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Interview Christian Hagelüken:
Ein Handy zu recyceln ist ebenso Hightech wie es herzustellen

Hightech Recycling

© Umicore

FRAGE: Ihre Firma Umicore Precious Metals Refining verfügt in Hoboken, im Einzugsbereich des Hafens von Antwerpen, über eine moderne Anlage, um seltene und Edelmetalle wieder zu gewinnen. Was machen Sie dort genau?

HAGELÜKEN: Dort befassen wir uns nicht nur mit Edelmetallen, sie stehen aber im Fokus unserer Aktivitäten. Wir gewinnen insgesamt 17 verschiedene Metalle aus einer Vielzahl von komplexen Einsatzmaterialien zurück. Und der kleinste gemeinsame Nenner dabei ist, dass zumindest Spuren von Edelmetallen darin enthalten sein müssen.

FRAGE: Ein Beispiel, bitte!

HAGELÜKEN: Ein gutes Beispiel für Hightech-Verarbeitung ist Elektronikschrott, Leiterplatten oder Mobiltelefone. Darin ist ein extrem komplexer Mix aus Wert- und Schadstoffen enthalten, das halbe Periodensystem. Der Trick ist jetzt, die Materialien über den ganzen Prozess so zu verarbeiten, dass Sie auf der einen Seite die Wertstoffe mit hohen Ausbeuten, in der Regel über 95 Prozent, als ein vermarktungsfähiges Produkt gewinnen. Auf der anderen Seite wollen wir dies natürlich kostengünstig tun und sicherstellen, dass wir keine Schadstoffe emittieren.

FRAGE: Können Sie diesen Prozess kurz skizzieren?

HAGELÜKEN: Nehmen wir das Beispiel Leiterplatten aus Computern. Alles, was zu uns kommt, müssen wir zunächst einmal genau analysieren. Welche Qualität haben wir eigentlich bekommen? Jedes Material wird erstmal homogenisiert und nach statistischen Verfahren beprobt. Aus einer Lieferung von zehn Tonnen Leiterplatten bekommen Sie dann die Primärprobe von 400 Kilogramm. Die wird weiter verjüngt in eine Sekundärprobe, die vielleicht noch 20 Kilogramm hat. Damit geht man dann ins Labor und macht eine Feinpräparation. Letztlich erhalten Sie eine Tüte mit 100 Gramm Material. Der Inhalt wird auf die Metallgehalte hin analysiert. Diese Analyse muss wirklich repräsentativ für den gesamten Posten sein. Der sich anschließende eigentliche Recyclingprozess in Hoboken ist ausgesprochen komplex: eine Kombination aus schmelzmetallurgischen und chemischen Verfahren, sehr eng verschachtelt, um am Ende diese ganzen Metalle mit hohen Ausbeuten zurück zu gewinnen.

FRAGE: Auf welche Stoffe haben Sie es in erster Linie abgesehen?

HAGELÜKEN: Der Fokus liegt auf den Edelmetallen. Das sind bei Elektronikschrott vor allem Gold, Silber und Palladium. Wenn Platin drin ist, wird auch Platin zurückgewonnen. Aber normalerweise ist es in Elektronikartikeln kaum enthalten. Dadurch, dass wir auf die wertvollen Zielmaterialien gehen, gelingt es uns, den größten Teil der sonstigen vorhandenen Metalle ebenfalls zurück zu gewinnen. Dazu gehören Kupfer, Blei und Zinn, aber auch eine Reihe von Spezialmetallen wie Selen, Indium, Wismut, Tellur, Antimon usw. In der Summe sind es die erwähnten 17 verschiedenen Metalle. Neben Elektronikschrott verarbeiten wir zum Beispiel auch Autoabgaskatalysatoren, aus denen wir Platin, Palladium und Rhodium zurückgewinnen.

FRAGE: Was bleibt von zehn Tonnen Elektronikschrott an Edelmetallen übrig?

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250 Gramm Gold aus einer Tonne Elektronikschrott

© Umicore

HAGELÜKEN: In Leiterplatten von Computern haben Sie in der Regel Gehalte von 200 bis 250 Gramm Gold pro Tonne. In zehn Tonnen wären danach gut zwei Kilogramm Gold enthalten.

