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Interview F.J. Radermacher:
Ohne Dematerialisierung keine globale ökosoziale Lösung

Der Bumerang-Effekt

FRAGE: Das sogenannte papierlose Büro ist zum Ort des größten Papierverbrauchs in der Geschichte der Menschheit geworden. Und die Möglichkeiten der modernen elektronischen Kommunikation haben eben nicht dazu geführt, dass Reisen durch Videokonferenzen ersetzt werden. Im Gegenteil! Wir organisieren während der Reise mit dem Handy schon die nächste Reise. Das sind Ihre Worte, mit denen Sie den Bumerangeffekt beschreiben. Wie kommt man aus dieser Falle raus?

RADERMACHER: Der Bumerangeffekt besteht darin, dass die Menschheit sich bisher in ihrem Wunsch nach immer mehr Wachstum entschlossen hat, zwei Wachstumsquellen zu nutzen. Das eine ist der technische Fortschritt, der es erlaubt, aus einem bestimmten Input immer mehr zu machen. Gleichzeitig nutzt sie aber auch immer mehr Input, um aus mehr Input und mehr Technik immer noch mehr Wachstum zu generieren. Also besteht der Bumerangeffekt darin, dass mit einer immer besseren Technik letztlich doch mehr Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch verbunden ist. Weil, obwohl pro Wertschöpfungseinheit die Belastungen und Verbräuche im Mittel herunter gehen, die Anzahl der Einheiten eben noch immer schneller wächst als wir pro Einheit besser werden.

FRAGE: Ein aktuelles Beispiel?

RADERMACHER: Viele Leute erhoffen sich die Lösung der Ernährungsproblematik und die Sicherung der genetischen Vielfalt letztlich durch Programme im Bereich der Gentechnik. Jurassic Park als Modell. Das ist noch Zukunftsmusik. Stattdessen ist es aber mit diesen Methoden heute bereits gelungen, einen Pockenvirus zu synthetisieren, so dass die Menschheit keine Chance mehr hat, dieses Virus für immer zu eliminieren. Weil wir jetzt über die wissenschaftlichen Methoden verfügen, dieses Virus selber zu erzeugen. Dabei reicht das Wissen um die Natur eines solchen Virus schon aus, um einen Evolutionsprozess zu starten und das Virus zu produzieren. Man kann sogar bisher unbekannte Varianten produzieren – mit Blick auf den Terror ist das ein Albtraum. Und wenn diese Technik vielleicht auch schon Gutes möglich gemacht hat, hat sie uns doch auch wieder ein neues Sonderproblem beschert.

FRAGE: Technik löst also das Problem des Bumerangs alleine nicht.

RADERMACHER: Die Limitation schädlicher Auswirkungen einer neuen Technik ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Dies ist schwieriger, als die Effizienz zu steigern und zu dematerialisieren. Es ist schwieriger, die frei gesetzten Kräfte zu bändigen, als sich Mechanismen für immer mehr Freisetzung auszudenken.

Ein Gegenmittel: Grenzen setzen

FRAGE: Versuchen wir’s, reden wir über die Limitation!

RADERMACHER: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Im Kern geht es um die Frage: Wie verständigt sich eine große Zahl von Menschen über den Umgang mit einer Knappheit, die sich auf das Kollektiv bezieht?

FRAGE: Beispiel?

RADERMACHER: Wenn die Menge der CO2-Emissionen gedeckelt wird – wer bekommt wie viel? Begrenzte Ölvorräte und eine bestimmte jährliche Produktionsmenge – wer bekommt zum Schluss wie viel davon? Eine bestimmte Produktionsmenge in der Landwirtschaft – wer bekommt wie viel von der primären Biomasse? Wir regeln das normalerweise über Märkte. Dann tritt das Problem auf, im Markt eine Grenze zu inkorporieren. Das kann man z.B. machen, indem man Eigentumsrechte zuordnet. Dann stellt sich aber sofort die Frage der Logik der Zuordung der Eigentumsrechte. In der Regel tritt eine sogenannte Gefangenendilemma-Konstellation auf, d.h. folgendes: Alle miteinander wären am besten dran, wenn sie sich auf eine Lösung einigen. Aber keiner will eine Lösung zu seinen Lasten, jeder besteht auf mehr, als er in natürlicher Weise haben könnte, weil er davon ausgeht, dass andere ebenso verfahren. Weil das aber jeder tut, erzeugt man in der Summe zu viel Belastung, weshalb man irgend wann mit den Folgen leben muss, was die Schlechteste aller Möglichkeiten für alle ist. Aber weil keiner bereit ist, das zu tun, was einen Kompromiss mit dem anderen ermöglichen würde, haben zum Schluss alle die Nachteile zu tragen.

Wachstum und Verteilung

FRAGE: Eine Strategie, die immer ganz gut funktioniert hat, heißt Wachstum: Man packt einfach alle in einen Aufzug, der fährt hoch und nimmt die Armen und die Reichen gleichermaßen mit.

RADERMACHER: Wachstum ist grundsätzlich eine Chance in dem Sinne, dass es immer mehr zu verteilen gibt. Und das ist leichter, als wenn von vornherein nur ein begrenzter Kuchen da ist. Und noch schwieriger ist es, sich bei Schrumpfung zu einigen. Mit Wachstum kann man eine Menge Probleme zudecken. Allerdings ist Wachstum nicht im beliebigen Umfang ohne schädliche Nebenwirkungen zu haben. Wir müssen zur Zeit das Wachstum insofern begrenzen, als wir bestimmte ökologische Knappheiten und soziale Grenzen mit bedenken müssen. Das schwierigste Problem dabei ist, diese Grenzen in das System zu inkorporieren.

Limitation am Beispiel Öl

FRAGE: Welche Grenzen setzen wir den Märkten? Noch mal am Beispiel fossiler Energie.

RADERMACHER: Das sind zwei verschiedene Probleme: das des Öls und das des CO2. Beim CO2 ist die Lösung relativ einfach. Entweder wird auf dieser Welt mit Konsens oder aber mit Machtanwendung ein Regime durchgesetzt, das die Deckelung bewerkstelligt.

FRAGE: Das heißt, dass nur eine bestimmte Menge pro Jahr verfeuert werden darf.

RADERMACHER: Die Menschheit hat sich ja in Rio geeinigt, was sie für das zulässige Gesamtniveau hält. Das sind etwa die Hälfte der Emissionen von 1992. Also weiß die Menschheit eigentlich, auf welches Niveau sie sich begeben will. Jetzt müsste man das irgendwie durchsetzen. Und es gibt grundsätzlich zwei Typen von Durchsetzung, die eine geht über den Konsens, die andere durch Machteinwirkung. Eine ökodiktatorische Lösung könnte so aussehen, dass der reiche Norden sich „großvaterartig“ hohe Rechte an Emissionen zusichert.

FRAGE: Großvaterartig heißt: Man bleibt in etwa auf dem Anspruchsniveau, das man historisch erreicht hat.

RADERMACHER: Ja, man hält sich sozusagen an einen Status quo. Und fragt: Wie ist die Verteilung heute? Kleine Modifikationen werden dabei zugelassen. Das heißt im Kern: Wer bisher viel CO2 emittieren durfte, darf es zukünftig auch. Wer bisher wenig emittiert hat, darf auch zukünftig nur wenig emittieren. Jeder bleibt in etwa auf seinem heutigen Niveau. Die arme Welt findet das verständlicherweise völlig inakzeptabel, so dass man ihr das möglicherweise mit Gewalt aufzwingen müsste, wenn man das Problem so lösen möchte – großvaterartig.

