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Mathis Wackernagel: Die Idee des ökologischen Fußabdrucks

Frage: Worum geht es beim ökologischen Fußabdruck?

Wackernagel: Die Idee des ökologischen Fußabdrucks ist diese: Wir haben nur einen Planeten. Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir auf diesem Planeten am besten leben? Es gibt eben nur ein limitiertes Budget der Natur, ähnlich einem Finanzbudget. Dann können wir uns entscheiden: Kaufen wir mehr Eis oder Schokolade oder Spagetti? Natürlich ist es möglich, mehr auszugeben, als das Budget hergibt, Geldkapital oder Naturkapital. Aber das hat dann eben Konsequenzen. Dann gerät man in Schulden, ökologische oder finanzielle. Und das misst der ökologische Fußabdruck. Er zeigt uns, ob wir innerhalb des Naturbudgets leben. Und welche Konsequenzen wir zu erwarten haben, wenn wir mehr verbrauchen, als die Natur uns zur Verfügung stellt.

Frage: Den ökologischen Fußabdruck kann man auch auf nationaler Ebene erstellen. Ein Deutscher verbraucht durchschnittlich 6,2 Hektar, ein Inder 1,1, ein US-Amerikaner 12,2 Hektar. Wie kommt man eigentlich auf diese Zahlen?

Wackernagel: Unsere Maßeinheit ist der globale Hektar, eine einheitliche „Währung“, ähnlich, wie man alles in Euro oder Dollar ausdrücken kann. Der globale Hektar entspricht einem Hektar durchschnittlicher Produktion weltweit. Auf diese Art und Weise können wir Länder oder Gebiete weltweit direkt vergleichen.

Was ein Amerikaner, ein Deutscher, ein Inder konsumieren

Frage: Erklären Sie bitte mal: Warum braucht ein Amerikaner mehr, ein Deutscher weniger, ein Inder noch weniger Land – was steckt da an Informationen drin?

Wackernagel: Die Frage lautet: Wie viel ökologische Kapazität, ausgedrückt in Fläche, ist vorhanden, um diese Ressourcen zur Verfügung zu stellen? Wie viel ist notwendig, um den Konsum eines Amerikaners, eines Deutschen oder Inders aufrecht zu erhalten? Dann rechnen wir: Wie viel Fläche braucht man, um den Weizen fürs Brot zu produzieren? Wenn man Schweinefleisch isst, muss auch das Schwein gefüttert werden – wie viel Weizen braucht es? Wie viel ist notwendig für die Baumwolle? Wie viel, um das CO2 zu absorbieren, dass durch den Verbrauch fossiler Energie in die Atmosphäre entlassen wird? Diese Fläche zählt man zusammen, so entsteht dann der Fußabdruck. Und so hat der Amerikaner einen größeren Abdruck als der Inder.
Wer schon mal in den USA war, der weiß, dass viel Energie zum Heizen und Kühlen der Häuser verbraucht wird, die Häuser sind größer pro Kopf als in vielen anderen Teilen der Welt, die Städte sind nicht verdichtet, d.h. die meisten Amerikaner sind auf Autoverkehr angewiesen und fahren lange Distanzen zur Arbeit und um die Kinder in die Schule u bringen. Wie in vielen anderen westlichen Ländern leben die Amerikaner hoch in der Nahrungsmittelkette, d.h. sie essen mehr Tier- als Pflanzenprodukte. Hinzu kommt, die Häuser werden häufig umgebaut, dabei wird viel Holz verbraucht. Die Zeitungen sind hier sehr dick und sehr preisgünstig. Unterm Strich werden etwa doppelt so viele Ressourcen pro Kopf verbraucht wie in Europa, eine höhere Lebensqualität entsteht dabei wahrscheinlich aber nicht. Interessant zu sehen, dass die reichsten Amerikaner gerne nach Italien fahren, sie bewundern den dortigen Lebensstil, dass man z.B. auf der Piazza seinen Cappuccino nehmen kann, flanieren kann – dafür braucht man übrigens keine riesigen Autobahnen.

Frage: Dass man nachwachsende Rohstoffe in Fläche ausdrücken kann, wie viel man nämlich für ihre Produktion benötigt, ist klar. Aber wie ist das mit nicht nachwachsen Rohstoffen, mit Öl oder Stahl?

