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Jill Jäger: Was verträgt unsere Erde noch?

Klaus Wiegandt, Ex-Topmanager der Metro hat 2000 die Stiftung Forum für Verantwortung  gegründet. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die wichtigsten Umwelt- und Entwicklungsthemen zu popularisieren und dazu ein Großprojekt auf die Schiene gesetzt: „Mut zur Nachhaltigkeit“, ein Bildungsprojekt für Nachhaltigkeit für die nächsten fünf bis sechs Jahre.

Erster Teil dieses Projektes ist die verständliche Aufarbeitung des vorhandenen Wissens. 12 führende Wissenschaftler kommen in einer Buchreihe im Fischer Verlag zu Wort und beschreiben allgemeinverständlich den Stand der Dinge: Ressourcen, Klimaschutz, Welternährung, Energie, Wasser, Weltbevölkerung, Artenvielfalt, Ozeane, Wirtschaft, Weltordnung im Zeichen der Nachhaltigkeit.

In drei Etappen werden die 12 Taschenbücher der Öffentlichkeit vorgestellt, der erste Schwung wurde Mitte Januar 2007 in Berlin vorgestellt. Den Anfang gemacht hat Jill Jäger, Senior Researcher am
Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien. Sie gibt in ihrem Buch „Was verträgt unsere Erde noch?“ Einblicke in das überaus dynamische „System Erde“, in die dort natürlicherweise stattfindenden Veränderungen. Der Mensch greift in diese komplexen Wirkungsmechanismen ein, meistens ohne die Auswirkungen seines Eingreifens verstanden zu haben. Dies führt zu nicht vorhergesehenen oder unerwünschten Auswirkungen. Sollen diese zukünftig verhindert werden, muss das System Erde mit all seinen komplex miteinander reagierenden Teilsystemen besser verstanden und in Entscheidungen berücksichtigt werden.

Der globale Wandel

Im ersten Teil ihres Buches beschreibt Jill Jäger den globalen Wandel. In einem breiten Ansatz bringt sie, Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum, Ressourcenverbrauch und Emissionen mit dem Zustand des Planeten und den internationalen Bemühungen um einen Wandel zum Besseren in Beziehung, schildert Erfolge und Misserfolge im Bemühen um eine nachhaltige Entwicklung. Ihr Resümee des ersten Teils ist einfach: „Nachhaltige Entwicklung ist möglich, wir können nicht abwarten, bis Klimawandel und die Verschmutzung von Luft und Wasser katastrophale Wirkungen zeitigen werden...“

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Das System Erde

Im zweiten Kapitel gibt Jill Jäger eine Einführung in die Systemwissenschaften. Einfache Systeme mit vorhersehbaren Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die in sich geschlossen und von ihrer Umgebung isoliert sind, statisch und meist vom Menschen erdacht. Im Gegensatz dazu die realen Systeme, komplex, aus einer Vielzahl von Teilsystemen bestehend. Meist sind es offene Systeme, die mit ihrer Umgebung in Wechselwirkung treten: Sie werden von ihrer Umgebung beeinflusst, beeinflussen aber gleichzeitig auch ihre Umgebung. Diese Systeme sind nie für längere Zeit in einem stabilen Gleichgewicht, sie verändern sich dynamisch. Systeme zeigen häufig ein nicht-lineares Verhalten. Bis zu einem Schwellenwert läuft alles ganz normal, dann verändert sich etwas sprunghaft. Wie zum Beispiel beim frierenden Wasser. Wasser zieht sich beim Kälterwerden zusammen, bei 4°C hat es seine größte Dichte. Plötzlich verändert es bei 0°C seine Form: Es friert. Und es dehnt sich sprunghaft aus, denn Eis ist leichter als Wasser. Reale Systeme haben Rückkopplungsschleifen. Positive Rückkopplungen, die sich gefährlich aufschaukeln können, oder negative Rückkopplungen, die ein Aufschaukeln wirkungsvoll verhindern. Zeitliche und räumliche Verzögerungen: Eine Ursache hat eine Wirkung, aber nicht notwendigerweise sofort und am selben Ort. Beispiel Ozon in der Atmosphäre. In der Vergangenheit wurde in den Industrieländern FCKW in die Luft geblasen, das Ozonloch ist jedoch heute über der Antarktis. Weitere „Boshaftigkeiten“ natürlicher Systeme verschlechtern deren Vorhersehbarkeit: Es gibt Prozesse, die sich nicht umkehren lassen, wenn sie einmal abgelaufen sind, selbstorganisierende Prozesse, stetige und unstetige Veränderungen. Das Fazit daraus: Wir müssen lernen, komplexer zu denken, vernetzt zu denken und ebenso vernetzt zu handeln. Das Vorsorgeprinzip im Auge behalten.