Die Alternative wäre zu sagen: pro Kopf gleiche Rechte, zumindest in einem überschaubaren Zeitraum. Aber diese Rechte sind handelbar. Damit würde das Recht, CO2 zu emittieren, zu einer ökonomischen Größe. Man könnte dieses in den Weltmarkt integrieren, indem etwa die Länder untereinander CO2-Rechte handeln und dann verpflichtet werden, in ihren eigenen ökonomischen Prozessen zu Hause mit dem Volumen auszukommen, das ihnen pro Kopf und nach Handel zusteht. Diese Lösung hat eine Chance, im Konsens verabschiedet zu werden, weil sie Gleichheit der Emissionsrechte pro Kopf herstellt. Und weil den ärmeren Ländern erhebliche Mittel zufließen würden; die reicheren Länder würden ihnen die entsprechenden Rechte abkaufen, die sie heute zum Nulltarif mit „verjubeln“.

und die politische Durchsetzung

FRAGE: Zwei Lösungsstrategien – aber sie müssen auch machbar sein.

RADERMACHER: Beim ersten Weg muss der Norden seine militärische Macht einsetzen, er geht gewisse Risiken ein...

FRAGE: ...um sich z. B. die Ölvorräte zu sichern.

RADERMACHER: So weit sind wir noch nicht! Wir sind noch beim CO2-Problem. Die Frage ist: Wie kann man CO2-Emissionen im Süden verhindern? Eine Möglichkeit ist die Destabilisierung. Das hieße Bedingungen herbei führen, unter denen im Süden hohe Wachstumsraten nicht möglich sind. Der andere, der Weg des Konsenses ist auch möglich, sogar ziemlich einfach: Da müsste der Norden dem beschriebenen System des CO2-Handels nur zustimmen, dann könnte man innerhalb weniger Jahre ein solches System installieren. Bei gleichen Rechten pro Kopf würde der Süden sofort zustimmen.

Der Ölpreis steigt automatisch

FRAGE: Noch mal zu Öl.

RADERMACHER: Beim Öl haben wir zwei Arten von Knappheit. Das Maximum der Ölproduktion wird in Kürze erreicht sein. Wir können nichts dagegen tun, dass wir gegen eine Grenze laufen.

FRAGE: Der Depletion Mid Point, der Punkt, an dem die Hälfte der Ölvorräte weltweit gefördert sein werden.

RADERMACHER: Das wird 2015 wohl spätestens der Fall sein.

FRAGE: Und schlägt voll auf den Markt durch: Der Ölpreis schießt nach oben.

RADERMACHER: Vor allem, weil auch Inder, Chinesen und andere mehr Öl nachfragen werden. Dann haben wir eine Grenze. Vernünftigerweise würde die Menschheit allerdings eine Grenze unterhalb dieser Rate setzen, um die Vorräte zu strecken. Dann würde man vereinbaren, wie viel Öl pro Jahr gefördert wird. Eine Lösung könnte auch hier wieder der Versteigerungsmechanismus sein. Man würde die Menge festlegen. Und jedem Menschen die gleiche Menge zugestehen; auch hier würde man diese Anteile handelbar machen. Wer Öl kaufen will, muss sich erst mal die Rechte dazu kaufen. Auf diese Weise würde natürlich der Ölpreis signifikant steigen. Aber die arme Welt würde zumindest dafür entschädigt, dass sie auf diese begrenzte Menge nicht so zugreifen kann wie die reiche Welt.

Die Lösung, die jetzt wahrscheinlich auf uns zukommt, ist anders. Wir werden diesen knappen Rohstoff in maximalem Umfang und damit so schnell wie nur möglich verbrauchen. Dann, wenn die Preise drastisch steigen, wird sich die reiche Welt einen überproportionalen Zugriff sichern – einfach über den Marktmechanismus –, ohne den Süden für die Ausfälle in irgend einer Weise zu kompensieren. Was große ökonomische Probleme in den ärmeren Ländern nach sich ziehen wird, wie bei der ersten Ölpreiskrise – und sehr viel Hass erzeugen wird.

Co-Finanzierung

FRAGE: Die Verhandlungslösung, sagen Sie, ist nur denkbar unter Bedingungen einer Co-Finanzierung. Was heißt das?

RADERMACHER: Das ist der ökosoziale Weg, bei dem man einen fairen Konsens sucht. Dies ist der Kern der Nachhaltigkeit: Die Umwelt schützen, also eine Deckelung von Nutzungen durchsetzen – aber gleichzeitig die Entwicklung der ärmeren Länder, also aufholen. Dafür gibt es durchaus eine Chance. Die EU-Erweiterungen zeigen, wie das geht, das Montrealer Protokoll zeigt ebenfalls, wie es geht. Die Lösung ist immer die selbe: Co-Finanzierung gegen Angleichung von Standards.

Co-Finanzierung: kein Opfer, sondern wohlverstandener Eigennutz

FRAGE: Co-Finanzierung, sagen Sie, muss weltweit in der Größenordnung von ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts liegen, und zwar in der Verschiebung von Nord nach Süd. Oder bei der EU-Erweiterung von West nach Ost. In der Nord-Süd-Dimension scheint das ungleich schwieriger zu sein.

RADERMACHER: Sie nennen es „Verschiebung“. Tatsächlich ist es anders. Wenn in der EU reichere Länder ärmere Länder co-finanzieren, dann helfen sie insbesondere auch sich selber.

FRAGE: Z.B. Deutschland und Polen.

RADERMACHER: Zum einen hört das Dumping an den Grenzen auf, was ein ganz starkes Motiv ist, andererseits ist das Wachstumspotential in Polen viel höher als bei uns. Wir werden davon erheblich profitieren. In gewisser Weise zahlen wir eine kleine Summe, um an einer anderen Stelle überproportional zu profitieren. Man muss sich hier vollständig von der Vorstellung trennen, man würde hier großzügig etwas abgeben, man würde sich hier opfern. Das ist genauso unsinnig, als wenn man sagen würde, wenn reiche Leute viel Steuern zahlen, damit es keine richtig Armen gibt, dann würden sie etwas abgeben im Sinne von sich opfern. Nein, sie finanzieren Bedingungen, unter denen sie in Frieden reich sein können und ihren Reichtum generieren können und ihnen nicht Banden von Obdachlosen als Wegelagerer aufwarten.

Ansonsten wird darüber schon in der EU viel diskutiert. Ein großer Block sind die Agrarhilfen, der andere Block die Structural Funds, die Ausgleichsfonds für Kohäsion. Das war alles bisher kein Problem, weil der reiche Kern der EU Spanien, Portugal oder Griechenland co-finanziert hat. Aber im Moment ist die EU unter Globalisierungsdruck selber knauserig, diesen Topf zu vergrößern. Und jetzt müssen all die Neuen, die viel ärmer sind, mit dem bisherigen Topf integriert werden. Derzeit gibt es ein Hauen und Stechen um die Reduktion dieser Mittel bei den alten Gewinnern mit Blick auf die Hilfen für die neuen Partner.

Co-Finanzierung als weltweites Prinzip

FRAGE: Die Erweiterung der EU, das ist ein Prozess, der unter unseren Augen abläuft, ein Faktum. Sie möchten dieses Prinzip der Co-Finanzierung übertragen...

RADERMACHER: ...auf die ganze Welt.

FRAGE: Aber da hinter stehen noch einige Fragezeichen. Weltweit gibt es keine übergeordnete Institution wie die EU, es gibt ein WTO-Regime, das in eine ganz andere Richtung zeigt, die USA haben mit diesem Ausgleich gar nichts am Hut. Also: das selbe Prinzip – aber ganz andere Bedingungen.