FRAGE: Das hört sich nach einem Geschäft an, das sich lohnt.

HAGELÜKEN: Auf alle Fälle. Die Verarbeitung von diesen Ausgangsstoffen ist gerade bei den heutigen Preisen für Edelmetalle interessant. Davon profitieren sehr stark auch unsere Kunden, nämlich die Materiallieferanten, da wir das Edelmetall Recycling für sie als Service durchführen. Die zurück gewonnenen Metalle werden dann entweder physisch von uns zurückgeliefert oder zu den aktuellen Tagespreisen von Umicore angekauft. Der Kunde zahlt für dieses „Toll Refining“ an uns einen Verarbeitungspreis, bleibt aber faktisch Eigentümer der enthaltenen Edelmetalle.

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Das Problem sind die Konsumgüter

FRAGE: Sie haben sich mit verschiedenen Stoffstromsystemen befasst: einerseits geschlossene Systeme aus der industriellen Produktion und andererseits offene Systeme, wie Sie es nennen, zum Beispiel Konsumgüter wie Handys oder Laptops. Wie unterscheiden sich diese Systeme in Bezug auf das Recycling?

HAGELÜKEN: Zunächst einmal, worin unterscheiden sie sich nicht? Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied in der Recyclingtechnik. Eine Leiterplatte, die aus einem Konsumgut kommt, oder einen Leiterplatte aus einem industriellen Prozess, beide sind mehr oder weniger gleich und können gleich verarbeitet werden. Auch die Ausbeuten sind ähnlich hoch. Ähnliches gilt für Autokatalysatoren, ebenfalls ein Beispiel für den Konsumgüterbereich. In der chemischen Industrie werden aber auch Katalysatoren eingesetzt. Auch hier sind die Verarbeitungsschritte identisch. Die Edelmetallausbeute ist es ebenso.

FRAGE: Es gibt eine technische und eine logistische Seite.

HAGELÜKEN: Richtig, und das große Problem bei den offenen oder Konsumgütersystemen ist der Lebenszyklus. Industrielle Güter, zum Beispiel ein Katalysator, der in einer Raffinerie eingesetzt wird, ist ein definiertes Gut, das vom Hersteller an den Nutzer geliefert wird. Das ist in den Büchern drin. Das ist ortsfest eingesetzt. Das kann auch eine sehr lange Lebensdauer von zehn Jahren und mehr haben. Aber am Ende der Lebensdauer ist sichergestellt, dass das Material aus dem Reaktor genommen und sofort einem professionellen Recycler zur Verfügung gestellt wird. Wenn man das mit dem Lebenszyklus von einem Computer oder Auto vergleicht, dann ergibt sich eine ganz andere Kette: Sie haben nicht nur einen Nutzer, sondern eine Vielzahl von Folgenutzern. Und Sie haben heute überhaupt keine ortsfeste Nutzung mehr, sondern einen starken regionalen Übergang. Die Erstnutzung kann in Deutschland stattfinden, die Zweitnutzung ist vielleicht in Belgien und die Drittnutzung in Afrika.

FRAGE: Bleiben wir erst einmal bei der Erstnutzung, zum Beispiel von Handys und Laptops. Viele Menschen horten mittlerweile wohl mehrere Altgeräte tief im Schreibtisch oder im Keller. Ist das ein Problem?

HAGELÜKEN: So lange es im Keller gestapelt wird, ist es nur eine Zeitverschiebung. Dann ist es zumindest ein Potenzial fürs Recycling zu einem späteren Zeitpunkt. Ein Großteil stapelt aber nicht im Keller, sondern findet irgendwie den Weg in den Müll oder über halb- oder illegale Exporte aus den Systemen raus. Dann wird es zum Problem.

FRAGE: Die Exporte haben Sie bereits angesprochen.

HAGELÜKEN: Es gibt zwei Arten von Exporten. Der eine Teil ist, dass wirklich gebrauchsfähige Produkte exportiert werden und dann im Importland unter vernünftigen Randbedingungen ein verlängertes Leben führen. Das ist eine sinnvolle Sache.

FRAGE: Bei Autos zum Beispiel.

