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Bumerangeffekt / Rebound Effect

Der Bumerangeffekt (rebound effect) ist eine historische Realität. Effizienzgewinne werden durch ihn immer wieder aufgezehrt. Damit spricht der Bumerangeffekt jedoch nicht gegen die Dematerialisierung. Im Gegenteil: Ein effizienter Einsatz von Ressourcen ist wichtiger denn je. Nur so kann man aus weniger Natur mehr Produkte und Dienstleistungen gewinnen. Der Bumerangeffekt spricht allerdings gegen einen allzu naiven Glauben an den technischen Fortschritt (technology fix). Technik bringt zwar eine relative Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch. Aber nur die absolute Entkoppelung, die Begrenzung und langfristig ein Weniger an Ressourcenverbrauch, helfen wirklich weiter. Dafür braucht es gesellschaftliche Innovationen: ökonomischer, sozialer und kultureller Natur.

Das Grundmuster

Die wohl erste Beschreibung des Bumerangeffektes stammt vom britischen Ökonomen Stanley Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts:

Es ist eine vollständige Verwirrung der Ideen anzunehmen, dass der sparsame Gebrauch von Kraftstoffen zu einem geringeren Verbrauch führt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Regel ist vielmehr, dass neue Formen der Sparsamkeit eine Zunahme des Verbrauchs nach sich ziehen und zwar in vielerlei Hinsicht.“

Jevons nennt als Beispiel die Dampfmaschine des James Watt. Sie war zwar ungefähr 17 Mal energieeffizienter als ihre Vorgängermodelle, aber sie führte zu einem gewaltigen Anstieg des Kohleverbrauchs.

Das Grundmuster des Bumerangeffektes hat sich aus den Zeiten der industriellen Revolution bis heute erhalten: Effizientere Technik ermöglicht zwar eine Ressourceneinsparung im Einzelnen, die Entlastung wird aber per Saldo nicht wirksam, da der Ressourcenverbrauch durch das stärkere Wachstum der Wirtschaftsleistung insgesamt überkompensiert wird. Im Energiebereich ist das so genannte Jevons Paradox mittlerweile von vielen Ökonomen beobachtet worden, auch über längere Zeiträume. Danach hat die Energieeffizienz seit 1800 in industrialisierten Ländern etwa 1,3 Prozent pro Jahr zugelegt, bis in unsere Tage mehr als ein Faktor 10. Im selben Zeitraum aber betrug das Wirtschaftswachstum jährlich rund 3 Prozent, ein Anstieg um den Faktor 200. (Arnulf Grübler: Technology and Global Change)

Dasselbe Phänomen findet sich nicht nur im Energiebereich, sondern gilt auch für die Ressourcennutzung insgesamt. Im Jahr 1980  wurden den globalen Ökosystemen knapp 40 Milliarden Tonnen Material entnommen. Kurz nach der Jahrtausendwende, im Jahr 2002, lag der weltweite Materialverbrauch bereits bei annähernd 53 Milliarden Tonnen – trotz technologischen Fortschritts und wegen des Fortschritts, beides. Um eine Wertschöpfungseinheit zu produzieren, benötigt man heute etwa ein Viertel weniger Rohstoffe und Energie als zu Beginn der 1980er Jahre. Da die globale Wirtschaft allerdings zwischen 1980 und 2002 um 82 Prozent gewachsen ist, wurden die Effizienzgewinne mehr als ausgeglichen. (Die Zahlen gehen zurück auf Berechnungen des SERI.)

Die Weltwirtschaft produziert also immer effizienter, gleichzeitig aber entstehen immer mehr Güter und Dienstleistungen, so dass die – relative – Entkoppelung nicht zu einer Entlastung des Planeten führt, sondern ganz im Gegenteil zu einer erhöhten Belastung.

Allerdings scheint es auch gewisse Sättigungsgrenzen zu geben. Für Europa zeigt sich ein Trend, nachdem der Materialverbrauch pro Kopf ab einem bestimmten Level gesellschaftlichen Reichtums nicht weiter ansteigt. Zugleich ist nachweisbar, dass die Materialentnahme tendenziell in andere Kontinente verlegt wird. (Siehe auch Interview mit Stefan Bringezu im Bereich Politik.)