Wackernagel: Der globale Fußabdruck steht für eine spezifische Forschungsfrage: Wieviel der regenerierbaren Kapazität der Biosphäre wird von einem Individuum, einer Stadt oder einem Land in Anspruch genommen, um den Konsum aufrecht zu halten? Es geht also nicht um Nachhaltigkeit per se. Es gibt andere Faktoren, die in diesem Zusammenhang wichtig sind, etwa die soziale Gerechtigkeit. Das ist nicht unser Thema. Wir befassen uns mit einem spezifischen, allerdings strategisch wesentlichen Aspekt der Nachhaltigkeit.
Nun, wie wird z.B. der Ölverbrauch eingerechnet? Was wird dadurch beeinträchtigt? Wie wirkt der Ölverbrauch sich auf die regenerative Kapazität der Biosphäre aus? Auf der Quellenseite haben wir vielleicht sogar zu viel Öl. Die größte Gefahr für die Biosphäre durch den Verbrauch von Erdöl ist die Akkumulation des Kohlendioxids in der Atmosphäre. Da fragen wir: Um wie viel größer müsste die Biosphäre sein, um die Konzentration in der Atmosphäre konstant zu halten? Wie viel Natur würden wir brauchen, um dieses Ziel zu erreichen ?

Die Menschheit insgesamt verbraucht mehr als nachwächst

Frage: Sie sagen: Der ökologische Fußabdruck der Menschheit übersteigt die gesamte biologische Kapazität des Planeten um etwa 20 Prozent. Was heißt das? Und wie rechnet man das?

Wackernagel: Das heißt einfach: Wie lange würde die Biosphäre brauchen, um unseren Ressourcenkonsum zu kompensieren? Für das Jahr 2001 z.B. sind das 1,2 Jahre – konservativ gerechnet –, um die Ressourcen zu reproduzieren, die in diesem Jahr verbraucht wurden. Grundsätzlich ist es möglich, die Natur schneller zu verbrauchen, als sie sich regeneriert, wir können schneller fischen als die Fische sich fortpflanzen, wir können den Wald schneller abholzen als er wieder nachwächst...

Frage: Dennis Meadows nennt es Overshoot...

Wackernagel: ...eines der wichtigsten Konzepte der Nachhaltigkeit. Und das Bedauerliche ist, dass das Wort Overshoot in vielen Sprachen gar nicht übersetzt werden kann.

Frage: Im Deutschen vielleicht „Grenzüberschreitung“ oder „Überschwingung“. Aber das ist kein Alltagsdeutsch.

Wackernagel: Selbst im Englischen ist das Wort kaum bekannt.

Frage: Ein zentrales Konzept im systemischen Design: growth, overshoot and collapse – das sind die drei Schritte, die Meadows immer wieder zitiert. Kommen wir noch mal auf den globalen Overshoot von 20 Prozent zurück. Wie rechnet man das eigentlich? Ich vermute, dahinter steckt ein ganzes Gebirge an Daten, ein Monstrum.

Wackernagel: Ja, es ist ein Monstrum (lacht). Unsere Basis sind Statistiken der Vereinten Nationen. Wir haben etwa 3000 Datensätze pro Jahr und Land, wir rechnen etwa 150 Länder, entsprechend 98 Prozent der Weltbevölkerung. Dabei können wir auf einen Zeitraum bis 1961 zurückblicken, als die Statistiken der Vereinten Nationen aufgelegt wurden. Am Ende stehen die Headline-Zahlen: Wie groß ist der Fußabdruck jedes Landes pro Kopf, um den Konsum aufrecht zu erhalten? Wir können auch tiefer schauen: Wie viel wird z.B. für die Produktion benutzt? In Singapur z.B. wird viel konsumiert, die ökologischen Kapazitäten sind aber ziemlich gering.

Frage: Interessant in diesem Zusammenhang ist ja auch, dass man offensichtlich historisch eingrenzen kann, wann die Menschheit als Ganze in die Phase des Overshoot eingetreten ist, nämlich Ende der 70er des vergangenen Jahrhunderts, als sie also begonnen hat, von der Substanz zu leben und nicht mehr von den Zinsen.