RADERMACHER: Ein wichtiges Prinzip ist zunächst das Volumen der internationalen Zielsetzung, 0,7 Prozent Entwicklungshilfe zu leisten. Da ist man von ein bis zwei Prozent dann nicht mehr weit weg. Immerhin liegt die EU bei 0,35 Prozent Entwicklungshilfe. Der Skandal ist, dass die USA bei 0,1 Prozent liegen. Aber Hoffnung geben die Nordeuropäer, die leisten nämlich schon heute 1,2 Prozent. Eine Größenordnung, die wir international brauchen.

Nun Ihre FRAGE: Wer sind die Institutionen? Für mich ist der Anker jeder Lösung die WTO. Sie muss geeignet mit den internationalen Finanzmärkten und der Weltbank gekoppelt werden. Und dann geeignet mit der International Labor Organization (ILO) und den Umweltabkommen. Die reichen Länder wollen diese Koppelung, sie würden gerne in der WTO hohe Umweltstandards und hohe Sozialstandards verabreden, so dass Handel nur noch unter Beachtung dieser Standards von statten gehen kann. Die armen Länder aber legen ihr Veto ein, weil das Unterlaufen hoher Standards ihre einzige Chance ist, wettbewerbsfähig zu sein.

Die Lösung wäre: das Angebot einer Co-Finanzierung gegen die Bereitschaft, diese Standards zu akzeptieren. Der Kompromiss trägt auch einen Namen: Weltmarshallplan. Es gibt nicht nur ein sehr schönes Buch von Al Gore zu diesem Thema, die Europäer haben – z.B. auf der Rio 10 Konferenz in Südafrika 2002 – ein konkretes Programm vorgelegt. Die Denkstrukturen sind da, die Mechanismen, wie man das tun könnte, sind eigentlich auch da. Was bisher fehlt ist die Bereitschaft zur Co-Finanzierung, wobei sie in Europa im Prinzip schon da ist, übrigens auch bei den Japanern. Wir scheitern immer an den USA

Neoliberalismus gegen Rheinschen Kapitalismus

Das eigentliche Problem ist, dass wir in den USA eine Denkschule haben, die Co-Finanzierung von vorn herein als falsches Instrument darstellt. Und meint, dass das einzige und vernünftige Entwicklungsprogramm ein freier Markt ist. Also Deregulierung, Öffnung der Märkte – und nicht Co-Finanzierung.

FRAGE: Dagegen steht der rheinische Kapitalismus.

RADERMACHER: Eine Denke, die in Europa stark vertreten ist, in Österreich besonders. Die Niederländer nennen es das Poldermodell. In Asien ist es die Netzwerkökonomie, die sehr stark auf der Familienebene ausgleicht. Dagegen steht die Neoliberale Ideologie des freien Marktes, der Turbokapitalismus, ein Gedankengebäude der autistischen Ökonomie. Der größte Denkfehler in der Geschichte der Menschheit. Ein gigantischer Marketingtrick der Umverteilung nach oben. Das größte Risiko, was wir derzeit auf diesem Globus haben.

Szenarien für das 21. Jahrhundert

FRAGE: Lassen Sie uns doch bitte mal Szenarien entwickeln. Wir haben zwei Wege in die Zukunft: den neoliberalen und den ökosozialen. Wo führen die denn jeweils hin? Vielleicht in zehn oder 20 Jahren.

RADERMACHER: Es gibt im Kern drei Alternativen. Systemtheoretisch gesprochen: drei Attraktoren. Attraktoren kann man sich auf einer Fläche wie Täler vorstellen. Und die Kugel landet zum Schluss stets in einem der Täler, nicht irgendwo dazwischen. Die drei Alternativen leiten sich von zwei weltethischen Fragen ab. Die erste lautet: Bekommt die Menschheit es rechtzeitig hin, die unverrückbaren Limitationen auf der Naturseite knallhart in das weltökonomische System zu integrieren? Ja oder nein.

1. Szenario: Business as usual - Dann bricht in absehbarer Zeit die Ressourcenbasis zusammen

FRAGE: Die letzten Limitationen sind?

RADERMACHER: Z.B. die Grenze möglicher CO2-Emissionen. Wenn wir diese nicht beachten, wird dies zu einer Klimaproblematik und daraus resultierenden Konflikten führen. Der Fall Nein, ist der Weg, auf dem wir im Moment sind. Wir bekommen die Knappheiten nicht ins System. Wir kriegen Probleme bei Öl, bei CO2, bei Ernährung. Wir bekommen Mord und Totschlag wegen einer zusammen brechenden Ressourcenbasis. Das ist das erste Szenario.

FRAGE: Wie heißt es?

RADERMACHER: Es heißt Business as usual. Weiter so! Die Wahrscheinlichkeit für diesen Fall liegt meiner Ansicht nach etwa bei 15 Prozent.

FRAGE: Nur 15?

RADERMACHER: Ich glaube, dass die reiche Welt es nicht zulassen wird, dass das ökologische System kollabiert, weil sie zu viel zu verlieren hat. Wenn die ökologische Basis kollabiert, bricht auch bei uns der Reichtum in sich zusammen.

FRAGE: Also keine Ghettos der Reichen mit gefiltertem Wasser und gefilterter Luft.

RADERMACHER: Wenn Sie die prinzipiellen Fragen nicht lösen, gibt es auch keine Insel für Reiche, auch kein gefiltertes Wasser mehr. Sie bekommen einen Kollaps und einen Aufstand inklusive Terror gegen den Kollaps und Mord und Totschlag. Wenn Sie alles laufen lassen, ist zum Schluss alles kaputt.

2. Szenario: das ökodiktatorische Sicherheitsregime. Das Undenkbare wird denkbar

FRAGE: Ein anderes Szenario?

RADERMACHER: Mit 85 Prozent Wahrscheinlichkeit wird die Menschheit das Problem der letzten Knappheiten irgendwie lösen. Das heißt, zum Schluss wird die Menschheit die Knappheit der Naturressourcen in das ökonomische System integrieren. Die Frage ist nur wie?

FRAGE: Wieder zwei Möglichkeiten.

RADERMACHER: Hier kommt die zweite ethische Frage ins Spiel: Kann die Menschheit das Problem im Konsens der Staaten und Menschen lösen, also friedlich unter Beachtung der Menschenwürde aller sowie der Menschenrechte? Oder löst sie es in Form eines massiven asymmetrischen Sicherheitsregimes der Reichen zu Lasten der Armen? Ich sehe etwa 35 Prozent Wahrscheinlichkeit für den Ökosozialen Weg. Und etwa 50 Prozent für ein Ökodiktatorisches Sicherheitsregime. Das heißt, ich vermute folgende wahrscheinliche Entwicklung: Wir machen erst einmal weiter Business as usual. Irgend wann werden die Schäden so deutlich, dass wir dann wie in einer Chaoslage auf ein anderes Szenario schwenken. Wir sind heute mit dem Terror vielleicht schon mitten drin in diesem Wechselprozess. Und in diesem Szenario wird alles denkbar, was bisher undenkbar war: präventive Schläge gegen andere Länder, Aufhebung der Souveränität armer Staaten, Tötung von uns feindlichen Regierungsmitgliedern. Da wird auch Orwell 1984 denkbar, um die Sicherheit her zu stellen. Man wird plötzlich erkennen: Die Situation ist ökologisch so gefährlich destabilisierend, wir müssen sofort etwas tun. Und da Verträge bedeuten, dass man viel Zeit und Geduld braucht, gibt es eine große Tendenz, eine rasche Lösung mit Druck und Gewalt zu suchen, asymmetrisch. Aber das kostete einen Preis. Denn gegen Asymmetrie gibt es in der Regel Widerstand. Dann bekommt man verstärkt ein Phänomen, das wir heute Terrorismus nennen.