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Getarnte Schrottexporte

© Umicore

HAGELÜKEN: Gleich ob Autos, Computer oder Mobiltelefone. Ein Großteil der Exporte wird zwar als Gebrauchtgeräte deklariert, in Wirklichkeit sind es aber getarnte Schrottexporte. Sie haben Container, wo die erste zugängliche Schicht aus Fernsehern oder Computern bestehen, die noch ganz intakt aussehen. In der Schicht dahinter ist dann aber Schrott untergebracht. Und da haben Sie es letztlich schon mit illegaler Abfallentsorgung zu tun. Autos werden zum Teil mit der „Planierraupe“ aufs Schiff geschoben. Entweder werden sie im Importland direkt ausgeschlachtet oder sie laufen unter Betriebsbedingungen, die nicht mehr sinnvoll sind.

FRAGE: Kann man das quantifizieren?

HAGELÜKEN: Bei den Elektronikgeräten würde ich davon ausgehen, dass fast 50 Prozent der so genannten Gebrauchtgeräte in Wirklichkeit nicht weiter genutzt werden, sondern nur ein kurzes Leben am Bestimmungsort haben.

FRAGE: Wir waren bei der Frage stehen geblieben, warum das ein Problem ist.

HAGELÜKEN: Zwei Aspekte. Auf der einen Seite wollen wir vermeiden, dass die in den Geräten enthaltenen Schadstoffe emittiert werden oder dass beim Recycling Schadstoffe entstehen, die zu Umwelt- oder Gesundheitsschäden führen können. Und dabei ist es im Grunde gleich, wo sie entstehen. Das zweite ist aber, und das ist meine Hauptstoßrichtung, dass in Summe in den Konsumgütern erhebliche Mengen von metallischen Ressourcen gebunden sind. Mit den offenen Systemen verbauen wir uns so die Möglichkeit, diese wertvollen Ressourcen in den Kreislauf zurück zu führen. Der größte Teil der exportierten Ressourcen geht im Importland verloren. Das gilt übrigens nicht nur bei illegalen Exporten von Altgeräten: Da in den meisten Importländern keine effiziente, modern Recycling-Infrastruktur für solche Güter besteht, gehen in den meisten Fällen auch die noch wirklich funktionsfähigen Produkte am Lebensende für das Recycling verloren.

FRAGE: Ich will noch einmal drauf aufmerksam machen: Die ökologischen Rucksäcke von Edelmetallen wie Gold oder Platin sind enorm groß. Das heißt, man muss riesige Energie- und Stoffmengen bewegen, um solche Metalle primär zu gewinnen. Wenn man das Material dagegen sekundär gewinnt – der Fachterminus heißt, glaube ich,–  „urban mining“ – liegt darin ein erheblicher stofflicher Gewinn.

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Elektronikschrott ist eine Bonanza

HAGELÜKEN: Der ist ganz erheblich. Das wird schon klar, wenn man die Konzentrationen der Edelmetalle und anderer Spurenelemente vergleicht, wie sie in natürlichen Lagerstätten und wie sie in unseren Geräten vorkommen. Wenn Sie das Beispiel Gold nehmen, dann ist ein typischer Gehalt in einer Goldmine vielleicht fünf Gramm pro Tonne. Um das Erz zu gewinnen, geht man in Südafrika 3000 oder 4000 Meter tief, holt das rauf und dann beginnt eine aufwendige Prozesskette, um an das Gold zu gelangen. Im Vergleich dazu ist die Leiterplatte aus dem Computer mit einem Gehalt von 250 Gramm pro Tonne eine Bonanza. Das ist ein richtig reiches Ausgangsmaterial. Allein der Konzentrationsaufwand beträgt beim Sekundärmaterial nur ein Bruchteil dessen, was beim Primärmaterial anfällt.

FRAGE: Wir haben aber noch ein anderes Problem beim Recycling. Die Stichworte dazu: Hightech und Lowtech. In Schwellen- und Entwicklungsländern herrscht natürlich ein ganz anderer Standard, um es mal vorsichtig zu formulieren. Haben Sie das mal gesehen?

