rucksäcke. Bei der Kohle-Gewinnung ist das z.B. der Abraum, also Sand, Lehm oder Kies, die bewegt werden müssen, um an die Kohle heran zu kommen. Material, das erst gar nicht in den ökonomischen Kreislauf eingeht. Beim Braunkohletagebau sind die ökologischen Rucksäcke beispielsweise zehn Mal größer als die geförderte Kohle selber.
Für die EU gilt, dass die Eingriffe in die Natur vor Ort beständig sinken, die Schäden werden ins Ausland verlagert. Vor allem Metalle haben einen enormen ökologischen Rucksack. Luxus-Importe wie Platin, Gold oder Silber schlagen immer tiefere Wunden auf anderen Kontinenten. Selbst der ökologische Rucksack alltäglicher Güter wie Kaffee oder Kakao ist immens.

Bezeichnend ist, dass etwa die Hälfte bis drei Viertel des Inputs (TMR) die entwickelten Ökonomien nach einem Jahr bereits wieder verlassen, z.B. als Verbrennungsrückstände, hier vor allem CO2. Eine wahre Durchflusswirtschaft.

Aber ein erheblicher Teil des Materials bleibt zurück. Rein quantitativ wächst die europäische Wirtschaft um rund zehn Tonnen pro Kopf und Jahr. Immer mehr Gebäude, Straßen, Parkplätze. Die meisten modernen Ökonomien sind von einem Gleichgewicht aus- und einströmender Stoffe weit entfernt.

Die Top Ten

Die drei größten Stoffgruppen in der EU, und zwar der Reihe nach, sind fossile Energieträger, Mineralien und Metalle. Inklusive der Rucksäcke machen sie bereits 72 Prozent des Naturverbrauchs aus.

Hieraus ergeben sich bereits erste Anhaltspunkte für eine mögliche Dematerialisierungs-Strategie, z.B. moderne energiesparende Bautechniken mit weniger Material.

Ein Drittel des europäischen Ressourcenverbrauchs geht allein auf Kohle, Gas und Öl zurück; in Deutschland und den USA ist dieser Wert wegen der Bergbauaktivitäten noch einmal signifikant höher. Lässt man die ökologischen Rucksäcke einmal bei Seite, wird das Bild noch dramatischer. Das World Ressource Institute hat für Deutschland, die USA, Niederlande, für Österreich und Finnland errechnet, dass rund 80 Prozent des gesamten industriellen Outputs, nach Gewicht, CO2 ist. Moderne Industrie-Gesellschaften, Hightech hin oder her, sind Kohlenstoff basierte Gesellschaften. Ihr dominanter Stoffwechsel ist Verbrennung. Wobei enorme Mengen Material aus der Erdkruste in die Luft geblasen werden. Die Atmosphäre ist zum größten Mülleimer aller Zeiten geworden.

In der EU macht die erzeugte Biomasse nur 12 Prozent des TMR aus, das sind vor allem Produkte aus der Landwirtschaft. In der finnischen Wirtschaft, mit ihrer großen Forstwirtschaft, ist der Anteil an Biomasse rund doppelt so hoch.

In einer nachhaltigen Wirtschaft wird das Verhältnis von biotischen- und abitotischen Rohstoffen gründlich verschoben sein. Die Energiebasis wird letztlich auf erneuerbare Quellen gestellt werden müssen.
 

Entkopplung von Wirtschaftswachstum

Es gibt deutliche Anzeichen für eine Entkoppelung in den industrialisierten Ländern – allerdings auf hohem Niveau und bei tendenziell steigendem absolutem Naturverbrauch.

Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch sind in historischen Dimensionen immer Hand in Hand gegangen. Aus dieser Perspektive sind die Anzeichen von Entkopplung absolut neu und ermutigend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bisher kaum unterstützend wirken. Die Daten können auch so interpretiert werden, dass die Bumerangeffekte sich durchaus in Grenzen halten.
 

Erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe

Der Verbrauch von nicht erneuerbaren Rohstoffen übersteigt den von erneuerbaren in der EU um das Vierfache.

Wohl gemerkt, nicht alle Stoffflüsse sind per se schlecht. Aber in diesen gewaltigen Mengen verändert der Ressourcenverbrauch, vor allem der von nicht erneuerbaren, die Landschaft massiv und damit lebensichtige Funktionen der Natur. Ein Waldstück, ein Acker oder eine Wiese, ein Mal aus den natürlichen Kreisläufen heraus genommen und in ein Gewerbegebiet oder ein Autobahnkreuz verwandelt, wird in den seltensten Fällen wieder zu einer ökologisch wertvollen Fläche, sondern höchstens wieder zu Brachland. Eine kontinuierliche und irreversible Verschlechterung. Da helfen auch ökologische Ausgleichsmaßnahmen nichts.