Ökodiktatorisches Sicherheitsregime konkret

Ich schau mir in diesem Zusammen gerade zwei Fälle an. Und zwar ausgehend davon, dass es vielleicht wirklich eine Klimaproblematik gibt. Jetzt stelle man sich im Jahr 2025 zwei Fälle vor: Wegen der immer weiter gehenden Emissionen werden die Küstenregionen Bangladeshs geflutet. 30 Millionen Menschen verlieren ihre Heimat. Bangladesh verklagt die USA vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Aggression in Form der fortgesetzten und immer noch zunehmenden CO2-Emissionen dieses Landes. Der Internationale Strafgerichtshof gibt Bangladesh Recht. Die USA weisen diesen Richterspruch allerdings mit einem Achselzucken als lächerlich zurück. Darauf hin machen sich Bangladeschis als Selbstmordattentäter auf den Weg. Wenn diese in Deutschland zwischenlanden – wie müssen wir sie behandeln? Das ist der ‚harmlose’ Fall.

Jetzt kommt der harte. Die selbe Klimakatastrophe führt dazu, dass die USA dermaßen mit Blizzards und Hurrikanen konfrontiert werden, dass in den USA regelmäßig die Weizenernte vernichtet wird und die USA ein Ernährungsproblem bekommen. Die USA erklären in dieser Situation die zunehmenden CO2-Emissionen der Chinesen und Inder als eine Aggression. Die Chinesen und Inder argumentieren, dass sie pro Kopf deutlich weniger emittieren als die USA. Die USA argumentieren, es sei das Problem dieser Länder, dass sie so viele Menschen haben. Wenn sie weniger Menschen hätten, könnte sie auch mehr pro Kopf emittieren. Außerdem können die USA erklären, es komme nicht darauf an, wie viel man pro Kopf emittiere, sondern darauf, wer einen empfindlichen Status quo verändert – in diesem Fall bedroht diese Veränderung die Ernährungsbasis der USA. Alle sollen bitte zur Kenntnis nehmen, dass die USA eine solche Veränderung des Status quo als Aggression begreift und dagegen präventiv einzuschreiten gewillt sind. Das beschreibt etwa die Problematik, die in diesem Modell auf uns zukommen könnte.

FRAGE: Der Name des Modells noch mal, bitte!

RADERMACHER: Das Ökodiktatorische Sicherheitsregime. Es ist ökologisch, weil es die Umwelt- und Ressourcenprobleme Ernst nimmt und für eine Lösung sorgt. Es ist insofern diktatorisch, als es diese Lösung asymmetrisch mit Gewaltanwendung und zu Lasten der armen Ländern durchsetzt. Es wird ein Sicherheitsregime sein müssen, weil die Seite der Verlierer diesen Weg nicht einfach akzeptieren wird. Und dann das in Gang kommen wird, was wir Terror nennen. Weshalb wir Gegenterror einsetzen werden. Und dann sind wir in der Situation, die wir in Israel derzeit beobachten können.

Terror und Gegenterror

FRAGE: Was können wir denn beobachten?

RADERMACHER: Was passiert, wenn die reichere und stärkere Seite ihre eigene, sich selbst bevorteilende Sicht der Dinge asymmetrisch zu Lasten der anderen Seite durchzusetzen versucht. Dann haben wir David gegen Goliath. Aber David nimmt das nicht einfach hin. Ferner dann, wenn die Situation offensichtlich zu unerträglich ungerecht ist, dann sucht sich David eine Lösung. Und sei es, dass er sein eigenes Leben hin gibt und sich in die Luft sprengt. Und jetzt hat Goliath ein Problem: Wie hindere ich Leute daran, dass sie sich in die Luft sprengen? Jetzt kann ich anfangen, diese zu Terroristen zu erklären, ich kann die Häuser von Terroristen in die Luft sprengen, ich kann in Mengen von Menschen hinein schießen, auch wenn dabei Kinder sind, weil ich vermute, dass auch ein Terrorist darunter ist. Aber mit allem, was ich tue, erzeuge ich nur noch mehr Hass und bekomme noch mehr Selbstmordattentäter. Solange ich die anderen nicht vollständig eliminieren kann, potenzieren sich die Probleme. Oder man muss alle Bürger – à la Orwell – mit eingepflanztem Chip im Gehirn unter totale Kontrolle bringen.

FRAGE: Sie haben zwei Szenarien beschrieben, beide negativ.

3. Szenario: Balanced Way - die ökosoziale Lösung

RADERMACHER: Bisher habe ich die ökologische Katastrophe beschrieben und alternativ die kulturell-soziale Katastrophe, die aus einer asymmetrischen Lösung der ökologischen Problematik resultiert. Damit sind wir wieder beim dritten Szenario: dem Balanced Way. Dieser ist im Grunde nichts Neues. Das ist der Denkansatz, mit dem Nachhaltigkeit als Konzept auf der UN-Ebene gestartet ist und seit 30 Jahren verfolgt wird. Es geht um eine simultane Lösung für die zwei zentralen Herausforderungen, die vor uns liegen: die Umweltbelastungen und den Ressourcenverbrauch zu limitieren und das unter einer Perspektive, die den armen Ländern das Aufholen ermöglicht.

FRAGE: Sie schreiben, nüchtern betrachtet sei der Unterschied hinsichtlich der Kosten zwischen den beiden Negativszenarien einerseits und dem Positivszenario andererseits gar nicht so groß, es ginge nur um ein oder zwei Prozent, wie wir eben bereits gesagt haben, in der richtigen Nutzung und Umverteilung des Weltbruttosozialprodukts. Es ist gar nicht so viel nötig, um diesen Hebel umzulegen.

RADERMACHER: Nicht viel nötig – allerdings geht es um ein sehr diffiziles intellektuelles Problem, das allein schon wieder in Ihrer Begriffsbildung zum Ausdruck kommt, nämlich in der von Ihnen so bezeichneten „Umverteilung“.

Die Horrorvorstellung aller Menschen, die reich sind, ist, dass die Weltprobleme gelöst werden, indem man ihnen etwas weg nimmt und es den Armen gibt. Das wäre die Umverteilung. Wenn man aber die heutigen Unterschiede zwischen Nord und Süd über Umverteilung eliminieren wollte, dann müsste der Norden selber arm werden. Das ist undenkbar. Wenn die Lösung auf Dauer nur die Umverteilung wäre, in dem Sinne, dass man dem einen etwas weg nimmt, damit der andere etwas zu konsumieren bekommt, dann wären wir in einer hoffnungslosen Lage. Dafür gäbe es keine vernünftige Lösung.

Empowering

Aber glücklicherweise ist ja die Lage ganz anders.

Es geht im Kern darum, dass der arme Teil der Welt befähig wird, sich seinen Wohlstand selber zu verdienen. Es geht um eine Welt, die sehr viel reicher ist als heute. Weil der arme Teil der Welt so gut wird, dass er sich seinen Reichtum selbst erwirtschaftet. Die ein bis zwei Prozent Transfer zielen auf Ermöglichung, auf Empowering, darauf, vorteilhafte Bedingungen zu schaffen, die es dem armen Teil der Welt erlauben, sich seinen Reichtum selber zu verdienen und auf Dauer reich zu werden. Aber nicht zu unseren Lasten, sondern in einem gewissen Sinne zu einem gemeinsamen Vorteil. Das ist eine ganz andere Denke als die Vorstellung der Umverteilung.