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Hightech und Lowtech

© Umicore

HAGELÜKEN: Ja, sowohl in China wie auch in Indien. In Schwellen- und Entwicklungsländern findet ein Großteil des Recyclings im so genannten informellen Sektor statt, weit von organisierten industriellen Strukturen entfernt. Dort findet ein klassisches Rosinen-Picken statt. Man versucht, mit möglichst einfachen Mitteln, Wertmetalle, vor allem Edelmetalle und Kupfer, zurück zu gewinnen. Elektronikschrott wird zunächst auf dem offenen Feld verbrannt, um den Kunststoff los zu werden und die Metalle aufzukonzentrieren. Die Verbrennungsrückstände werden in der Regel von Hand zerlegt, offensichtlich edelmetallhaltige Teile werden aussortiert. Dabei wird Vieles aber auch übersehen. Diese Teile gehen dann in kleine, spezialisierte Hinterhofbetriebe, wo man in offenen Schüsseln mit Zyanid versucht, die Metalle über einen Laugungsprozess abzulösen. Die Reste werden einfach ins Abwasser gekippt. Man erhält dabei ein relativ schmutziges Konzentrat, zum Beispiel von Gold. Das wird dann über eine Quecksilber-Amalgamierung weiter aufkonzentriert. Anschließend wird dieser Quecksilber-Gold-Klumpen über einem offenen Feuer bearbeitet. Das Quecksilber geht ungefiltert in die Luft.

FRAGE: Das hört sich nicht sehr gesundheitsfördernd für die Arbeiter, aber auch nicht gut für die Natur an.

HAGELÜKEN: Für die Arbeiter und die Anwohner ist es eine Katastrophe. In China und Indien hat es dazu auch vereinzelt Messungen gegeben. Die Ergebnisse liegen um ein Vielfaches über Grenzwerten, die in Europa  definiert worden sind. Darüber hinaus sind diese Prozesse aber auch höchst ineffizient. Wir haben das mal zusammen mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in Bangalore untersucht. Dort liegen die Ausbeuten für Gold aus Elektronikschrott bei einer Größenordnung von 25 Prozent, mit einer Anlage, wie wir sie bei Umicore in Hoboken betreiben, dagegen bei deutlich über 95 Prozent.

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Europäische Schwachstellen

FRAGE: Versuchen wir uns mal eine Recyclingwirtschaft vorzustellen. In der Europäischen Union ist das ja der Anspruch. Da gibt es Vorschriften, wonach man zum Beispiel Elektronikgeräte getrennt erfasst. Ist so etwas global in irgendeiner Weise vorstellbar? Und wie wäre das überhaupt zu kontrollieren? Sie haben von kriminellen Machenschaften beim Transport gesprochen.

HAGELÜKEN: Wir haben eine Gesetzgebung in Europa, sowohl für Elektronik als auch für Altfahrzeuge. Reicht das aus? Zuerst einmal fällt das unter die Abfallgesetzgebung. Das heißt, alles was als Altgerät oder Reuse deklariert wird, ist per Definition davon nicht erfasst. Das ist die eine Schwachstelle, indem oft Abfälle zu Gebrauchtgeräten umdeklariert werden und damit an der Gesetzgebung vorbeilaufen. Die ist im Grunde durchaus ausreichend, das Problem ist der Vollzug. Wir bräuchten bessere Kontrollen in Häfen, wo dieses Material rausgeht. Dazu müssten allerdings auch die Hafenbehörden die entsprechenden personellen Ressourcen erhalten, die so etwas kontrollieren. Und dann benötigen wir auch empfindliche Strafen. Das sieht heute eher so aus, ob man es sich erlauben kann, mit der U-Bahn schwarz zu fahren. Dann ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeit, wann man erwischt wird und wie viel es dann kostet. Die Strafen bei diesen illegalen Geschäften sind heute so gering, dass viele Leute sie in Kauf nehmen.

FRAGE: Und die legale Seite?