Wackernagel: Einen präzisen Zeitpunkt zu benennen fällt natürlich schwer. Wir bemühen uns immer um eine eher konservative Darstellung. Wahrscheinlich ist der tatsächliche Overshoot größer als unsere Schätzung nahe legt. Uns geht es darum, ein stabiles Argument zu liefern: Wir müssen den Overshoot Ernst nehmen; das ist nicht nur eine Möglichkeit, es ist eine Realität, und die wird uns etwas kosten. Und es ist eine der gefährlichsten Unterschlagungen. Ich sehe das immer wieder in Zeitung, wo man so tut, als begegneten uns die eigentlichen Probleme erst in der Zukunft. Das finde ich ziemlich erstaunlich. Wenn man sich z.B. die Veröffentlichungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) anschaut, da wird ganz klar Overshoot thematisiert. Auf der CO2-Seite emittieren wir etwa sechs bis sieben Gigatonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre; wogegen die nachhaltige Rate, also das, was die Biosphäre wahrscheinlich absorbieren könnte, höchsten bei zwei Gigatonnen liegt. D.h. der Ausstoß ist drei Mal größer, als das, was von der Biosphäre toleriert wird.

Wie groß sind wir im Verhältnis zur Biosphäre?

Frage: Worin besteht Ihrer Ansicht nach die Stärke des Konzepts des ökologischen Fußabdrucks?

Wackernagel: Der Fußabdruck stellt eine wesentliche Frage, die normalerweise nicht gestellt wird: Wie groß sind wir im Verhältnis zur Biosphäre? Ein entscheidender Aspekt der Nachhaltigkeit. Erstaunlich, selbst wenn man sich die ökologische Ökonomie anschaut – auch dort wird die Frage immer wieder vergessen.

Frage: Interessant auch, dass diese Fragen nun objektivierbar sind, dass man darüber in Diskurse treten kann, dass man einen Maßstab hat...

Wackernagel: Wahrscheinlich ist der ökologische Fußabdruck nicht absolut präzise. Aber ich kenne keinen anderen Maßstab, der diese Frage in aggregierter Weise angeht. Das ist eigentlich schändlich. Es gibt kein Land, das weiß, wie viel biologische Kapazität es hat und wie viel es eigentlich braucht. Vielleicht weiß man ein wenig über den Wald oder über die Landwirtschaft, aber in einer aggregierten Weise hat kein Land eine Messgröße, wie gut es sein biologisches Kapital managt. Und das ist langfristig wahrscheinlich wesentlicher als Gold, was man auf der Bank hat; Gold kann man nämlich nicht essen. Die biologische Kapazität ist eine entscheidende Limitierung der Möglichkeiten für die Welt. Und wenn wir nicht wissen, wie viel Kapital wir haben, und wie wir es nutzen, hat es wesentliche Folgen für das Wohlergehen der Nationen und der Menschheit insgesamt.

Der ökologische Fußabdruck - konkrete Anwendungen

Frage: Was kann man mit diesem Tool machen? Ein Beispiel: Die Stadt London hat ökologische Footprint-Studien in Auftrag gegeben. Ergebnis: Sie lebt über ihre Verhältnisse. Kein Wunder. Städte leben in aller Regel ökologisch nicht aus sich heraus, sondern von ihrem Umfeld. Konkret: Worin liegt der Nutzen einer solchen Studie für eine Kommune?

Wackernagel: Alle erfolgreichen Projekte mit dem Fußabdruck machen das Leben der Leute einfacher. London ist offensichtlich eine Stadt, die mehr Kapazität braucht, als sie selber zur Verfügung stellen kann. Das wird erst dann zum Problem, wenn der Fußabdruck von London z.B. in den von Manchester, von Brüssel oder Paris hineindrückt; die sind ja gemeinsam in einem Wettbewerb um ökologische Kapazität.
Nun, wieso hat sich das Business Council von London dafür eingesetzt, die dritte Fußabdruckstudie für London in Auftrag zu geben? Der Grund ist ganz einfach: Sie sehen, dass in Zukunft die Wettbewerbsfähigkeit der Städte von ihrer ökologischen Effizienz abhängt. Städte, die ökologisch ineffizienter sind, werden es in Zukunft schwerer haben, sich behaupten zu können.

Frage: Wo konkret? Beim Verkehr beim Wohnen...