Intellektuell geht es um das richtige Verständnis der gleichen Chancen und der Gleichheit. Das Gleichheitsprinzip besagt nach Definition des Deutschen Verfassungsgerichts: Gleiches gleich behandeln; aber genauso konsequent Ungleiches ungleich behandeln. Das Problem des neoliberalen Denkens ist, dass man sozusagen einen Wettbewerb organisiert, bei dem alle die gleichen Bedingungen haben. Aber weil die Ausgangssituation so ungleich ist, heißt gleiche Bedingungen an dieser Stelle: massive Begünstigung derer, die schon begünstigt sind. Und das auf Dauer zu Lasten von denen, die nicht begünstigt sind, womit wir eine Perpetuierung der Ungleichheit durch ein formales Prinzip der Gleichheit haben. Während ein richtig verstandenes Gleichheitsprinzip sagt: Wir müssen die Ungleichheit ein bisschen kompensieren durch vernünftige Bedingungen, so dass der Benachteiligte in diesem Wettbewerb die Chance bekommt, wirklich auf das selbe Niveau der Bevorteilten zu kommen, also Ungleichbehandlung des Ungleichen. Wenn wir jetzt darüber reden, dass wir ein – zwei Prozent richtig einsetzen, dann setzen wir sie genau an dieser Stelle ein. Das heißt, wir schaffen günstige Bedingungen, damit der Schwächere unter ansonsten Gleichheitsbedingungen tatsächlich aufholen kann. Das ist das geistige Konzept.

FRAGE: Könnten Sie das an Hand Ihrer Zukunftsformel erläutern?

RADERMACHER: Die absolute Schlüsselfrage ist Wachstum. Und wenn das im Kontext von Nachhaltigkeit geschehen soll, reden wir nur noch über ein mit Nachhaltigkeit verträgliches Wachstum. Also eines, das nicht Bestände kapitalisiert. Wenn wir weltpolitisch die Grenzen durchgesetzt haben, über die wir reden, ökologische wie auch soziale und kulturelle Grenzen, dann geht es nur noch um Wachstum innerhalb und nie mehr zu Lasten dieser Grenzen, wie das heute der Fall ist.

FRAGE: Also doppelter Faktor 10: Dematerialisierung um den Faktor 10 und Steigerung des Weltbruttosozialprodukts in der selben Größenordnung.

Reiche Länder - geringes Wachstum: Arme Länder - hohes Wachstum

RADERMACHER: Sie sind mir ein wenig zu schnell. Ich will auf die Frage hinaus: Wie viel Wachstum ist denn möglich? Wir reden immer noch über ein mit Nachhaltigkeit verträgliches Wachstum. Faustregeln: Reiche Länder können vielleicht zwei Prozent Wachstum pro Kopf schaffen, arme Länder acht bis neun. Warum ist das so? Weil es bei reichen Ländern Wachstum nur noch durch Innovation gibt. Wenn zum Schluss alle Ressourcen schon genutzt werden, alle Mitglieder der Gesellschaft arbeiten und alle gut ausgebildet sind, dann ist das einzige, was man noch tun kann: etwas Besseres erfinden. Erfinden ist teuer, organisieren ist teuer, und Suchprozesse für Innovationen sind furchtbar teuer. Also sind zwei Prozent pro Kopf viel. Übrigens ist Demokratie vorteilhaft bei dieser Art von Prozessen. Komplexe Suchprozesse kann man in Demokratien besser organisieren als in Diktaturen.

FRAGE: Warum?

Aufholende Länder überspringen die Entwicklung

RADERMACHER: Weil man einfach mehr Spielraum, mehr Freiheit, mehr Optionen hat. Ein reichhaltigerer Raum; es darf mehr ausprobiert werden; es wir nicht so viel kontrolliert und reglementiert..

Also, wenn einer vorne ist, zahlt er dafür den Preis, dass er maximal noch zwei Prozent echtes Wachstum pro Kopf schafft. Dagegen hat einer, der aufholt, die Chance, die Entwicklung zu überspringen, die Chance des sogenannten Leapfrogging.

FRAGE: ...Quantensprünge?

RADERMACHER: Ja, er macht Quantensprünge, weil er zunächst nichts erfinden muss, sondern gute Lösungen übernehmen kann. Wenn ein Land in die EU kommt, übernimmt es den gesamten Bestand der Regulierungen, der Gesetze, der Organisationsformen – alles ausprobiert, alles da. Technisch übernimmt es Mobilfunk. Da muss man keine Kupferkabel legen. Die Chinesen bekommen den Transrapid fast zum Nulltarif – wir haben ihn entwickelt und bezahlt. Der Leapfrogger kann ohne weiteres acht Prozent pro Kopf machen; und für Leapfrogger ist es oft von Vorteil, keine Demokratie zu haben. Weil man ziemlich strickt ein vorgegebenes Programm abwickeln und dazu notwendige interne Entscheidungen durchsetzen kann.

FRAGE: Die Matrix ist da.

RADERMACHER: Ja, und die Methode auch. Deshalb war Singapur so erfolgreich, 40 Jahre lang. Darum waren die Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg so erfolgreich, und darum sind die Chinesen heute so erfolgreich. Aber interessanterweise, immer wenn sie vorne ankommen, hört es sofort mit dem hohen Wachstum auf. Das war bei den Japanern der große Frust; im Moment sind die Singapuri genau an diesem Punkt – vorbei! Jetzt müssen sie in Innovationen investieren. Dieses Problem hat jeder, der vorne ist. Außerdem muss man in Richtung einer voll ausgebauten Demokratie gehen. Und genau vor diesem Problem stehen jetzt die Singapuri. Ich kann nicht sprudelnd innovativ sein, wenn ich zu autoritär organisiert bin.

Also ist der Schlüssel aller Überlegungen, dass ein aufholendes Land im Prinzip an die acht Prozent Wachstum pro Kopf kommen kann, wenn es das Richtige tut. Ein reiches Land dagegen muss froh sein, wenn es zwei Prozent schafft. Über 20 Jahre heißt aber acht Prozent Wachstum pro Jahr Vervierfachung des Wohlstands. Das haben die Singapuri 40 Jahre gemacht, sie sind 16fach so reich geworden wie zu Beginn und sind jetzt pro Kopf reicher als die Deutschen. Und die Chinesen haben dies 20 Jahre lang gemacht und haben ihr Bruttosozialprodukt vervierfacht und sind jetzt viel reicher als die Inder.

FRAGE: Was aber auch Probleme mit sich bringt.

Korruption führt zu schlechten Entscheidungen

RADERMACHER: Eine der größten Schwierigkeiten des Leapfrogging-Prozesses ist die Korruption. Wenn aufholende Länder Korruption dulden, geht sofort ein Großteil der Chancen verloren. Ein Teil des Vorteils geht dann in die Schmiergelder. Viel schlimmer aber ist, dass die Schmiergelder zu schlechten Entscheidungen beitragen. Darum haben die meisten aufholenden Länder weniger Wachstum als die reichen Länder. Weil sie letzten Endes den Leapfrogging-Prozess nicht richtig organisieren. Insbesondere haben es auch Demokratien oder Halb-Demokratien sehr schwer, vor allem wenn der Norden seine Möglichkeiten nutzt, mit diesen Staaten wie in Lateinamerika alle möglichen Deals zu seinem Nutzen und zu Gunsten der Führungsklasse dieser Länder durchzuziehen.

Der entscheidende Punkt zur Wiederholung ist: China verdient sich seinen Reichtum selber; Singapur hat sich seinen Reichtum selber verdient; und das ist ein Programm für die Welt, mit Wachstumsraten pro Kopf von acht Prozent pro Jahr, und das 50 Jahre lang.

Und jetzt zur Zukunftsformel. Sie übernimmt die Idee des Faktor 10, zunächst einmal als Erhöhung der Ökoeffizienz.

FRAGE: Sie haben kein Problem mit dem Faktor 10?

Faktor 20 - systemisch betrachtet

RADERMACHER: Als Leiter eines High-Tech-Instituts weiß ich, dass das kein prinzipielles Problem ist. Und zwar deshalb, weil die meisten Leute den Faktor 10 falsch verstehen. Die schauen sich ein Auto an und fragen sich, wie sie jemals mit einem Zehntel Energie auskommen können. Das ist die völlig falsche Frage. Wir haben ja heute bereits die Technik, um über Videokonferenz und Internet einen großen Teil der Reisen überflüssig zu machen. Nur, so wie die Menschen sind, werden die Reisen nicht überflüssig, so lange das Fliegen auch noch immer billiger wird. Aber sobald wir einmal die ultimativen Grenzen der Umweltbelastungen und Ressourcenverfügbarkeiten fair in die Weltordnung integriert haben, wird physische Mobilität so teuer, dass sie in der heutigen Form nicht mehr durchsetzbar ist. Das heißt für weniger wichtige Geschäftsanlässe wird man nicht mehr durch die Gegend düsen, weil dies nicht mehr bezahlbar sein wird. Für kleine Urlaube reist man dann erst recht nicht mehr um die Welt. Und Güter niedrigster Wertschöpfung werden nicht um den Globus gekarrt. Wir bekommen eine vollkommen andere Struktur; die Ökonomie niedriger Wertschöpfung wird re-regionalisiert, und Transporte über große Distanzen gibt es nur, wenn es ökonomisch sehr bedeutsam ist. Damit wird ein großer Teil der CO2-Emissionen als Folge der Mobilität sofort gestoppt. Das heißt aber nicht, dass wir weltweit weniger Auto fahren. Wir werden weltweit sogar deutlich mehr Auto fahren als bisher. Allerdings deutlich sparsamere Autos. Wenn der Norden – sagen wir – nur noch ein Drittel der Belastung von heute erzeugt, mit besserer Technik und weniger Fahrten, aber alle Chinesen und Inder dann tendenziell so viel fahren wie wir, dann heißt das unterm Strich: absolut immer noch viel mehr gefahrene Kilometer.

FRAGE: Und das ist der Faktor 10.

RADERMACHER: Man muss weg von dieser naiven Vorstellung, an jeder Stelle käme der Faktor 10. Der Faktor 10 ist systemisch über die gesamte Ökonomie und Gesellschaft zu verstehen!

Doppelter Faktor 10: Dematerialisierung und Steigerung des Weltbruttosozialproduktes

Ich habe mit dem Faktor 10 überhaupt kein Problem. Insbesondere dann nicht, wenn wir ihn mit einer Verzehnfachung des Wachstums koppeln. Die Idee ist, diesen Dematerialisierungs-Effekt voll zu übersetzen in eine Steigerung der Wertschöpfung. So dass wir dann, im Zeitraum 2050 bis 2100, das zehnfache Weltbruttosozialprodukt von heute hätten, ohne ein Mehr an Umweltverschmutzung, mit dem gleichen Ressourcenverbrauch wie heute. Innerhalb strikter Grenzen der Belastungen des ökologischen Systems und mit genügend sozialem Ausgleich. Also ein mit Nachhaltigkeit verträgliches Wachstum, bezogen auf die Weltökonomie.

FRAGE: Als Win-Win-Win

RADERMACHER: Mit Einschränkung: Wir könnten kurzfristig sogar noch mehr verjubeln – allerdings um den Preis sehr großer langfristiger Probleme. Das ist die Stelle, wo die Gier sich gegen diesen Vorschlag stellt. Aber auch nur mittelfristig gerechnet ist es für alle eine Win-Win-Win-Situation: für den Norden, den Süden und die Umwelt.

Wachstum: 2,8% für den Norden, 8,2% für den Süden

Die Situation korrespondiert, wenn man eine 50-Jahre-Perspektive hat, mit etwa 2,8 Prozent Wachstum im Norden und etwa 7, 3 Prozent im Süden. Und zieht sich das bis 100 Jahre hin, dann sind es im Norden noch etwa 1,4 Prozent und im Süden um die 3,6. Was man sofort sieht: Dass es eigentlich ganz zufrieden stellende Wachstumsraten sind, über die wir uns im Norden durchaus freuen würden, und die die meisten Länder im Süden noch nie erreicht haben. Durch einen vernünftigen „Empowering“-Prozess wird die Welt erst richtig reich. Und zwar deshalb, weil sie nicht so viel Humankapital ineffizient verschwendet, wie sie das heute tut.

Die Verschwendung besteht ja heute darin, dass manche afrikanische Frau und Mutter drei Stunden marschiert, um zwei Eimer Wasser zu holen. Und die Kraft einer Frau für einen ganzen Tag ist verbraucht. Eine Welt, die so verschwenderisch mit ihren Humanressourcen umgeht, muss ja pro Kopf betrachtet eine arme Welt sein. Weil 80 Prozent der Weltbevölkerung unter völlig unzureichenden Bedingungen operiert.

FRAGE: Welche Rolle spielt die Zukunftsformel an dieser Stelle?

Die Zukunftsformel

RADERMACHER: Die Formel heißt übersetzt in das Aufteilungsverhältnis: Dass der Norden seine Möglichkeiten noch einmal vervierfacht, während der Süden seine Möglichkeiten vervierunddreißigfacht.

FRAGE: Wo kommen diese Zahlen her?

RADERMACHER: Wir haben heute – als Schema – eine Situation, in welcher der Norden mit 20 Prozent der Menschen 80 Prozent des Wohlstands hat, bei einem Kuchen der Größe 100. Während der Süden mit 80 Prozent der Menschen nur 20 Prozent des Wohlstands inne hat. Wenn sich nun die Weltökonomie verzehnfacht, dann wächst der Kuchen von 100 auf 1 000. Und wenn der reiche Teil der Welt sein Volumen noch einmal vervierfacht, dann geht er von 80 nach 320 – wir sind dann vier Mal so reich wie heute. Nichts desto trotz besitzen wir anteilig statt heute 80 Prozent dann nur noch 32 Prozent. Also in der Relation geht der Norden massiv zurück, obwohl er seinen Wohlstand vervierfacht. Dabei lässt er ein Volumen von 680 offen. Genau dahin kann sich der Süden entwickeln. Er könnte eine Vervierunddreißigfachung seines heutigen Wohlstands erleben. Genau das entspricht diesen Wachstumsraten von etwa 2,8 und 7,3 Prozent, wenn man dies über 50 Jahre schafft und von etwa 1,4 und 3,6 Prozent, wenn der Zeithorizont zur Zielerreichung 100 Jahre beträgt.

Die Zukunftsformel sagt nur Folgendes: Der ökosoziale Weg ermöglicht einen fairen Kompromiss zur Durchsetzung der nötigen ökologischen und sozialen Limitationen, dem der Süden in einem freien Vertrag zustimmen kann, wenn ihm die Perspektive eröffnet wird, in einem Aufteilungsmuster 4 zu 34 die Verzehnfachung geschickt einzusetzen. Für den Norden ist das attraktiv, denn höhere Wachstumsraten als auf diesem Weg sind auf Dauer in reichen Ländern nie erreicht worden. Aber für den Süden ist es auch ein attraktives Konzept. Es führt zwar nicht zur Wachstumsrate von China, aber es ist sehr viel mehr, als die meisten armen Länder je hinbekommen haben.