Massive Eingriffe in die Biosphäre, wie die Verschiebung von Kohlenstoff von der Erdkruste in die Atmosphäre, werfen die evolutionäre Entwicklung aus der Balance.

Alle diese schleichenden Entwicklungen sind viel gefährlicher als die lang diskutierte Erschöpfung von Lagerstätten.

Aber auch die Gewinnung von Biomasse ist nicht ohne. In Europa geht mit der Produktion von jeder Tonne Biomasse – Getreide, Obst oder Gemüse – eine halbe Tonne Mutterboden verloren. In den USA, trotz deutlicher Verbesserungen, ist es noch erheblich mehr.

Deshalb ist es mit der Verschiebung hin zu erneuerbaren Rohstoffen – der Bauer als Ressourcen- und Energiewirt! – nicht ganz so einfach. So notwendig diese Entwicklung auch ist, so hilft sie letztlich nur, wenn schnell wachsende Pflanzen – beispielsweise zur Energie- oder Papierproduktion – auf nachhaltige Weise kultiviert werden. 

Explodierender Flächenverbrauch

Die am meisten übernutzte Ressource in Deutschland ist die Fläche. Während es bei der Energie- und Rohstoffproduktivität durchaus Fortschritte gibt, zeigen die Tendenzen beim Flächenverbrauch noch immer in die falsche Richtung. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verlangt, den Zuwachs an Siedlungs- und Verkehrsflächen auf 30 ha pro Tag zu reduzieren, und zwar bis zum Jahr 2020. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts liegt die Zunahme dagegen bei gegenwärtig 129 ha am Tag oder 15 Quadratmeter pro Sekunde – mehr als das Vierfache. Industrie, Bauherrn, Verkehrsteilnehmer, sämtliche Interessen sind gebündelt.

Das Wuppertal Institut hat ausgerechnet: Würde man diese Geschwindigkeit bei behalten, wäre die Fläche der Bundesrepublik Deutschland in 700 Jahren komplett von Straßen und Gebäuden überzogen.

Das wird nicht geschehen. Und dennoch wird jeder Quadratmeter in Zukunft gebraucht werden: nicht nur für Lebensmittel, nicht nur für die Produktion von Rohstoffen, sondern auch, damit die natürlichen Funktionen überhaupt erhalten bleiben – also eine gesunde Natur. Der aktuelle Flächenverbrauch ist ein starker Indikator dafür, dass die gegenwärtige Struktur der Wirtschaft nicht nachhaltig ist.
 
 

Der Faktor 10 aus Stoffstromsicht

Ein Faktor 10 für die gesamte materielle Basis der Gesellschaft (TMR) – das wird schwierig werden. Aber nur noch zehn Prozent der gegenwärtig genutzten abiotischen Rohstoffe – das ist aus einer volkswirtschaftlichen Stoffstromsicht für die Zukunft nicht nur machbar, sondern sogar notwendig.

Was wiederum nicht heißt, dass der Leitgedanke der Dematerialisierung nur für nicht nachwachsende Rohstoffe gilt: Auch Produkte aus nachwachsenden Stoffen – Lebensmittel undHolzprodukte – sollen und müssen dematerialisiert werden.

Aber ein zukunftsfähiges Ressourcenmanagement, das auch auf nachhaltig produzierte Biomasse setzt, wird wiederum neue Stoffflüsse produzieren. Dafür wird man strenge Kriterien finden müssen.
 
 

Ressourcenverbrauch in Deutschland. Die Vorgaben der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie – und der aktuelle Stand.

Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesrepublik Deutschland hat folgende Ziele gesetzt:
Flächenverbrauch bis 2020 reduzieren auf 30 ha pro Tag. Gegenwärtig sind es 129 ha.

Eine Verdopplung der Energieproduktivität im Zeitraum von 1990 bis 2020.

Eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität für nicht erneuerbare Materialien um den Faktor 2,5; und zwar innerhalb des Zeitraums 1993 – 2020.

Eine Reduktion von CO2-Emissionen um 25 Prozent, innerhalb des Zeitraums von 1990 – 2005.

Und schließlich eine Ausweitung der Anbaufläche ökologischer Anbaufläche von derzeit 2,5 auf 20 Prozent, bis zum Jahr 2010.

Der Ist-Zustand (außer Öko-Landbau) wird vom Statistischen Bundesamt in der folgenden Grafik (bitte anklicken) beschrieben: