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Interview Peter Jahns, Leiter der Effizienz-Agentur NRW

PIUS - produktionsintegrierter Umweltschutz

FRAGE: Sie gehen in einen mittelgroßen Betrieb hinein, treffen auf den Geschäftsführer, was schlagen Sie ihm vor?

JAHNS: Als Erstes erläutern wir dem Unternehmen, worin die Chancen von PIUS liegen. PIUS steht für produktionsintegrierten Umweltschutz. Der Unternehmer horcht natürlich besonders auf, wenn es um Kosten- senkungen geht, weil das seine Wettbewerbsfähigkeit stärkt, den Stand- ort und die Arbeitsplätze sichert. Zuerst schauen wir, wo nach unserer Erfahrung die größten Potenziale im Unternehmen sein könnten.

FRAGE: Ein Beispiel, bitte!

JAHNS: In der Galvanik z.B. kann man Abwasserströme aufbereiten und in den Produktionsprozess zurückführen. Dann müssen die sauren Abwässer nicht als Sonderabfall entsorgt werden, sondern können im Unternehmen wiederverwendet werden.

FRAGE: Was sagen Sie in solch einem Fall dem Geschäftsführer? Der will wahrscheinlich auch ein paar Zahlen hören.

JAHNS: Wir haben ja bislang mehr als 270 PIUS-Checks durchgeführt, in Kleinbetrieben mit zehn Mitarbeitern, bis hin zu Großbetrieben mit 1000 Mitarbeitern. Unsere Erfahrungen sind, dass sich in 80 Prozent der Fälle die Betriebskosten um zwei bis acht Prozent senken lassen, in Einzelfällen sogar noch mehr. Das macht hellhörig.

Eine Frage des Vertrauens

FRAGE: Was sagen die Geschäftsführer Ihnen dann?

JAHNS: Erstmal glauben sie dem Ganzen nicht. Sie sind auch ein bisschen zögerlich, weil sie sagen: Es ist eine öffentliche Agentur, kein öffentlicher Berater. Da rücken sie nicht sofort mit ihren Problem heraus. Man muss ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das ist das A und O.

FRAGE: Wie lange dauert das?

JAHNS: Es kommt auf die ersten Minuten des Gesprächs an. Das muss sich dann verstetigen. Wir führen im Rahmen des Projektes zwei, drei Gespräche mit dem Unternehmen. Die Zusammenarbeit mit der Effizienz-Agentur NRW erstreckt sich bei einigen Unternehmen über zwei Jahre, weil wir sie auch nach dem ersten Projekt in der Umsetzung und in weiteren Projekten unterstützen – coachen, wie man heute sagt.

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Ressourcenproduktivität wird Thema

FRAGE: Sie haben 270 Unternehmen unterstützt. Wenn Sie Ihre Erfahrung Revue passieren lassen – wie ist Ihre Botschaft in den vergangenen Jahren rüber gekommen?

JAHNS: Als wir 1998 gegründet wurden, da hat man uns allgemein erst mal zugehört, weil Umwelt noch ein Thema war, wenn auch ein auslaufendes. Im Jahr 2000 haben wir dann die Notwendigkeit gesehen, den PIUS-Check zu entwickeln, weil wir bemerkten, dass jeder Unternehmer an einer individuellen Lösung für sein Problem interessiert war; es half also nicht, Arbeitskreise zu gründen. Der PIUS-Check lief 2000 gut an, weil die Unternehmen Zeit hatten, und die Marktsituation entspannter als heute. Dann kam eine Phase der Umorientierung, weil die Unternehmen nicht genau wussten, was sie machen sollten. Sie waren mehr in Gesprächen mit den Banken wegen der Finanzierungsfragen - Stichwort Basel II - und mit der Akquise befasst, um den Betrieb profitabel zu halten und neue Märkte zu erschließen. In den Jahren 2002 und 2003 war die Umwelt sehr in den Hintergrund gerückt. Im laufenden Jahr stellen wir fest, dass das Themenfeld "Ressourcen" eine höhere Bedeutung bekommen hat, eine schnelle Wiedererkennung, dass der Unternehmer sagt: Da will ich auch mitmachen, da will ich was tun!