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Ressourcenverbrauch - wir leben über unsere Verhältnisse

Die Menschheit braucht zu viele Ressourcen, besonders die in den industrialisierten Ländern. Das Verbrauchsniveau kann nicht mehr lange in dieser Höhe gehalten werden, es ist nicht nachhaltig. Die Gründe liegen einerseits in den unerwünschten Veränderungen des Systems Erde, andererseits im Verbrauch des Naturkapitals (erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen), der uns früher oder später an die Grenzen bestimmter Ressourcen bringt.

Seit Anbeginn der Menschheit ist die Nutzung des Naturkapitals das zentrale Thema von Zivilisationen. Naturkapital bringt Zivilisationen zur Blüte, wie derzeit die in den Industriestaaten. Sie bringt aber auch Zivilisationen zum Kollaps, wenn eine rücksichtslose Ausbeutung des Naturkapitals erfolgt. Beispiele gibt es in der Geschichte der Menschheit genug, Osterinseln, Maya.

Jill Jäger zeigt die ungleiche Verteilung des Ressourcenverbrauchs, Arm gegen Reich, Nord gegen Süd. Indien, Nigeria, Bangladesh, dies sind Länder, die sich mit ihren Pro-Kopf-CO2 Emissionen noch in einem nachhaltigen Bereich bewegen, deutlich unter 2 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Die USA liegen um den Faktor 10 über diesem Niveau, Deutschland um den Faktor 5. Damit ist die Herausforderung schon beschrieben: Nicht ein Rückfall in Armut und Not ist nötig, vielmehr müssen die Industrieländer eine wahre Effizienzrevolution durchleben, damit sie auf dieses nachhaltige Verbrauchsniveau kommen. Die Frage ist nur wie.

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Visionen einer nachhaltigen Zukunft

Eine zentrale Forderung von Jill Jäger ist eine global gerechtere Verteilung der Ressourcen. Die Industrieländer müssen den Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren, um den Entwicklungsländern die Möglichkeit zu geben, innerhalb nachhaltiger Nutzungsgrenzen aufzuholen und Wohlstand zu entwickeln. Dazu bedarf es zweier Entwicklungen: Zum einen ist es nötig, aber auch möglich praktisch alle Güter und Dienstleistungen mit einem deutlich geringeren Verbrauch an Energie, Material oder Fläche zu produzieren und so die ökologischen Fußabdrücke und Rucksäcke zu reduzieren. Zum anderen ist aber auch eine Auseinandersetzung mit der Frage der Genügsamkeit erforderlich: Wie viel Wohlstand ist genug? Die Frage der Suffizienz. Beide Strategien bringen nur gemeinsam eine nachhaltige Zukunft, jede für sich genommen kann sie nicht erreichen.

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Wege in die Nachhaltigkeit

Ebenso komplex wie das System Erde ist der Weg in die Nachhaltigkeit. Es bedarf einer Kombination aus einer neuen Umweltpolitik, einer neuen Wirtschaftspolitik, fairer Spielregeln in der Weltwirtschaft und besserer Bildung. „Die richtige Mischung machts“ bringt Jill Jäger die Anforderungen auf den Punkt.

Aus der Output-orientierten Umweltpolitik muss eine Input-orientierte Ressourcenpolitik werden. Statt der seit Jahrzehnten betriebenen teuren Nachsorge muss eine Vorsorgeorientierung treten, die Probleme, die man später aufwändig beseitigen muss, erst gar nicht entstehen lässt. Das geht mit ökonomischen Anreizen, mit freiwilligen Maßnahmen. Aber es erfordert auch Ordnungspolitik: Beispielsweise durch Deckelung des Ausstoßes bestimmter Schadstoffe, wie es jetzt die EU mit dem CO2 Ausstoß von Autos in Angriff zu nehmen scheint.

In der Wirtschaftspolitik müssen die richtigen Signale gesetzt werden, Emissionshandel, korrekte Preise, die Knappheiten widerspiegeln, eine ökologische Steuerreform mit Energie- und Materialinputsteuern. Nichts Neues, deswegen aber nicht weniger richtig.

Schließlich widmet Jill Jäger dem Zusammenhang von Wohlstand und Glück einen langen Abschnitt ihres Buches. Quintessenz: Je reicher, desto glücklicher, das ist Quatsch. Reichtum und Wohlstand bedeutet nicht zwangsläufig auch glücklich zu sein. Ganz andere Dinge als der materielle Wohlstand spielen eine wichtige Rolle: Zeit, soziale Kontakte, eine befriedigende Arbeit, Natur und vieles mehr. Die soziale Seite der Nachhaltigkeit.

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