Wackernagel: Überall natürlich. Wohnen hat einen großen Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck. Wenn man dichter wohnt, hat man auch weniger Transport. Kompaktere Häuser sind häufig auch energetisch effizienter, sei es beim Heizen oder Kühlen. Kleinere Häuser benötigen weniger Möbel. Gleichzeitig kann man mit dichterem Leben auch eine höhere Lebensqualität erzeugen, weil der Weg zum Supermarkt, zur Schule oder zum Arbeitsplatz nicht so weit ist; die Freunde wohnen um die Ecke, die Menschen sind weniger isoliert. Ein weiterer Punkt: Welche Unternehmen sind in einer Stadt wie London aktiv? Wenn sie besonders ressourcenintensiv sind, ist das auf Dauer wahrscheinlich kein großer Vorteil für die Stadt. Deshalb ist es gut zu wissen, welche Branchen gefördert werden sollten, um London wettbewerbsfähiger zu machen.

Frage: Wie aufwendig ist eine solche Studie? Gibt es mittlerweile Standards? Wie macht man so etwas?

Wackernagel: Wir haben etwa vor 15 Jahren mit dem ökologischen Fußabdruck begonnen. Damals waren unsere Rechnungen noch ziemlich zufällig. Mittlerweile sind sie bereits viel konsistenter, aber immer noch nicht konsistent genug. Deshalb haben wir mit dem Global Footprint Network eine Organisation geschaffen, um all denen, die solche Berechnungen anstellen, eine Plattform zu bieten und den Fußabdruck zu standardisieren. Damit werden solche Anwendungen einfacher, kompatibler, konsistenter, robuster und wissenschaftlich anerkannter. Das ist das Ziel unserer Organisation.
Was braucht es, um eine Stadt zu analysieren? Das hängt natürlich davon ab, wie genau dieser Fußabdruck sein soll. Wenn man nur wissen will, ob London pro Kopf einen größeren Fußabdruck hat als der Rest von England oder von Frankreich, dann ist der Aufwand vergleichsweise gering; in ein, zwei Wochen kommt man dann bereits zu einem Ergebnis. Wenn man genauer hinschaut: Welche Aktivitäten sind für ein bestimmtes Ergebnis ausschlaggebend? Was ist vergleichsweise effizient? Oder warum ist der Fußabdruck größer oder kleiner? Weil die Bewohner mehr konsumieren oder bessere Technik einsetzen? Weil sie dichter leben? – Je mehr man in die Details geht, umso mehr Zeit braucht man natürlich.

Frage: Für wen sind diese Studien sinnvoll? Kommunen, Unternehmen, Länder, große Organisationen?

Wackernagel: Ein Vorteil des Fußabdrucks ist, dass er das Globale mit dem Lokalen verknüpft. Wir können den Fußabdruck sowohl für die gesamte Menschheit wie für eine Zahnbürste berechnen. Ein weiterer Vorteil: Der Fußabdruck fängt mit einer einfachen Metapher an und bietet gleichzeitig sehr differenzierte Daten, die dann wiederum einfach zu kommunizieren sind. Der Fußabdruck wird auf allen Ebenen genutzt. In Australien braucht das Umweltministerium von Viktoria die Methode, um verschiedene Organisationsformen von Schulen und Universitäten, großen Unternehmen und der Stadtwicklung zu vergleichen. Beispielsweise zu fragen: Wie kann ein Wasserwerk ökologisch gestaltet?
Das Umweltministerium unterstützt Unternehmen darin, ihr ökologisches Leistungsvermögen zu steigern. Umgekehrt erhält das Unternehmen nicht nur eine gewisse Publizität, sondern steigert auch seine Wettbewerbsfähigkeit. Das Umweltministerium ist der Ansicht, dass mit Kontrolle alleine keine Nachhaltigkeit zu erreichen ist. Deshalb hat sie so genannte Sustainability Governance entwickelt, das sind Abkommen, in denen sich diese Unternehmen verpflichten, sich ökologisch überdurchschnittlich zu verhalten, im Gegenzug erhalten sie eine Unterstützung und stehen im öffentlichen Licht besser da.
Wir beraten eine Ingenieurfirma, die Designs für Abwasserreinigungsanlagen verkauft, also große Projekte. Viele Städte sind an Nachhaltigkeit interessiert. Wenn dieses Unternehmen seine Angebote unterbreitet, kann es nicht nur sagen: Hier haben wir fünf verschiedene Möglichkeiten, die kosten so und so viel..., sondern es kann auch angeben, wie groß der Fußabdruck der jeweiligen Lösung ist. Oft hat es deshalb den Zuschlag bekommen, weil nicht nur Kosten, sondern auch Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden.