Die Zukunftsformel und der Frieden

Es steckt aber noch mehr in der Formel. Aus rein systematischen Überlegungen kommt man dahin, dass der Frieden von Gesellschaften voraussetzt, dass man ein Ausgleichsniveau in einer bestimmten Größenordnung von zumindest 45 Prozent erreicht. Dabei geht es (analog zur EU-Armutsdefinition) um das Verhältnis der niedrigsten pro Kopf Einkommen zum Durchschnitt. Alle erfolgreichen Staaten auf diesem Globus haben heute ein Ausgleichsniveau zwischen 45 und 65 Prozent. Der Globus insgesamt ist hingegen heute in einem katastrophalen Zustand von nur etwa 12,5 Prozent. Wenn man nach der Zukunftsformal operiert, erreicht man am Ende des Prozesses auf die ganze Welt betrachtet ein Ausgleichsniveau von etwa 50 Prozent. Dann ist man in einem Zustand, der in etwa der heutigen Situation in Europa entspricht – aber für den ganzen Globus. Nach aller historischen Erfahrung verspricht dieser Zustand so viel Friedensfähigkeit, dass man sich im Prinzip eine Weltdemokratie vorstellen könnte.

FRAGE: Wie übersetzt man das in die politische Sphäre? Auch vor dem Hintergrund des Terrorismus, wie wir ihn derzeit erleben.

RADERMACHER: Im Kern reduziert sich das auf die Frage, ob das Hauptdenkmodell für die Organisation der Ökonomie weltweit und national das Modell eines freien, immer weiter deregulierten Marktes ist – oder ob das beste Modell das rheinische Modell ist, also eine ökosoziale Marktwirtschaft? Hier stellt sich die FRAGE: Welchen Preis zahlt man für das freie Modell, von dem ja bis vor kurzem viele Leute überzeugt waren?

Kritik am Neoliberalismus

Wir sehen nun mittlerweile, dass es da ein paar Knackpunkte gibt. Das wird jetzt selbst für Naive offensichtlich. Wir zahlen einen hohen Preis in Form der offenbar kommenden Klimakatastrophe, mit der Rückversicherungsproblematik bei Hochwasser und Stürmen. Wir zahlen aber auch einen enormen Preis in Form von Betrugsdelikten an den internationalen Finanzmärkten, wo Insider das System in unglaublicher Weise plündern. Wir erleben aber auch die ganze Problematik am Ende der Illusion der New Economy, in der man meinte, man könnte sich sozusagen digital der realen Probleme der Welt entledigen. Die Probleme bleiben zum Schluss aber sehr real und sehr materiell. Nun, der wichtigste Punkt ist wahrscheinlich die Terrorproblematik; wir erleben, dass die soziale Spaltung und die daraus resultierenden kulturellen Verwerfungen der Welt unerträglich sind. Wobei man sehen muss: Dieses Phänomen ist neu. Bis vor kurzem war die Welt national organisiert. Also sahen sich die Menschen als Bürger eines Landes. Alle Länder haben einen vergleichsweise hohen sozialen Ausgleich im Verhältnis zum Zustand der Erde. Alle Länder liegen in der Equity bei 30 Prozent oder höher. Nur die Welt ist bei 12,5. Da passiert folgendes: In dem Moment, da sich die Menschen als Bürger einer Welt verstehen, die bei ihnen zu Hause ins Fernsehen kommt, und die bei ihnen zu Hause ökonomisch durchgreift, wird das Equity-Problem zu einer Bombe. Weil wir von der nationalen in eine weltökonomische Struktur hinein kommen.

Inzwischen gibt es vermehrt Überlegungen, ob an dieser Logik der Deregulierung, des Turbokapitalismus etwas nicht stimmt, und dass man vielleicht doch eine andere Logik bräuchte. Was man braucht, ist die Logik einer sozialen Marktwirtschaft, von Ausgleich und Verträgen. Es ist nicht länger der unreflektiert akzeptierte Glaube, dass immer dann, wenn man etwas dereguliert, es dadurch schon besser wird. Oder um es noch plakativer zu sagen: Auch unter Deregulierungsbedingungen fließt Wasser nicht den Berg hinauf.

Das intellektuelle Ringen geht darum, eine andere Sicht auf das optimale ökonomische Modell durchzusetzen. Bisher lebt das neoliberale Modell von der völlig naiven Vorstellung, dass, wenn ich entfessele und dereguliere, und der Staat nicht immer weniger umverteilend wirkt, man so viel mehr Wachstumskräfte frei setzt, dass es sich zum Schluss für alle lohnt, selbst für die Ärmsten. Diese Grundthese des Liberalismus ist aber schlicht Unsinn! Diese These ist empirisch falsch. Dies gilt immer dann, wenn die Ungleichheit zu hoch wird, also sicher dann, wenn die Equity unter 45 % sinkt.

FRAGE: Wie sehen Sie das politische Spektrum in Europa?

Europa und die ökosoziale Marktwirtschaft

RADERMACHER: Es gibt in Europa, bis auf wenige, niemanden, der nicht im Kern ökosozial dächte. Die ökosoziale Marktwirtschaft steht im Regierungsprogramm, aber z. B. auch in einem Programm des CSU-Arbeitskreises für Umwelt die ökosoziale Marktwirtschaft. Ministerpräsident Stoiber schlägt sich immer für die soziale Marktwirtschaft und die Liberalen stehen in einer ordo- und nicht in einer neoliberalen Tradition.

Unser Problem ist doch ein ganz anderes. Wir leben im Moment unter globalen Bedingungen, die ökosoziale Vernunft auf den Märkten bestraft. Weil wir das falsche globale Regime haben, rechnet sich permanent das Falsche. Z.B. für 25 Euro nach London zu fliegen. Z.B. unsere Umweltprobleme in die Dritte Welt zu verschieben, z. B. die Entsorgung von Elektronikschrott. Z.B. seine Frühkartoffel für wenig Geld zu Lasten des Klimas aus Südafrika kommen zu lassen. Das Problem aller europäischen Regierungen ist es, dass sie nur noch so viel ökosoziale Vernunft zulassen können, wie auf Weltmärkten überlebensfähig ist, die gerade nicht ökosozial organisiert sind, sondern turbokapitalistisch.

FRAGE: Wie kommt das Umschwenken?

Die Doppelstrategie

RADERMACHER: Das Problem ist: Der Fisch stinkt vom Kopf. So lange man auf der globalen Ebene die Dinge nicht in Ordnung bekommt, kann man auf der staatlichen oder regionalen Ebenen in einem gewissen Sinne nur das Falsche tun.

Die einzige Möglichkeit, mit dieser Problematik umzugehen ist aus meiner Sicht eine Doppelstrategie: Man muss da, wo es für das ökonomische Überleben unvermeidbar ist zur Not auch das Falsche tun, aber dann wenigstens sagen, dass es falsch ist. Dadurch ermöglicht man in den Köpfen der Bürger ein Verstehen der Problematik und die Arbeit an der Überwindung des Problems, die z.B. darin besteht, globale Ordnungsstrukturen durchzusetzen, in denen wir nicht spieltheoretisch gezwungen sind, das Falsche zu tun.

