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Ressourcen managen - und zwar global

Anfang November 2007 hat sich das International Panel for Sustainable Resource Mangement in Budapest konstituiert. Darin arbeiten rund 20 Wissenschaftler aus allen Erdteilen. Unterstützt werden sie von der Umweltorganisation der Vereinten Nationen UNEP. „Die Klimafrage steht derzeit auf der ökologischen Agenda ganz oben“, sagt UNEP-Direktor Achim Steiner, „ aber es gibt noch mehr unbequeme Wahrheiten, die wir zur Kenntnis nehmen müssen.“ Insbesondere die derzeit gültigen Produktions- und Konsummuster seien nicht durchzuhalten.

Die Gründung des Panels ist ein weiterer entscheidender Schritt, die Themen Dematerialisierung und Ressourcenmanagement auf der entscheidenden Ebene zu verankern, nämlich auf der globalen. Der Arbeitsplan des Panel – gültig für den Zeitraum von 2008 bis 2010 – vermittelt ein aufschlussreiches Bild über die anstehenden Fragen.

Entkoppelung

Seit 1950 ist die Weltwirtschaft um den Faktor 5 gewachsen. Gleichzeitig hat die Menschheit in diesem Zeitraum mehr Ressourcen verbraucht als in ihrer gesamten Geschichte vorher. Diese Entwicklung ist in keiner Weise nachhaltig. Weder für die Wirtschaft, die durch unsichere Energie- und Ressourcenlieferungen zunehmend verletzbar wird, noch für ihr natürliches Trägersystem, die Erde.

Die Entkoppelung von ökonomischem Wachstum einerseits und dem Verbrauch von Ressourcen andererseits ist somit eine Schlüsselfrage jeder zukunftsfähigen Entwicklung – und ein Kernbestandteil des FAKTOR X-Konzepts. Spätestens seit dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannisburg 2002 ist dieser Gedanke auf der politischen Agenda angekommen. Mittlerweile arbeiten die G8-Länder beispielsweise auch daran, die 3R Initiative (reduce, reuse, recycle)  zu implementieren.

Entkoppeln, das sagt sich so leicht. Auf Seiten der Wirtschaft stehen dabei Indikatoren wie die Bevölkerungsentwicklung oder das Bruttosozialprodukt. Die ökologischen Indikatoren haben eine erhebliche Bandbreite, mal geht es um den Energieverbrauch, um Materialflüsse oder CO2-Emissionen – wenn man genauer hinsieht, bleiben eine Reihe Fragen offen.

Verständigen muss man sich z.B. in welcher Weise es zu entkoppeln gilt. Relative Entkoppelung, z.B. weniger Materialinput pro Serviceeinheit, bedeutet in der Regel, dass der Ressourcenbrauch insgesamt weiter steigt. Weil das Wirtschaftswachstum die Einspareffekte übersteigt. Erst die absolute Entkoppelung sorgt für sinkende Materialinputs. Darum geht es.

Sollte dies gelingen, eröffnet sich eine weitere Schwierigkeit: Das Konzept der Entkoppelung sagt an sich nichts über ökologische Grenzen. Es bedeutet eben nur weniger Stahl, weniger CO2-Ausstoß oder effizientere Biomassenutzung. Aber reicht das? Möglicherweise, so heißt es im Hintergrundpapier des International Panel, gilt es in diesem Zusammenhang auf Daten des Ökologischen Fußabdrucks zurück zu greifen.

Schließlich, eine Entkoppelung, die ausschließlich national oder auch europäisch angestrebt wird, geht häufig nur auf Kosten der sich entwickelnden Länder.

Aus all dem resultieren Schlüsselfragen, die es über die kommenden Jahre zu beantworten gilt:

- Wie wird das Panel das Konzept der Entkoppelung definieren?
- Welche weiteren Untersuchungen sind in diesem Zusammenhang notwendig?
- Wie kann das Konzept der Entkoppelung gemessen werden?

Dafür gilt es Definitionen, Indikatoren und Methoden zu entwickeln und international abzustimmen. Im Sinne eines globalen Ressourcenmanagements braucht es einen ganzheitlichen und systemischen Rahmen. Das ist die zentrale Aufgabe des Panel.

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Wichtige Produkte und Ressourcen

Es gibt Millionen von Konsumgütern, dazu Dutzende wichtiger Materialien und Ressourcen. Für den politisch Handelnden stellt sich somit die Frage: Wo anfangen?

Erste Antworten fallen relativ leicht. Da gibt es das große Themenfeld der fossilen Energieträger Kohle, Gas und Öl und die damit einhergehenden Klimaeffekte. Des Weiteren stehen wichtige, z.T. auch seltene Metalle auf der Tagesordnung. In diesem Zusammenhang gibt es einen klaren, linearen Zusammenhang: von der Gewinnung, über die Verarbeitung, die Nutzungsphase, bis zur Deponierung. Ein geringerer Einsatz dieser Metalle würde eine Entlastung auf allen Ebenen bringen.

