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Harry Lehmann:
Plädoyer für eine ganzheitliche systemische Stoffstromtheorie

Harry Lehmann leitet den Fachbereich 1 - Umweltplanung und Nachhaltigkeitsstrategien - beim Umweltbundesamt. In den frühen 1990er Jahren gehörte er am Wuppertal Institut zum engen Kreis der Wissenschaftler, die, unter der Leitung von Friedrich Schmidt-Bleek, das Konzept der Dematerialisierung entwickelt haben. Heute ist Harry Lehmann Präsident des von Schmidt-Bleek ins Leben gerufenen Faktor 10 Clubs.

Wie weit die Dematerialisierung allerdings gehen soll, ob Faktor 4 oder Faktor 10 oder gar noch mehr, das ist nicht so entscheidend. Der Verbrauch von Ressourcen ist so weit entfernt von einem Gleichgewichtszustand mit der Natur, der über mehrere Generationen tragfähig wäre, dass jede Verbesserung der Ressourcenproduktivität zu begrüßen ist.

In einem Gespräch mit FAKTOR X  entwirft Harry Lehmann die Idee einer kohärenten Theorie der Stoffströme und ihrer Nutzung. Darin wird sein systemischer Ansatz deutlich. Bislang fehlen noch häufig die Brücken zwischen den verschiedenen Theorieansätzen. Das gilt beispielsweise für MIPS und die Kreislaufwirtschaft. Mit Michael Braungart hält es Harry Lehmann für richtig, dass in ferner Zukunft die Bedeutung von erneuerbaren Rohstoffen entscheidend sein wird.

Er nimmt auch Stellung zu Fragen der Grenzziehung: Die MIPS-Theorie als solche fokussiert ja auf die effiziente Nutzung von Ressourcen (Nachfrage) und nicht darauf, was die Natur liefern kann und wann es zu Knappheiten kommt (Angebot). Im Rückgriff auf Modelle, die den Metabolismus zwischen Mensch und Natur darstellen, kann man aber sehr wohl Knappheiten und Limitationen darstellen, sei es für einzelne Ressourcen, zum Beispiel Wasser, wie auch für den Ressourcenverbrauch als Ganzes.

Die Stärken der MIPS-Theorie sind in der Praxis nicht immer von Vorteil. Der Indikator MIPS (Material Input pro Serviceeinheit) wird eben maßgeblich vom S, von der Ausrichtung auf die Dienstleistung, geprägt. Dahinter steht ein grundlegend neues Verständnis der Industriegesellschaft, in der es darum geht, Bedürfnisse zu befriedigen und Dienstleistungen anzubieten. Während die traditionelle Industriegesellschaft vor allem auf den Konsum von Waren abzielt. Es macht eben einen Unterschied, ob man Autos verkauft oder Mobilität. Gerade dieser Paradigmenwechsel ist offensichtlich nicht einfach zu vermitteln, gleich ob in der Fachdiskussion oder im öffentlichen Diskurs.

Lehmann nennt fünf Hotpots der Stoffstromdiskussion: Erstens, durch die sich abzeichnenden Knappheiten von Öl erwartet er in diesem Bereich erhebliche Effizienzanstrengungen. Zweitens, knapp sind auch die Metalle, teils aus geologischen Gründen, aber auch technisch bedingt. Das gilt insbesondere für Eisen und Stahl, wo derzeit schlicht die Produktionskapazitäten fehlen. Drittens, Engpässe bei der Fläche werden immer offensichtlicher. Übrigens, auch dieser Punkt ist in der MIPS-Theorie zwar angedacht, aber noch nicht ausreichend entwickelt. Viertens, die Versorgung mit bestimmten Ressourcen – zu nennen sind hier Gallium und Lithium – sind angesichts steigender Nachfrage, auch aus dem Bereich nachhaltiger Energie, ausgesprochen kritisch. Schließlich fünftens: Wasser ist das „Lebensmittel“ schlechthin; die Wassersituation weltweit wird immer kritischer und die Klimaveränderungen werden die Lage noch einmal verschärfen.

Technik hilft, aber: Lehman verweist darauf, dass einzelne Ansätze kaum weiterhelfen. Was fehlt, das sind aus seiner Sicht Gesamtkonzepte. Noch einmal das Beispiel Lithium: Wollte man in Zukunft die Automobilflotte elektrisch betreiben und sollten dafür in großem Maßstab Lithium-Ionen-Akkumulatoren zum Einsatz kommen, dann bekommt man voraussichtlich ein Lithium-Problem. Schließlich geht ja auch die viel diskutierte Klimaveränderung auf ein klassisches Stoffstromproblem zurück, nämlich die massenhafte Verlagerung von Kohlenstoff aus der Erdkruste in die Atmosphäre. Auch deshalb wieder die Notwendigkeit zur systemischen Analyse. Die Gefahr besteht, dass man ein altes Problem durch ein neues eintauscht.

In der kritischen Sichtung der Stoffstrom- und Effizienz-Diskussion kommt immer wieder ein Thema auf den Tisch: Wie können diese Fragen einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt werden? Warum ist die Klimadiskussion der Stoffstromproblematik so weit voraus? Im Gespräch werden verschiedene Ansätze diskutiert. Möglicherweise wäre es sogar wenig produktiv, den erwähnten systemischen Gesamtzusammenhang kommunizieren zu wollen. Vielleicht braucht es – freilich auf dem Hintergrund einer vernetzten Sicht auf die Dinge – eher Einzelstrategien, die unterschiedliche Aspekte herausstellen: Wasser, Metalle, Flächen, Erosion... Lehmann betont, dabei komme es ihm nicht auf die reine Lehre an, nicht darauf, welcher Indikator sich möglicherweise durchsetzt, sondern eher, dass die Thematik insgesamt Gehör findet. „Wir haben genug Wissen, um loszulegen.“

Die aufziehenden und sich verschärfenden Ressourcenknappheiten, gleich auf welchem Gebiet, sieht Lehmann sowohl als hilfreich an, wie auch gefährlich. Einerseits gewinnt die Effizienzdiskussion durch steigende Preise an Gewicht – auch historisch immer wieder nachzuweisen. Andererseits können Auseinandersetzungen um knappe Ressourcen auch in chaotische politische Verhältnisse münden. Europa kommt bei der Lösung nach Lehmann dabei eine führende Rolle zu.

Originaltöne

1. Paradigmenwechsel Dienstleistungsgesellschaft

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2. Reboundeffekt verhindern

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3. MIPS und Kreislaufwirtschaft

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4. Paradigmenwechsel Energie

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5. Öffentlichkeit schaffen

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