faktor-x.info wird seit Dezember 2011 nicht mehr gepflegt und steht nur noch als Archiv im Internet.

Aktuelle Informationen finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit - www.nachhaltigkeit.info

HomeSitemapDrucken

"Wer vorne viel reingibt, kriegt hinten viel raus"

Die Idee

Die Idee zur Dematerialisierung entwickelte Friedrich Schmidt-Bleek beim Internationalen Institut für Angewandte Systemforschung (IIASA) in Laxenburg bei Wien. Gorbatschow suchte Rat, auf der Suche nach einem Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft. Die Gelegenheit schien günstig. Schmidt-Bleek zog alle umweltpolitischen Register; beim Umweltbundesamt in Berlin hatte er das deutsche Chemikaliengesetz entwickelt, beim technischen Umweltschutz kannte er sich aus. Die Antwort aus dem Kreml war ein unmissverständliches Nein. Zu teuer!

„Ich war ziemlich erschüttert damals“, sagt Schmidt-Bleek. „Denn das hieß ja, dass außerhalb der OECD-Länder kein Staat in der Lage ist, Umweltschutz zu treiben, dass mindestens 150 Länder der Erde gesagt haben: Das kannste vergessen.“ Der komplette nachsorgende Umweltschutz erschien mit einem Mal als der falsche Weg. Dass man nämlich erst mal fleißig drauflosproduziert, und erst hinten, am Auspuff, am Schornstein, am Abwasserrohr die Schadstoffe rausholt. Das kostet Geld, zusätzliche Ressourcen und Energie; dazu Verwaltung, Messtrupps und Umweltpolizei. „Wir haben eine Nicht-Marktwirtschaft erfunden, um die Marktwirtschaft sauberer zu machen.“

„Und da habe ich gesagt: Da muss man in Gottes Namen vorne weniger reingeben.“

Die Dematerialisierung

"Die technisch verursachten Materialbewegungen auf dieser Erde“, schreibt Schmidt-Bleek , „die scheinbar grenzenlose Gewinnung von Energie und aller anderen Ressourcen sind bisher ein Haupthindernis dafür, unser Leben auf diesem Planeten zukunftsfähig zu machen. Da aber die menschliche Ökonomie ein Schmarotzer ist, der nur von der Ökosphäre leben kann, sind wir schon auf dem besten Wege, durch gedankenlose Überforderung des Gastgebers Erde unser eigenes Überleben in Frage zu stellen ... Das Ziel muss aus heutiger Sicht sein, möglichst weitgehend zu verhindern, dass Ressourcen mit technischen Mitteln der Natur entnommen und bewegt werden. Wir müssen anstreben, die Ökosphäre so wenig wie nur eben möglich zu stören.“ (Das MIPS-Konzept, S. 14)

Der Weg zum Ziel heißt Dematerialisierung: durch technische und organisatorische Mittel die Ressourcenproduktivität steigern –Wohlstand aus weniger Material.

Schon in seiner Geburtsstunde hatte das Prinzip der Dematerialisierung globalen Charakter. Der Norden sollte – bei gleich bleibendem Wohlstand – seinen Ressourcenverbrauch runter fahren, damit der Süden sich entwickeln kann.

Der ökologische Rucksack

Dematerialisierung wird immer im System gedacht. Die gesamte Entstehungskette eines Produkts wird aufgerollt.Zum Beispiel: man kann die Regenrinnen eines Hauses aus Zinkblech fertigen oder aus Kupfer. Schaut man nun in die Entstehungsgeschichte des Materials, findet man erstaunliche Zahlen. Ein Kilogramm Zink „kostet“ etwas mehr als 20 Kilogramm Natur. Das Kilogramm Kupfer dagegen 500! Weil Kupfer in der gesamten Entstehungskette – vom Bodenaushub bei der Gewinnung, beim Transport bis zur Energie beim Schmelzen – viel aufwendiger ist als Zink. Verwendet man also Zink- statt Kupfer-Regenrinnen, wird der Naturverbrauch deutlich gesenkt.
„Der Ökologische Rucksack ist definiert als die Summe aller natürlichen Rohmaterialien von der Wiege bis zum verfügbaren Werkstoff oder zum dienstleistungsfähigen Produkt in kg pro kg, abzüglich dem Eigengewicht des Werkstoffes oder Produktes selbst.“ (Das MIPS-Konzept, S.82)

Das MIPS-Konzept

MIPS heißt: Materialinput pro Serviceeinheit. Der Materialinput für einen Gegenstand, die Dachrinne, kann durch die Wahl eines günstigen Materials – Zink statt Kupfer – gesenkt werden. Wenn die Dachrinne aber auch noch so gefertigt ist, dass sie länger hält, kann sie länger ihren Dienst erfüllen – oder mit Schmidt-Bleeks Worten: mehr Serviceeinheiten abgeben. Der Materialverbrauch pro Serviceeinheit verringert sich. Ein langlebiges Produkt ist im Sinne der Dematerialisierung deshalb günstiger. Ein Auto, das eine Million Kilometer hält, das modular aufgebaut ist, das im Laufe seines Lebens repariert und upgedatet werden kann – das wäre im Sinne von Schmidt-Bleek ein Schritt von der Durchfluss- zur Systemerhaltungswirtschaft

Der Landeplatz

Schmidt-Bleek weiß sehr wohl, dass die Dematerialisierung nur ein Aspekt eines langfristigen Zukunftskonzepts sein kann. Andere Indikatoren für eine tragfähige Entwicklung könnten sein: einetolerierbare Arbeitslosenrate, ein bestimmtes anzustrebendes Wirtschaftswachstum, wünschenswerte kulturelle Ziele. Dies zusammen genommen nennt Schmidt-Bleek einen Landeplatz – möglicherweise für die nächsten 20 Jahre. Über die Grundzüge eines solchen Konzepts soll es eine breite Verständigung der Gesellschaft geben.