Schaut man jedoch genauer hin, werden die Dinge komplizierter. Bei biotischen Ressourcen, z.B. Fisch oder tropischer Regenwald, gibt es keine einfachen linearen Zusammenhänge mehr, sondern komplexe Regelmechanismen.

Fragt man nach Konsumbereichen und deren Auswirkungen auf die Ökologie, ergeben sich klare Anhaltspunkte. Für die USA und Europa gilt, dass auf die drei Sektoren Essen und Trinken, private Mobilität und Wohnen etwa 70 bis 80 Prozent der ökologischen Belastungen gehen.

Fragen des Panels an sich selbst:

Sind bestimmte Methoden und Praktiken zur Priorisierung von Ressourcen und Produkten überhaupt von Nutzen? Gibt es Erkenntnislücken?

Wenn dem so ist – würde ein solches System der Priorisierung konstruktiv oder relevant für die globale Ebene sein?

Welche spezifischen Bedürfnisse und Merkmale gibt es für sich entwickelnde und Schwellenländer? Und welche Unterstützung (capacity building) benötigen sie in diesem Zusammenhang?

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Metalle

Der größte Teil der Erze zur Metallproduktion für europäische Länder oder auch Japan oder Korea wird importiert. Die ökologischen Auswirkungen in den exportierenden Ländern sind dabei sehr unterschiedlich. Bei Stahl und Aluminium schlägt einfach die schiere Masse zu Buche, dazu kommen große Mengen Energie, die für die Produktion notwendig sind. Bei Blei und Kadmium fallen insbesondere ökologische und gesundheitliche Aspekte ins Gewicht. Während bei Kupfer die gewaltigen Mengen an Abraum in den Minen besonders kritisch sind. Bei der Gewinnung von Metallen werden Landschaften regelmäßig schwer zerstört. Das gilt insbesondere für Edelmetalle wie Gold.

In der Nutzungsphase kommt es weniger auf das Metall als solches an, vielmehr sind es die Produkte selber, die sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Ökologie haben können. Autos brauchen Kraftstoff, Kühlschränke und elektronische Geräte benötigen elektrische Energie, Häuser müssen geheizt und beleuchtet werden. Um alle diese Aspekte zu erfassen und gewichten zu können, braucht es ein umfangreiches Life Cycle Assessment (LCA).

Hinzu kommen Fragen des Recyclings. (So werden Metalle auf eine technische Art und Weise zu „renewables“.) Für jedes Metall gibt es aus ökonomischer wie aus ökologischer Sicht eine optimale Recyclingrate. Darüber hinaus wird der Prozess zu aufwendig und damit kontraproduktiv.

Ein nachhaltiges Ressourcenmanagement für Metalle im globalen Sinne muss schließlich auch die Erschöpfung der Lagerstätten ins Auge fassen. Eisen beispielsweise könnte um das Jahr 2050 herum bereits knapp werden, bei anderen Metallen wie Lithium wird es noch enger.

Die zentralen Fragen an das Panel lauten folglich:

Was ist besser für die Umwelt: die Förderung von Metallen oder ihr Recycling?
Wo sind die Wissenslücken mit Blick auf ein Management von globalen Metallflüssen?
Wo sind die Schranken? Und welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

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Biokraftstoffe

Dies ist eine komplexe Materie (siehe Beitrag zu Agrofuels). Soziale, ökonomische und ökologische Aspekte sind auf das Engste miteinander verwoben. Hinzu kommen regionale und lokale Besonderheiten des Anbaus von „Energiepflanzen“. An dieser Stelle seien deshalb nur die Leitfragen des Panel genannt:

Wie ist die Meinung des Panel zur Vision einer nachhaltigen Bioenergie, wie sie von der UN vorgelegt worden ist? 

Wie ist der aktuelle Wissensstand zu Perspektiven von Feldfrüchten und dem Handel von Biokraftstoffen, sowie den Nachhaltigkeitsaspekten bei der Produktion und der Nutzung mit Blick auf eine globale Lieferkette von Biokraftstoffen?

Soll das Panel dazu beitragen, Nachhaltigkeitskriterien für Biokraftstoffe zu entwickeln – und wenn ja, wie?

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Mitglieder

Empfehlungen für die Besetzung des Panel nahm die UNEP in einem mehrstufigen Konsultationsprozeß von UN Institutionen, internationalen Organisationen und Regierungen entgegen. Auswahlkriterien: Balance bezüglich geographischer Herkunft, Geschlecht und wissenschaftlicher Expertise (Ökosysteme, Produktion, Konsum und Recycling, Sozio-Ökonomie und Strategien). Das Gremium hat zwei Vorsitzende, einer davon ist Ernst Ulrich von Weizsäcker.  Aus 150 Empfehlungen wurden vorerst 22 Experten ausgewählt, die zwischen 2008 und 2010 aktiv werden sollen. An der 1. Sitzung in Budapest nahmen letztendlich 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teil, darunter Stefan Bringezu für Deutschland, Marina Fischer-Kowalski für Österreich und Yuichi Moriguchi  für Japan.

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