faktor-x.info wird seit Dezember 2011 nicht mehr gepflegt und steht nur noch als Archiv im Internet.

Aktuelle Informationen finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit - www.nachhaltigkeit.info

HomeSitemapDrucken

F.J. Radermacher: Dematerialisierung und der Balanced Way

Franz Josef Radermacher, derzeit Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n) in Ulm, ist ein systematischer Kopf. Er greift die Idee der Dematerialisierung auf, sieht die Win-Win-Vorteile in ökonomischer und ökologischer Hinsicht. Aber auch die Rahmenbedingungen, unter denen sie erst zur Geltung kommen können. Vor allem der Bumerangeffekt – Überkompensation der Ersparnis im Einzelfall durch Wachstum des Gesamtsystems – ist nach Radermacher nur dadurch auszuhebeln, dass strikte Begrenzungen im ökonomische System verankert werden – letztlich auf globaler Ebene. Erst durch eine Co-Finanzierung von Nord nach Süd – so etwas wie ein Weltmarshallplan – werden ökonomische und ökologische Standards überall möglich. Ein ausgesprochen ambitioniertes Konzept, das weit ins 21. Jahrhundert weist. Gegen den Neoliberalismus setzt Radermacher die Vorstellung einer globalen sozialökologischen Marktwirtschaft, den Balanced Way.

Dematerialisierung

Radermacher greift die Faktor 10-Idee von Schmidt-Bleek auf und stellt sie in einen weltökonomischen Kontext. Aber: Während Schmidt-Bleek mit der Dematerialisierung den Ressourcenverbrauch weltweit halbieren will, beabsichtigt Radermacher, den Status quo der Belastungen über einen langen Zeitraum konstant zu halten. Die Einspareffekte werden voll in Wachstum übersetzt. Deshalb spricht Radermacher auch immer von einem doppelten Faktor 10: Ökoeffizienz und Steigerung des Weltbruttosozialprodukts – Wachstum innerhalb strikter Nachhaltigkeitsgrenzen. Was freilich auch veränderte Definitionen von gesellschaftlichem Reichtum verlangt. Z.B. nicht das herkömmliche Bruttosozialprodukt, wonach jeder Autounfall und die folgende Reparatur wachstumsfördernd sind. 
 

Bumerang-Effekt

Das sogenannte papierlose Büro ist zum Ort des größten Papierverbrauchs in der Geschichte der Menschheit geworden. Und die Möglichkeiten der modernen elektronischen Kommunikation haben eben nicht dazu geführt, dass Reisen durch Videokonferenzen ersetzt werden. Im Gegenteil! Wir organisieren während der Reise mit dem Handy schon die nächste Reise.

Der technische Fortschritt mit seiner effizienteren und Natur sparenden Eigenschaft ist nur eine, freilich wichtige Quelle der gesellschaftlichen Wertschöpfung. Im Bestreben nach Wachstum hat der Mensch diese Quelle schon immer genutzt: Aus weniger wird mehr. Gleichzeitig aber hat er auch immer mehr Natur, mehr Ressourcen in den wirtschaftlichen Prozess eingeschleust, um noch mehr Wachstum zu erzeugen. Das Ergebnis: Pro Wertschöpfungseinheit ist der Ressourcenverbrauch tendenziell gesunken. Aber die Zahl der Wertschöpfungseinheiten wuchs noch schneller. Der Dematerialisierungseffekt verpufft in steigenden Verkaufszahlen..
 

... und seine Lösung

Technik allein kann den Bumerangeffekt nicht vermeiden. Ohne High-Tech geht es nicht. Aber auch nicht ohne Begrenzung, z.B. die Deckelung des Verbrauchs. Die zentrale Frage lautet: Wie kann man die Begrenzungen letztlich im weltökonomische System fest verankern? Und weiter: Wie wird die Verteilung organisiert? Wie groß ist das Maß an Gerechtigkeit? Wer sind die Gewinner? Wer die Verlierer? Radermacher nennt verschiedene Szenarien: im Wege eines Konsens oder eben doch nur durch Gewaltanwendung..
 

Der Faktor 10

Der Faktor 10 – immer wieder als utopisch kritisiert – ist für Radermacher kein Problem. Als Leiter eines High-Tech-Instituts hat er volles Vertrauen in den technischen Fortschritt. Vor allem aber: Er sieht den Faktor 10 systemweit. Es ist nicht das einzelne Auto, das einzelne Blatt Papier oder Haus; Auch Radermacher denkt eher an eine Umstrukturierung der gesamten Wirtschaft. Wenn Energie in absehbarer Zeit deutlich teurer wird, dann sinkt die Zahl der Reisen und der Transporte – vor allem von Gütern niedriger Wertschöpfung – sehr rasch. Dann kommt es zu einer weitreichenden Re-Regionalisierung. Über einen Zeitraum von vielleicht 50 Jahren ist der Faktor 10 damit keine Hürde.