HAGELÜKEN: Das ist der Punkt, an dem die Gesetzgebung nicht mehr unbedingt ausreicht. Es sind nämlich auch Erfassungsziele definiert. In Europa müssen die Länder pro Kopf vier Kilogramm Elektroschrott sammeln. Ein Wert, der für ein Land wie Deutschland lächerlich gering ist. In einigen Ländern werden 20 Kilogramm gesammelt, das ist, gemessen am tatsächlichen Aufkommen, viel realistischer. Die vier Kilogramm kann man leicht erreichen. Und dann kann man sich entspannt zurücklegen und sagen: Alle gesetzgeberischen Auflagen sind erfüllt! Zum Zweiten sind auch in der Gesetzgebung für Elektrogeräte wie für Altautos so genannte Recyclingquoten definiert. Nun wird diskutiert, ob man diese Quoten zum Beispiel von 85 auf 90 Prozent hochsetzt. Das ist aber irreführend, weil die Quoten sich nur auf die Materialien beziehen, die innerhalb eines Landes erfasst und recycelt werden. Beispiel Altautos: Von 3,1 Millionen Löschungen von Fahrzeugen in Deutschland wurden 2005 etwas über 500 000 Fahrzeuge im Land selber noch verwertet und recycelt. Der mit Abstand größte Teil ist exportiert worden. Und wenn ich von den 500 000 Fahrzeugen eine Recyclingquote von 85 Prozent errechne, dann gaukelt dies einen viel zu hohen Wert vor. Die echte Rechnung unter Berücksichtigung von Exportströmen landet irgendwo bei unter 20 Prozent.

FRAGE: In Europa kann ich mir noch vorstellen, dass man solche komplizierten Regelwerke einführt und dass man sie sogar optimiert, etwa beim Export im Hafen. Aber wenn man wirklich zu einer Recyclinggesellschaft im globalen Maßstab kommen will, ist so etwas doch kaum vorstellbar. Wie sehen Sie das?

HAGELÜKEN: Wenn wir eine Recyclinggesellschaft erreichen wollen, dann geht das mittelfristig nur, wenn man das global macht. Wir müssen uns heute darüber im Klaren sein, dass selbst der legitime Export von Altgeräten, also die, die wirklich noch gebrauchsfähig sind, mit großer Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass sie dem Recyclingkreislauf entzogen werden und nicht in effektive Recyclingketten hineingelangen.

FRAGE: Die Stoffe sind verloren.

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Ein klassischer Zielkonflikt

HAGELÜKEN: Ja. Nun haben wir hier einen klassischen Zielkonflikt. Wenn Sie an Computer und Mobiltelefone denken, da gibt es das Stichwort digital divide. Das hat natürlich auch einen entwicklungspolitischen Stellenwert, wenn man in Afrika noch Computer oder Handys einsetzt, die die Menschen sich sonst nicht leisten könnten. Aber wenn wir diese Ziele heute verfolgen, dann heißt das auf der anderen Seite, dass ein Kreislaufwirtschaftsziel nicht erreicht wird. Und man muss sich darüber im Klaren sein, dass wir in diesem Zielkonflikt leben. Mittelfristig, wenn wir es irgendwie schaffen, eine globale Recyclingwirtschaft aufzubauen, kann man diese Ziele vielleicht zusammen bringen. Indem man sagt, man hat eine vernünftige Verlängerung der Lebensphase in einer anderen Region. Nur, am Ende dieser Lebensphase muss das Gerät in einen leistungsfähigen Recyclingkreislauf wieder zurückfließen.

FRAGE: Das klingt ziemlich visionär. Über zehn Jahre kann ich mir das nicht vorstellen.

Die globale Recyclingwirtschaft

© Umicore

HAGELÜKEN: Ohne Visionen kommen wir bei dem Thema nicht weiter. Andererseits, wenn man sich die heutigen hohen Metallpreise vor Augen hält, wenn wir das mit einer Kombination aus Information, Erziehung und gewissen Gesetzgebungsmaßnahmen flankieren, könnte man schon eine Menge bewirken. Stichwort Indien: Was dort heute mit den 25 Prozent Goldausbeute passiert, ist hochgradig ineffizient. Auf der anderen Seite gibt es sowohl in Afrika wie in Indien eine Tradition bei der Verwertung des Abfallstroms. Man könnte sich durchaus auch niedrige Arbeitskosten zu Nutze machen, um die lokalen Altgeräte, die anfallen, zu erfassen und in gewisser Hinsicht vorzubereiten, zum Beispiel zerlegen. Nur, man muss wissen, wo man einen Schnitt setzt und wo es keinen Sinn mehr macht, mit Lowtech weiter zu arbeiten, sondern wo Hightech-Prozesse erforderlich sind. Genau solche Fragen untersuchen wir zusammen mit anderen Partnern im Rahmen der StEP-Initiative der United Nations University.

