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Living Planet Report

Wie ist es um den Zustand des Planeten Erde bestellt? Genauer gesagt: um den Zustand der Natur im Verhältnis zum stets wachsenden Naturkonsum des Menschen? Auf diese Frage gibt der Living Planet Report des World Wide Fund For Nature (WWF) eine Antwort. Die Angaben in diesem Text beziehen sich auf 2004, der Bericht wird jährlich upgedatet.

Der Living Planet Index (LPI) ist ein Maßstab für Artenreichtum, im Meer, in Süßwasserbiotopen und auf dem Land; beispielsweise sagt er etwas über die Verbreitung wildlebender Tiger. Der Naturkonsum des Menschen wird mit Hilfe des ökologischen Fußabdrucks gemessen; damit wird erfasst, wie viel biologisch aktive Fläche ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen für sich in Anspruch nimmt. Die gesamte Menschheit strapaziert nach dieser Methode den Globus bereits deutlich über, um 20 Prozent. Demgegenüber zeigt der LPI von 1970 bis 2000 einen Verlust der natürlichen Substanz um 40 Prozent. Substanzverlust der Natur einerseits und Übernutzung andererseits stehen in direktem Verhältnis: das zentrale Ergebnis des Living Planet Report. An dieser Stelle tritt die Dematerialisierung auf den Plan. Sie ist eine von vier theoretischen Möglichkeiten, den Druck auf die Natur zu mindern; die anderen drei: die Zahl der Menschen reduzieren, deren Konsum herunter zu fahren und die Ökosysteme stabilisieren (siehe auch Dennis Meadows).

Schließlich entwerfen die Autoren des Reports – ebenfalls theoretische – Szenarien, wie der Konflikt zwischen Mensch und Natur im 21. Jahrhunderts verlaufen könnte. (siehe auch Grafiken zu Living Planet Index und Ecological Footprint auf Seite 1 des Living Planet Report 2004.)
 

Living Planet Index

Die Tatsache allein, dass es so etwas wie den Living Planet Report gibt, dass der Stress, den der Mensch auf sein natürliches Trägersystem ausübt, objektivierbar, messbar und damit kommunizierbar und einklagbar wird, ist für den WWF bereits ein Erfolg: Nur so kann man in Bezug auf diese existenziellen Fragen der (Welt-) Öffentlichkeit einen Spiegel vorhalten.

Besonders deutlich wird der Stress bei den Süßwasser-Ökosystemen. Der Hunger des Menschen nach Lebensmitteln, Energie oder Holzfasern ist ungebrochen. Namentlich in Zentralasien ist seit den 1960ern die Produktion von Baumwolle und Reis deutlich gestiegen – und damit auch der Bedarf nach Bewässerung. Dies alles zu Lasten von Feuchtgebieten, von Flüssen und Seen. Das wohl bekannteste Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Aralsee; seine Wasserfläche ist in der Zeit von 1960 bis 2000 halbiert worden. Nur 160 von ehemals 319 Vogelarten und 32 von 70 Säugetierarten sind in dieser Region noch existent.

Weltweit ist der Freshwater Species Population Index von 1970 bis 2000 um 50 Prozent gesunken, davon betroffen sind z.B. das Nilpferd, verschiedene Krokodilarten, der Otter oder der Lachs; deren Populationen sind zum Teil drastisch zurückgegangen. Das Artensterben markiert in diesem Zusammenhang nur den Endpunkt der Negativentwicklung.

Bei den Meerestieren zeigt sich ein ähnlich großer Verlust. Im Nordatlantik ist die Menge an Raubfischen wie dem Kabeljau in den vergangenen 50 Jahren um zwei Drittel zurück gegangen. Gerade weil diese Arten in der Nahrungskette sehr hoch angesiedelt sind, ist er so bezeichnend für den Verlust an Biomasse insgesamt – eine Folge der Überfischung.

Neben den Süßwasser-Lebewesen (323 Arten) und den Meerestieren (267) fallen in den Living Planet Index noch die terrestrischen Arten (555): insgesamt eine ziemliche breite Datengrundlage, und zwar weltweit. In der Summe ist der LPI von 1970 bis 2000 um 40 Prozent gefallen. Ein schmerzlicher Verlust an Biodiversität, mit anderen Worten: Die Natur ist deutlich ärmer geworden und das hat Auswirkungen auf uns, denn im System Erde ist alles miteinander verflochten.

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Ecological Footprint

Im selben Beobachtungszeitraum (1970 – 2000) ist die weltweite Bevölkerung um 65 Prozent gestiegen. Kein Wunder, dass die Stoffströme – Wasser, Erdboden, Biomasse, Erze... – enorm angeschwollen sind. Ablesbar am Ecological Footprint: beim Weideland ist es eine Verdopplung, bei Wäldern ein Plus um 30 Prozent; beide Zahlen global, im Verlauf der beschriebenen 30 Jahre.