Das Problem unserer Politik ist, dass dann, wenn sie das Falsche tun muss, sie nicht sagen kann, dass sie das Falsche tut. Weil das sofort die Medien und die Opposition ausschlachten würde. Deshalb ist unsere Politik dauernd gezwungen, das Falsche zu tun, aber so zu tun, als wäre es richtig, womit aber alle Gehirne dauernd fehl informiert werden. Und wir nicht die Kraft für die Debatte um die Alternative aufbringen. Das heißt, das einzig mögliche Programm ist, zunächst einmal tun, was nötig ist, um zu überleben, aber als europäischen Konsens laut und deutlich zu formulieren, dass das im Kern in die falsche Richtung geht. Dass wir Gefangene falscher weltweiter Bedingungen sind, dass die Europäer laut und deutlich, überall und immer für das ökosoziale Modell werben. Jedem „Autisten“ entgegentreten, der meint, das neoliberale Modell sei das beste. Man muss intellektuell und politisch gegen diese Gefahren operieren, um die Verhältnisse irgendwann zu ändern, obwohl man zur Zeit gemäß dieser Regeln agieren muss.

Europäisches und amerikanisches Modell

Um es jetzt noch deutlicher zu sagen: In Südafrika auf der Rio 10 Konferenz haben die Europäer die Vorstellung eines Weltmarshallplans eingebracht. Die USA setzten dagegen, dass die Marktöffnung, und nur die Marktöffnung der beste Weg für Entwicklung und Umweltschutz sei. Was fehlt ist eine klare politische Position Europas, die sagt: Wir finden die US-Position falsch. Das ist eine Position der Plünderung, eine Position, die den Globus kaputt macht. Die uns zum Teil aufgezwungen wird, und wir tun es, soweit es für unser ökonomisches Überleben notwendig ist. Aber wir appellieren an die ganze Welt und an unsere US-Freunde, mit diesem Blödsinn aufzuhören und mit uns und anderen in den weltökosozialen Vertrag einzutreten, der insbesondere die Finanzierung und Implementation eines Weltmarshallplans beinhaltet. Wir brauchen zunächst eine richtige intellektuelle Position, die wir auch zu äußern wagen, und zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

FRAGE: Wer kann das leisten?

Die Zivilgesellchaft als politischer Motor

RADERMACHER: Nur der vorpolitische Raum. Der politische Raum ist an dieser Stelle nicht wirklich handlungsfähig. Der vorpolitische Raum ist die Zivilgesellschaft, das sind insbesondere die Nicht-Regierungsorganisationen, die großen Stiftungen, die lokalen Agenden, die kirchlichen Organisationen, die Entwicklungspolitiker, die Dritte-Welt-Läden, Amnesty, der BUND, die Organisationen der Bauern, des Handwerks, des kleinen Mittelstandes, Frauenverbände, Leute, die sich um Kinder, um Ausländer kümmern – ein Riesenpotential und alle negativ Betroffenen des neoliberalen Programms, wie täglich für jeden deutlicher wird. Was all diesen Bereichen allerdings fehlt, ist ein schlüssig durchargumentiertes, alternatives Modell zu der naiven neoliberalen Denke der freien Märkte.

Die Frage der Gerechtigkeit

FRAGE: Abschließend, wie kommt es, dass die Frage der Gerechtigkeit in diesem Modell so eine zentrale Rolle spielt? Aber auch bei Ihnen persönlich.

RADERMACHER: Zunächst gibt es nichts, was Menschen so sehr bewegt wie Gerechtigkeit, sobald sie genug zu essen haben. Die moderne experimentelle Ökonomie zeigt, dass Menschen zu erstaunlichem Verhalten fähig sein können, das nicht der klassischen Logik des homo oeconomicus entspricht, weil Menschen aller größten Wert darauf legen, dass Dinge gerecht statt finden. Die Gerechtigkeit ist der absolut dominante Punkt.

Ausgeglichene, reiche Gesellschaften - beste Voraussetzungen für eine gute Ausbildung

Eine zweite Sicht auf das Thema Gerechtigkeit ist stärker lebenspraktisch. Wenn man will, dass ein Land reich ist, wenn man will, dass man in einem Land pro Kopf eine gute Situation hat, dann ist das nur erreichbar, wenn alle Menschen gut ausgebildet sind. Die Befähigung, sich in vollem Umfang einbringen zu können, als Akteur in ein reichhaltiges Umfeld, setzt eine gute Ausbildung für alle und damit eine volle Entfaltung des humanen Potentials voraus, das auch noch lebenslang aktuell gehalten werden muss. Das heißt auch lernen, den technischen Fortschritt zu jedem Zeitpunkt nutzen zu können. Vom Auto bis GPS, vom Telefon bis zum Computer, Internet und Fax, Flugzeug und U-Bahn – das ist ein Riesenspektrum von Fähigkeiten. Die kann man nur beherrschen durch Teilhabe. Weil man nur so die Nutzung ständig lernt.

Der Diener, der mit der Teetasse hinter einem andern her läuft, der kann nichts lernen. Seine Wertschöpfung ist das, was als Brosamen von dem wirklich Wertschöpfenden abfällt. Also ist die absolute Schlüsselfrage für ein Land, das reich werden will, dass es sein gesamtes Humankapital auf das jeweils höchste Niveau der Wissenschaft und der Technik heben muss. Das heißt z.B. für Deutschland nach einer Studie der Herrhausen-Stiftung, dass das Humankapital (also der ökonomische Wert der deutschen Gehirne) derzeit im Durchschnitt 125 000 Euro wert ist – nach Abschreibung. Während das Finanzkapital pro Kopf nur etwa 100 000 Euro beträgt. Deshalb muss ein Land, das reich sein will, alle seine Bürger auf dieses hohe Ausbildungsniveau bringen. Das zu organisieren erfordert die Komplexität einer ausgeglichenen, reichen Gesellschaft wie der unseren. Und das verlangt einen sozialen Ausgleich von mindestens 45 Prozent, weil sonst gar nicht genügend Menschen in der Ökonomie und zusätzlich Lehrer, Ärzte, Administrativen adäquat bezahlt und damit gewonnen und gehalten werden können, die all dies auf dem erforderlichen Qualitätsniveau organisieren und tun.

Zwerge auf den Schultern von Riesen

Das ist der Letztpunkt, um den es geht. Wir sind alle Teil eines Systems, von dem die Philosophen sagen: Zwerge auf den Schultern von Riesen, d.h. hunderte Generationen vor uns haben überhaupt erst ein Umfeld ermöglicht, in dem wir unsere kleinen Beiträge leisten können. Ist das, was wir verdienen, unmittelbar uns zuzuschreiben? Oder ist es doch stark systemisch? Wenn man der Meinung ist, es sei systemisch, dann muss man die Systembedingungen reproduzieren, die dieses ermöglichen.

Es geht um Fragen der folgenden Art: Ist eine Besteuerung von 50 Prozent an der Spitze Diebstahl von Faulenzern mit korrupten Bürokraten, die den Leistungsstarken erpressen? Oder muss der Leistungsstarke nicht dankbar sein für eine so gut organisierte Gesellschaft, in der er nur die Hälfte von seinen Riesen-Mitteln abgeben kann und muss aber den Rest in einem vernünftig organisierten Umfeld frei nutzen kann.

Was ist besser für die Gesellschaft? Was ist besser für die Welt? Was wir gerade erkennen: Wenn wir zu sehr meinen, das sei Diebstahl und uns zu sehr darum kümmern, dass das reichste Promille weniger Erbschaftsteuer zahlen muss, dann enden wir vielleicht in einem ökologischen Kollaps und in kulturellen Konflikten, die die gesamten Voraussetzungen dafür vernichten, dass der Millionär Millionär sein konnte.

Die Triebkraft für die neue Lösung sollte einsichtsvoller Egoismus sein, wo es eine Weltethik nicht ist.