Bumerangeffekt und technische Systeme

Der belgischstämmige Technikphilosoph Jacques Neirynck sieht im Bumerangeffekt ein Grundmuster der Geschichte. Seine These lautet: Die technischen Systeme – von der Erfindung der Landwirtschaft, über das Mittelalter, die industrielle Revolution, bis ins heutige Computerzeitalter – haben den Druck auf die Natur nicht verringert, sondern erhöht. Weil durch bessere Technik der Zugriff auf mehr und andere Ressourcen erst möglich wird und der Preis für Güter tendenziell sinkt. 

Der Systemwissenschaftler Franz Josef Radermacher leitet daraus die Notwendigkeit ab, mittels gesellschaftlicher Governance-Struktur die Ressourcenzugriffe zu begrenzen. „Je effizienter die Technik, desto mehr Ressourcen werden insgesamt verbraucht. Technik ist eine Chance, nicht mehr, und solange entscheidende Fragen der Governance nicht gelöst sind, verschärft technischer Fortschritt die Umwelt- und Ressourcenprobleme in ihrer Gesamtheit eher, als diese zu lösen. Das spricht nicht gegen den technischen Fortschritt, wohl aber für die Notwendigkeit erheblicher Innovationen und Fortschritte im Bereich der Governance.“

Die Notwendigkeit der Begrenzung des Ressourcenverbrauchs, nicht durch Technik, sondern durch Politik, ist nirgendwo offensichtlicher als im Klimabereich. Nirgendwo zeigen sich aber auch so deutlich die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Wenn industrialisierte Länder, Schwellen- und Entwicklungsländer an einem Tisch sitzen und darüber verhandeln, wer wie viel Kohlendioxid emittieren darf.

Nicht vergessen: Klima ist nur ein Teil des Ressourcenproblems.

Formen des Bumerangeffektes

Aus ökonomischer Sicht kann man unterschiedliche Spielarten des Bumerangeffekts identifizieren. Dabei wird zugleich deutlich, in welchen Bereichen der Wirtschaft der Bumerangeffekt besonders groß ist. Auf globaler Ebene mögen die Muster noch relativ einfach sein, im Einzelnen jedoch sind die Zusammenhänge durchaus kompliziert.

Beim direkten Bumerangeffekt führt effizientere Technik zu geringeren Preisen, wodurch die Nachfrage stimuliert wird. Zu beobachten ist dieses Phänomen immer wieder im IT-Bereich. Heute steckt in jedem Handy und in jedem Auto mehr Rechenleistung als in den altehrwürdigen Maschinen, wie sie ein Computerpionier wie Konrad Zuse in den 1940er Jahren aus Telefonrelais zusammengebaut hat. Und während Rechner vor wenigen Jahren noch ganze Räume füllten, Unsummen kosteten und folglich nur von Konzernen, großen Organisationen und dem Militär genutzt wurden, sind Personal Computer mittlerweile aus dem Lebens- und Berufsalltag von Millionen Menschen nicht mehr wegzudenken. Da hilft auch die Miniaturisierung der Geräte nichts: Der Siegeszug der Computerindustrie, von einigen wenigen Exemplaren hin zu Hunderten von Millionen, bedeutet einen gewaltigen Aderlass an Ressourcen.

Selbst wenn durch fallende Preise in gesättigten Märkten keine direkten Nachfrageeffekte mehr nachweisbar sind, sprich: Wenn jeder Haushalt bereits über mehrere Computer, Fernseher, Autos etc. verfügt, selbst dann kann Effizienz zu verstärktem Konsum führen. Dann fährt man eben mit dem eingesparten Geld in Urlaub – der so genannte indirekte Bumerangeffekt. (Siehe MIPS-Konzept von Friedrich Schmidt-Bleek.)

Diese Zusammenhänge sind durchaus kompliziert, und doch sind sie empirisch nachweisbar. Wie groß diese Effekte tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen der Ökonomen freilich auseinander. (Siehe Ronald Schettkat: Analyzing Rebound Effects.)

Schließlich gibt es noch vielfältige Bumerangeffekte, die sich durch die gesamte Ökonomie ziehen. Ob Eisenbahn, Schifffahrt, Individualverkehr oder Luftfahrt: Leistungsfähigere Verkehrsmittel haben immer wieder neue Produkte und Dienstleistungen, Bedürfnisse, ja, neue Kulturen ermöglicht. Man denke nur an die Erfindung des Autos und die Folgen, zuerst in Nordamerika, später in Europa und weiten Teilen der Welt. Von Fords Modell T vor 100 Jahren, bis hin zum Tata Nano, dem indischen Billigauto, das demnächst in Hunderttausenden von Exemplaren die Straßen der Schwellenländer überziehen soll.