FRAGE: Wäre Hightech in Schwellen- und Entwicklungsländern überhaupt vorstellbar?

HAGELÜKEN: Irgendwann sicherlich. Die Frage ist: Haben Sie die kritischen Mengen und haben Sie die Infrastruktur, um so etwas aufzubauen?

FRAGE: Insgesamt habe ich aber den Eindruck, Sie sind da gar nicht so pessimistisch, dass man mittelfristig vorwärts kommen kann, um die Stoffkreisläufe zu schließen.

HAGELÜKEN: Ich bin verhalten optimistisch. Ich setze auf die Kraft der Überzeugung und der Argumentation.

FRAGE: Und die hohen Materialpreise.

HAGELÜKEN: Na gut, das hilft, wenn man ökonomische Anreize hat. Aber in Summe ist das ein recht komplexes System, in dem man sich bewegt. Und ich merke auch in vielen Diskussionen, die ich in Entwicklungsländern und mit Behörden selbst in Europa habe: Ein wichtiger Punkt, der erstmal begriffen werden muss, ist, dass es sich beim Recycling von diesen komplexen Gütern nicht darum handelt, irgendetwas auseinander zu schrauben und über den Schredder zu fahren, sondern dass es sich beim Recycling genauso um High tech handelt wie bei der Herstellung von diesen komplexen Gütern. Arbeitsteilung, Spezialisierung und „Economies of Scale“ sind Schlüsselbegriffe auch beim Recycling Es ist daher sinnvoll, bestimmte komplexe Komponenten wie Leiterplatten oder Katalysatoren auch grenzüberschreitend zu modernen industriellen Recyclinganlagen zu bringen, statt zu versuchen, alles im eigenen Land zu machen,

FRAGE: Das Bild, was wir bisher haben, ist, dass die Stoffströme im Konsumgüterbereich bei seltenen und Edelmetallen relativ offen sind, dass wir permanent Material verlieren. Ist das überhaupt ein Problem? Führt das, global gesehen, irgendwann zu Knappheiten?

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Materialknappheiten

HAGELÜKEN: Ich denke schon. Obwohl man bei den Knappheiten differenzieren muss. Es gibt absolute, relative/temporäre und strukturelle Knappheiten. Absolute Knappheit bedeutet, dass wir irgendwann bestimmte Metalle gar nicht mehr haben. Das sehe ich nicht. Zumindest nicht in mittelfristigen Zeiträumen.

FRAGE: Also nicht über 10 oder 20 Jahre?

HAGELÜKEN: Nein. Was sehr viel relevanter ist, sind relative oder temporäre Knappheiten. Das heißt, es gibt eine Nachfrage nach bestimmten Metallen. Und die Frage ist, wie schnell kann man sie von der Angebotsseite her befriedigen?

FRAGE: Ein Beispiel, bitte! Gerade in der Elektronik gibt es doch bestimmte Schlüsselwerkstoffe. Da sehen Sie keinen Flaschenhals?

HAGELÜKEN: Ja doch, aber den relativen und temporären. Ein Beispiel ist Platin. Für die Elektronik ist das nicht ganz so entscheidend, aber Palladium geht auch in diese Richtung. Platin ist aber sehr relevant für Automobilkatalysatoren. Seit Jahresbeginn 2008 haben wir von einem bereits hohen Niveau einen Preisanstieg bis Anfang März von mehr als 30 Prozent gesehen. Der einzige Grund dafür war, dass es in Südafrika Probleme mit der Stromversorgung gegeben hat und dass die südafrikanischen Platinminen – sie tragen zu 75 Prozent die weltweite Platinversorgung – teilweise ihre Produktion drosseln mussten. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Preise enorm gestiegen sind. Bei einzelnen Metallen gibt es sehr starke regionale Abhängigkeiten. Wenn in diesen Gegenden irgendetwas passiert – das muss nicht immer eine politische oder eine Umweltkatastrophe sein, sondern ein simpler Stromausfall kann schon reichen – heben die Preise ab.  Auf der Nachfrageseite gibt es, bedingt durch Technik, teilweise auch sehr sprunghafte Entwicklungen. Auf der Angebotsseite dauert es dann mindestens drei Jahre, manchmal bis zu zehn, um die Nachfrage zu befriedigen. Selbst wenn geologisch Metalle vorhanden sind, kann man sie noch lange nicht kurzfristig fördern Es müssen zunächst Bergwerke, Aufbereitungs- und Verhüttungsprozesse aufgebaut werden. Eine Ausweitung des Recyclings kann hier natürlich stark entlastend wirken, das ist die eigentliche Grundidee der Kreislaufwirtschaft oder Recyclinggesellschaft.