„Der Footprint eines Landes ist die Fläche, die benötigt wird, um die benötigten Lebensmittel und Fasern zu produzieren, um den Abfall, der bei der Energiebereitstellung anfällt, zu beseitigen, plus der Fläche, die für die Energieinfrastruktur gebraucht wird. Menschen konsumieren Ressourcen und ökologische Services aus der ganzen Welt, ihr Footprint ist folglich die Summe aller dieser Flächen, wo sie auch immer gelegen sein mögen.“ So lautet die Definition des Ecological Footprint aus dem Living Planet Report 2004.

Der globale Ecological Footprint ist abhängig von der Anzahl der Bevölkerung, dem durchschnittlichen Konsumniveau pro Person und der Ressourceneffizienz, also dem Grad der Dematerialisierung. Die Biokapazität der Erde wiederum ist abhängig von der durchschnittlichen Produktivität der vorhandenen Flächen, zu Wasser wie zu Land.

Im Jahr 2001 betrug der globale Overshoot 21 Prozent; d.h. die Biokapazität des Planeten wird um ein Fünftel übernutzt, wir leben von der Substanz. So wie man mehr Holz aus einem Wald schlagen kann als nachwächst, so kann man auch das gesamte Ökosystem Erde überstrapazieren. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad. Der globale Overshoot begann in den 1980ern und ist seitdem kontinuierlich gestiegen.

Der Footprint eines Nordamerikaners in Bezug auf Nahrungsmittel, Fasern (z.B. für die Papierproduktion) und Bauholz betrug im Jahr 2001 ziemlich genau 3 globale Hektar; der gleiche Footprint eines Afrikaners oder Asiaten war dagegen geringer als 0,7 Hektar. (siehe auch Grafiken zum Food, Fibre and Timber Footprint auf Seite 12 des Living Planet Report 2004).

Noch größer sind die Abweichungen in den Konsummustern beim Energy Footprint. Berechnet wird dieser Index nach der Fläche, die benötigt wird, um die Abfallmengen zu handhaben und zu beseitigen, die bei der Produktion einer bestimmten Menge an Energie anfallen; beispielsweise ein Stück Wald, das das CO2 aus fossiler Energiegewinnung neutralisiert. Offensichtlich steht der Pro-Kopf-Energieverbrauch in direktem Verhältnis zum verfügbaren Einkommen. Zum Teil schon deshalb, weil Menschen aus nahe liegenden Gründen nicht unendlich viel Nahrung zu sich nehmen können, wogegen der Energieverbrauch nur durch die Zahlungsfähigkeit der Konsumenten begrenzt ist. Seit 1971 ist der globale Energy Footprint um 180 Prozent gestiegen – der größte Zuwachs überhaupt. (siehe auch Grafiken zum Energy Footprint auf Seite 14 des Living Planet Report 2004.)

Wieder anders sind die Limitationen beim Wasserverbrauch. Insgesamt ist nur etwa ein Prozent des gesamten Süßwassers der Erde kreisläuffähig; der Rest ist in gewaltigen Eismassen konserviert oder auch als fossiles Grundwasser gespeichert.

Diese Wasservorkommen können aber nur ein einziges Mal genutzt werden. Die Grundwasserspiegel in weiten Teilen der Welt fallen massiv. Große Flüsse wie der Nil oder der Colorado werden bereits so stark beansprucht, dass sie in Zeiten extremer Trockenheit nicht mal die Meere erreichen.

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Ökologische Schulden - und wie sie abgebaut werden können

Overshoot produziert ökologische Schulden. Schulden verhindern oder abbauen heißt: die Grenzen der Biokapazität des Planeten anerkennen und innerhalb dieses Rahmens leben. Konkret: Die Böden vor Erosion und Degradation schützen; Ackerland davor bewahren, dass es der Verstädterung oder der Industrialisierung unterliegt; nicht zuletzt Flussläufe und Feuchtgebiete erhalten, um die Süßwasserproduktion zu stabilisieren.

Die ökologischen Schulden werden in sogenannten Planet Years beschrieben; seit Anfang der 1980er, als die Phase des globalen Overshoot begann, haben sich die ökologischen Verbindlichkeiten auf 1,5 Planet Years summiert. Folgt man einem moderaten Business as Usual Szenario, werden diese Schulden bis zum Jahr 2050 auf 40 Planet Years anwachsen.

Der Living Planet Report skizziert vier Szenarien, wie die ökologischen Schulden im Verlauf des 21. Jahrhunderts getilgt werden könnten. Voraussetzung in jedem Fall ist die Verringerung des Ecological Footprint. (siehe auch Grafik "Four Paths into the Future" auf Seite 19 des Living Planet Report 2004.)

Generell gilt: Je größer die Reduzierung des Ecological Footprint – maximal um 50 Prozent – desto geringer sind die ökologischen Risiken, die Schulden werden schnell abgebaut; auf der anderen Seite steigen die ökonomischen Risiken, weil große Investitionen getätigt werden müssen.

Dieser Ausblick bleibt bewusst theoretisch; die Machbarkeit, insbesondere die politische, wird in dem Report nicht berührt.

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