Kommunikation - Wie vermeidet man den erhobenen Zeigefinger?

Frage: Wir sprechen gerade über Diskurse, die sich in der Wirtschaft und in Fachkreisen abspielen. Gehen wir mal auf eine andere Seite: die der veröffentlichten Meinung und der Alltagskommunikation. Aus Ihrer Sicht und mit Ihrer Erfahrung der vergangenen Jahre: Unter welchen Bedingungen läuft diese Kommunikation besonders gut – und wann funktioniert sie nicht?

Wackernagel: Ich glaube, das ist die größte Herausforderung: Wie kommuniziert man diese Ideen? Ein großer Fehler der Umweltbewegung ist, dass sie zu moralisch argumentiert. Man hat vielleicht Recht, aber man gewinnt keine Freunde.

Frage: ...mit dem erhobenen Zeigefinger.

Wackernagel: Und der ist eher kontraproduktiv. Erstaunlich, in den USA sehen sich ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung selber als umweltinteressiert. Dieses Potenzial können Umweltorganisationen aber bei weitem nicht ausschöpfen. Dabei muss sich nicht mal der Inhalt ändern, aber er muss so präsentiert werden, dass die Menschen ihn respektieren und vor allem, dass es einladend wirkt.

Frage: Was heißt das für den Fußabdruck?

Wackernagel: Einen großen Fehler haben wir gleich zu Beginn gemacht. Auf Englisch lautete das Motto: The fair earth share. Wieviel Kapazität gibt es pro Kopf auf der Welt? Mittlerweile stehen wir auf dem Standpunkt: Wir müssen das Normative vom Deskriptiven trennen. Wir sehen uns jetzt vor allem in der deskriptiven Rolle. Wir sagen was ist – und was man damit dann macht, ist eine andere Sache. Wir sagen: So viel Kapazität gibt es pro Kopf in der Welt oder pro Kopf in Deutschland, so viel Kapazität wird pro Kopf in Deutschland gebraucht.

Frage: Die Gerechtigkeits- und Verteilungsfrage lassen Sie erst mal außen vor.

Wackernagel: Natürlich wird sich die Gerechtigkeitsfrage ziemlich schnell stellen, aber wir müssen da nicht unseren Senf dazugeben. Im Gegenteil: Wenn die Gerechtigkeitsfrage dann von anderen aufgeworfen wird, hat das viel mehr Wirkung. Am Anfang unserer Kampagnen hatten wir einen ziemlich schlechten Slogan. Eine Elektrizitätsfirma hatte uns Sticker zur Verfügung gestellt: Reduce your footprint! Damit war ich einmal in Chile. Ein Student sagte zur mir: Warum soll ich meinen Fußabdruck verkleinern, nur damit du mehr Schokolade essen kannst? Es geht also nicht darum, andern vorzuschreiben, wie sie ihren Fußabdruck verkleinern, sondern wie wir besser leben können. Unsere zentrale Botschaft lautet jetzt: Wie können wir unsere ökologischen Reichtümer bewahren? Denn die sind ausschlaggebend für unsere zukünftige Lebensqualität. Es gibt Leute, die wollen Gewicht verlieren; der Hauptvorteil langfristig ist, dass sie gesünder und attraktiver werden. Das steht im Vordergrund. Dann nehmen sie in Kauf, über eine gewisse Zeit hungrig zu sein. Hungrig sein, ist nicht das Ziel.

Frage: Was haben Sie Entscheidendes in den vergangenen Jahren gelernt?

Wackernagel: Entscheidend ist, dass die Kommunikation produktiver ist. Dass wir diesen Touch von „gloom and doom“, einer dunklen Zukunft, vermeiden. Wir müssen auch darauf achten, dass unsere Botschaften nicht so verstanden werden. Nur zu sagen: Hey, das war gar nicht normativ, was wir gesagt haben, ist nicht gut genug. Die Menschen riechen nämlich den normativen Teil trotzdem. Wir müssen sicherstellen, dass die Kommunikation positiv empfunden wird. Wir wollen nicht als Moralisten gesehen werden, die Menschen sollen sich einfach eingeladen fühlen.

Originaltöne

1. Der ökologische Fußabdruck

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2. Keine normativen Aussagen

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