Die Equity-Theorie

Equity, Gleichheit ist der zentrale Punkt; daran ist letztlich alles aufgehängt. Nichts bewegt die Menschen so sehr, sagt Radermacher, sobald sie genug zu essen haben.

Radermacher, selber Mathematiker, baut direkt auf der EU-Definition von Armut auf. Demnach gelten Menschen als arm, wenn sie über weniger als das halbe Durchschnittseinkommen ihres Landes verfügen. Sein Equitiy-Faktor charakterisiert die Gleichheits- oder Ungleichheitssituation eines Landes. Kein absoluter Armutsbegriff – z.B, x Dollar pro Tag –, sondern ein relatives Konzept, das auf sozialen Ausgleich abzielt. Das Maß für die Gleichheits- oder Ungleichheitssituation ist der Equity-Faktor ?, der das Verhältnis der niedrigsten Einkommen zu den Durchschnittseinkommen eines Landes beschreibt. Je mehr sich der Faktor 1 nähert, desto geringer sind die Unterschiede zwischen arm und reich.

In Europa liegen die Equity-Faktoren für Österreich, die skandinavischen Ländern und Deutschland in einer Spannbreite von 0,65 bis 0,59. In Großbritannien ist der Faktor mit 0,50 deutlich niedriger und weist in Richtung auf US-Verhältnisse mit 0,47. Russland liegt bei 0,37, alte Kolonial- und Apartheidsregime mit klarem Oben und Unten wie Mexiko, Südafrika und Brasilien bei 0,33, 0,28, und 0,27. Das Extrem aber ist der gesamte Zustand des Planeten; der Welt-Equity-Faktor liegt bei etwa 0,125.

Die Zukunftsformel

In groben Zahlen konsumiert der Norden mit 20 Prozent der Menschen 80 Prozent des Reichtums. Der doppelte Faktor 10 – also die Verzehnfachung der Ökoeffizienz und des Weltbruttosozialprodukts über die nächsten 50 oder 100 Jahre – eröffnet nun neue Verteilungsspielräume. Der Kuchen wird 10 mal größer. Deshalb kann der Norden noch einmal zulegen, nach Radermacher idealerweise um den Faktor 4. Und es bleibt auch noch genug Spielraum für den Süden, der kräftig aufholen kann, nämlich um den Faktor 34. Nach diesem Prozess ist das gewaltige Gefälle auf dem Planeten insgesamt relativ ausgeglichen. Wodurch nicht nur die Friedensfähigkeit gesteigert wird, sondern auch die Weltbevölkerung sinkt. 
 

Die Co-Finanzierung

Damit diese Strategie jemals die Chance hat, Wirklichkeit zu werden, ist eine Unterstützung des Südens von Nöten, Hilfe zur Selbsthilfe. Es erfordert eine Verschiebung von zwei bis drei Prozent des Bruttosozialprodukts von Nord nach Süd. Die Formel lautet: Co-Finanzierung zur Angleichung von Standards, Hilfe nur dann, wenn die Entwicklungsländer soziale und ökologische Spielregeln einhalten.

Radermacher nennt als Beispiel den Marshallplan nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und die Erweiterungsschritte der Europäischen Union. Er weiß sehr wohl, dass es noch ein sehr langer Weg sein wird, bis die politischen Voraussetzungen und die Bereitschaft gegeben sein werden, um dieses Modell auf den ganzen Globus zu übertragen – die utopische Seite des Konzepts.
 
 

Der Balanced Way

Radermacher setzt dagegen die Konzeption der sozialökologischen Marktwirtschaft. Er nennt es den Balanced Way. 
 
 

Originaltöne

1. Doppelter Faktor 10

Get Flash to see this player.

2. Der Bumerang-Effekt

Get Flash to see this player.

3. Bumerang-Effekte vermeiden

Get Flash to see this player.

4. Nachhaltige Entwicklung des Südens duch Kofinanzierung

Get Flash to see this player.

5. EU-Erweiterung als Modell

Get Flash to see this player.

6. Tobin Tax und Weltenergiesteuer

Get Flash to see this player.

7. Globale Apartheid

Get Flash to see this player.

8. Der Weltvertrag

Get Flash to see this player.