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Rezension: Wie muss die Wirtschaft umgebaut werden?

Bernd Meyer ist einer der weltweit führenden Architekten für computergestützte Wirtschaftsmodelle. Mit diesem Werkzeug hat er seit 2004  für die Aachener Stiftung Kathy Beys Möglichkeiten und Chancen der Dematerialisierung analysiert: der Ausgangspunkt für Meyers neues Buch "Wie muss die Wirtschaft umgebaut werden?" Darin geht er freilich entscheidende Schritte weiter. Er schlägt die Brücke zu den jüngsten Erkenntnissen der Klimaforschung und offeriert eine gesellschaftspolitische Gesamtstrategie. Die Kreise schließen sich.

Angenommen, die Weltwirtschaft würde über die nächsten Jahre auf einem ähnlichen Pfad wie in der Vergangenheit wachsen, dann würde das Weltbruttosozialprodukt bis 2030 um 130 Prozent steigen. Bei gleich bleibender Verbesserung der Ressourcenproduktivität ergäbe sich daraus ein zusätzlicher Ressourcenverbrauch um rund 50 Prozent.

Meyer beruft sich mehrfach auf den Vater des Dematerialisierungsgedankens, Friedrich Schmidt-Bleek, und bewegt sich mit seinen Computermodellen schließlich in dieselbe Größenordnung hinein: den Faktor 10. Bei Schmidt-Bleek stand dahinter – sehr bewusst übrigens – eine allgemeine Abschätzung der Dimension. Meyer nun hinterlegt das Konzept mit umfangreichem Datenmaterial. Damit wird die Forderung nach einer radikalen Dematerialisierung noch einmal wissenschaftlich untermauert. 

Die Computermodelle deuten in einem Business-as-Usual-Szenario auf einen gewaltigen Bedarf nach Metallen und Erzen hin. Was mit dem Ausbau des Kapitalstocks in den Schwellenländern – Maschinen, Eisenbahnen, Flughäfen – zusammenhängt. An diesem Punkt kommt nun die Klimaforschung ins Spiel. Ihr zentrales Plädoyer geht dahin, eine Erhöhung der globalen Temperaturen über einen Wert von zwei Grad Celsius zu vermeiden. Dafür darf eine Kohlendioxid-Konzentration von 550 ppm in der Atmosphäre auf gar keinen Fall überschritten werden.

„Aus Erzen wird Stahl gekocht, der dann unter hohem weiteren Energieaufwand gewalzt oder gegossen wird“, schreibt Meyer. „Anschließend werden Halbfabrikate, z.B. Maschinenteile, erzeugt. In der nächsten Stufe – z.B. in der Automobilindustrie – wird durch den energieintensiven Einsatz von Maschinen das Endprodukt montiert.“ (S. 61) Für den Energieeinsatz einer Volkswirtschaft ist ihr Materialeinsatz entscheidend. Umgekehrt kann Meyer in seinen Computersimulationen zeigen, dass die Energiebereitstellung (unter „fossilen Vorzeichen“) die Stoffströme dominiert.

Dies ist der entscheidende Link zwischen Ressourcenverbrauch einerseits und Kohlendioxidemissionen andererseits. Und das gilt nicht nur für Metalle. Mit Hilfe seiner tief gegliederten Wirtschaftsmodelle belegt Meyer: Eine erfolgreiche Klimapolitik braucht die Dematerialisierung. Das bedeutet, von vornherein weniger Material in den Wirtschaftsprozess hineinzugeben.

Eine Lieblingsformulierung des Autors lautet „scharfes Nachdenken alleine hilft hier nicht weiter“. Er meint die komplexen Wechselbeziehungen unterschiedlicher Wirtschaftsbranchen, wie sie in seinen Computersimulationen nachgebildet sind. Darüber hinaus werden der technische Fortschritt, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Handel modelliert. So entsteht ein Bild der gesamten globalen Wirtschaft, einschließlich ihres Ressourcenverbrauchs. GINFORS (Global Interindustry FORcasting System) heißt das am weitesten entwickelte Meyersche Modell. Es bildet die Grundlage, um beurteilen zu können, welche Folgen das Anziehen dieser oder jener Stellschraube auf das Gesamtsystem hat.