FRAGE: Haben Sie noch ein Beispiel für strukturelle Knappheiten?

HAGELÜKEN: Nehmen Sie Indium. Das Material wird zu mehr als 80 Prozent für transparente, leitfähige Oberflächen benutzt, zum Beispiel in der LCD-Technologie. Indium wird aber auch für bestimmte Anwendungen in der Fotovoltaik genutzt. Und damit haben wir zwei extreme Wachstumsmärkte auf der Nachfrageseite. Weltweit gibt es aber keine einzige Indiummine. Das ist ein reines Koppelprodukt mit dem Zinkbergbau. Bei der Förderung von entsprechenden Erzen sind relativ kleine Mengen Indium dabei. Eine starke Erhöhung der Indium-Nachfrage kann man bergbauseitig langfristig nur durch eine entsprechende Ausweitung der Zinkproduktion befriedigen, das macht aber ökonomisch nur Sinn, wenn sich diese Zinkmengen auch ohne Preiseinbrüche absetzen lassen.

FRAGE: Sie haben jetzt die verschiedenen Knappheiten durchdekliniert. Was heißt das unterm Strich?

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Die Preise steigen weiter

© Umicore

HAGELÜKEN: Es führt auf alle Fälle dazu, dass Preise ansteigen. Und zwar auf breiter Front. Vorteil bei steigenden Preisen ist, dass in der Regel das Bewusstsein für knappe Ressourcen und für Recyclingkreisläufe etwas ausgeprägter wird, als es vorher war. Der Nachteil ist aber, dass steigende Preise auch dazu führen können, dass sich bestimmte neue Technologien verzögern oder schlichtweg nicht wirtschaftlich werden. Auch hier wieder das Beispiel Fotovoltaik, wenn es in diesem Bereich steigende Preise gibt, hat die Technik es natürlich schwerer, sich gegen konventionelle Lösungen durchzusetzen. Im Extremfall kann es dazu führen, dass man von bestimmten technischen Entwicklungen Abstand nimmt, weil man Angst hat, bei den Rohstoffen nicht auf der sicheren Seite zu sein.

FRAGE: Das Business, in dem Sie sich bewegen, steht wirtschaftlich vor einer großen Zukunft, entnehme ich unserem Gespräch.

HAGELÜKEN: Ja. Das Umfeld ist grundsätzlich gut, dazu zählen auch die hohen Preise. In einigen Bereichen kommen wir allerdings an Kapazitätsgrenzen. Dafür müsste man neu investieren. Und das ist erheblich. Wenn wir einen neuen Ofen bauen, reden wir über 30 Millionen Euro aufwärts. Solch eine Entscheidung treffen Sie natürlich nur, wenn Sie irgendwo auch eine Sicherheit haben, dass Ihnen später Mengenströme zugeführt werden. Wir haben kein Problem damit, konkurrenzfähig zu sein. Aber der Wettbewerb muss natürlich unter gleichen Rahmenbedingungen stattfinden. Wenn Sie eine Anlage haben, die Metall zurückgewinnt, ohne dabei Schadstoffe zu emittieren und Sie konkurrieren dabei mit jemandem, der einen offenen Schornstein hat, dann sind das natürlich nicht gerade ideale Bedingungen.

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Originaltöne

Elektronikschrott ist eine Bonanza

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Kontrollen in den Häfen verbessern

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Die Recyclinggesellschaft

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