So kommt Meyer zu einer Gesamtstrategie. Der zentrale Baustein ist die Steigerung der Ressourcenproduktivität. Aber auch Bewusstsein schaffende Maßnachen spielen eine Rolle, Stichwort: Suffizienz. Der Vorschlag umfasst ebenso eine Bildungsoffensive, um der demographischen Entwicklung zu begegnen und den steigenden Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften befriedigen zu können. Alles mit dem Schwerpunkt auf Deutschland und Europa.

„Wir behandeln die Natur fälschlicherweise als ein Gut, das unbegrenzt verfügbar ist und deshalb den Preis null hat. Tatsächlich aber ist die Natur ein knappes Gut. Da die Ressourcen in vielfältiger Weise in den Gütern, die wir erzeugen und konsumieren, enthalten sind, sind die Preise alle Güter falsch“ (S.135), konstatiert Meyer. Anschließend diskutiert er das gesamte Spektrum ökonomischer Instrumente, damit die Preise endlich die ökologische Wahrheit sagen: Ökosteuer, Ressourcensteuer, Emissionszertifikate, aber auch ordnungsrechtliche Maßnahmen, sprich: Verbote sowie investitionsfördernde Maßnahmen wie Effizienzagenturen und so genannte weiche Maßnahmen im Bereich der Bildung. Meyer zeigt sich in Wie muss die Wirtschaft umgebaut werden? auch als überzeugter Anhänger des „Personal Carbon Trading“, also der kostenlosen Zuteilung von Emissionsquoten an die einzelnen Konsumenten.

Die gute Nachricht: Ja, es funktioniert, solch eine Gesamtstrategie kann Europa auf einen innovativen, wirtschaftskonformen und nachhaltigen Weg bringen, auch im Rahmen des internationalen Wettbewerbs. Die schlechte: Das wird nicht reichen. Die Reform Europas alleine kann den Planeten nicht retten. Auch nicht, wenn verminderte europäische Energie- und Ressourcenverbräuche Auswirkungen auf die globale Ökonomie haben.

Diesen Illusionen hatte sich der Autor freilich niemals hingegeben. Vielmehr wollte er von Anfang an eine globale Lösung. Und damit sind wir wieder bei der Klimadiskussion. Auf diesem Gebiet ergeben die ökologischen und ökonomischen Berechnungen mittlerweile ein sehr klares Bild. Mit den Klimaforschern ist Meyer der Ansicht, dass der Höhepunkt der weltweiten Kohlendioxidemissionen bereits um das Jahr 2015 erreicht sein muss. Eine überaus kurze Zeitspanne! Die Herausforderungen sind enorm.

Es geht also darum, verbindliche Obergrenzen für Industrieländer, Schwellenländer und Entwicklungsländer festzulegen. Die Hauptschwierigkeit liegt derzeit darin, den größten Emittenten, die Vereinigten Staaten, der sich bisher jeder klimapolitischen Regelung verweigert, einzubinden. Außerdem gilt es, die kopfstarken Schwellenländern, insbesondere China und Indien, mitzunehmen.

Wie das geschehen soll, welche Dematerialisierungsschritte mit welcher politischen Strategie im Süden verfolgt werden sollen und wie diese Länder dazu bewegt werden könnten, dazu äußert sich Meyer nur sehr allgemein.

Was die Bedeutung des Buchs allerdings nicht schmälert. Wenn es darum geht, gangbare wirtschaftspolitische Wege aufzuzeigen, kann die Bedeutung von leistungsfähigen Modellen wie GINFORS nicht hoch genug veranschlagt werden. Sie geben Einsichten in das komplexe System der gesamten Wirtschaft: nicht nur der monetären, sondern auch der Energie- und Materialströme und damit entscheidende Hinweise, wo sich die entscheidenden Steuerungspunkte für eine nachhaltige und friedliche Zukunft befinden.