FRAGE: Wie erklären Sie sich die zunehmende Bedeutung des Themas Ressourcen?

JAHNS: Hinsichtlich der endlichen Rohstoffe und allgemein des Ressourcenverbrauches ist ein allgemeiner Bewusstseinswandel in der Gesellschaft erfolgt. War es früher nur ein Thema der Umweltexperten, so sprechen jetzt nicht nur die Zulieferer und Händler darüber, sondern auch die Kunden und Mitarbeiter sind stärker sensibilisiert. Das Stichwort war halt vor 2000 kaum bekannt.

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Die Effizienz-Agentur NRW - Finanzierung

FRAGE: Die Effizienz-Agentur NRW ist von der rot-grünen Landesregierung ins Leben gerufen worden. Wie unabhängig sind Sie?

JAHNS: Wir sind ähnlich einer Pulic Privat Partnership aufgebaut. Das Ministerium hat sich gesagt: Wir können nicht mit einer Fachabteilung des Umweltministeriums an Unternehmen herantreten, das muss privatwirtschaftlich organisiert sein. In der Folge hat das Ministerium einen Auftrag an ein Unternehmen vergeben, das für den Betrieb der Effizienz-Agentur NRW eine Untergesellschaft gegründet hat, deren Mitarbeiter wir sind. Diese GmbH hat auch die Räumlichkeiten angemietet und gewährleistet den Geschäftsbetrieb der Effizienz-Agentur NRW; fachlich und inhaltlich stimmen wir uns nur mit dem Umweltministerium ab: Welche Projekte wir angehen, welche neuen Tools wir entwickeln, und in welchen Bereichen wir aktiv werden. Wir sind mittlerweile 18 Mitarbeiter und haben neben dem Hauptbüro in Duisburg vier Regionalbüros, was für die Kommunikation mit den Unternehmen in Nordrhein-Westfalen unerlässlich ist.

FRAGE: Wie werden Sie finanziert?

JAHNS: Wir werden vom Umweltministerium voll finanziert. Damit die Unabhängigkeit der Effizienz-Agentur NRW gewährleistet ist. Wären wir profitorientiert, würden wir eher mit den leistungsfähigeren, vielleicht eher den größeren Unternehmen zusammenarbeiten, mit denen sich relativ schnell große Projekte umsetzen liessen. So aber haben wir auch die Zeit, mit den Unternehmen zu sprechen, die einen größeren Nachholbedarf haben oder  in der Umsetzung nicht so schnell sind, wo vielleicht auch die Potenziale nicht so groß sind. Aber wir können auch dort PIUS realisieren. Die Gesamtzahlen zeigen: Kleinvieh macht auch Mist. Es kommt darauf an, möglichst viele Leute zu erreichen. Zur Finanzierung des PIUS-Checks: Er umfasst neun Beratertage, das entspricht etwa 6 000 Euro, die Effizienz-Agentur NRW beteiligt sich als Mitauftraggeber und übernimmt 70 Prozent der Kosten, so dass der Unternehmer 1 500 bis 1 900 Euro zahlen muss; in größeren Unternehmen beteiligen wir uns nur mit 50 Prozent an dem Check. Für den Unternehmer sind die Kosten relativ klein, so sagt er schnell: Das mache ich mit. Andererseits ist er über die Kosten in den Prozess eingebunden. Die Wertigkeit des Produktes über einen Preis zu erhalten ist in der Geschäftswelt unerlässlich.

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Ausblick

FRAGE: In welchen Branchen sind Sie besonders aktiv?

JAHNS: In Nordrhein-Westfalen sind sehr viele Unternehmen in der Metallbranche tätig, in der Be- und Verarbeitung, in der Oberflächenveredelung sowie in der Lebensmittelindustrie. Im Lebensmittelbereich ist es das Thema Wasser, wo große Einsparungen erzielt werden können; Energie ist dort ebenfalls ein wichtiges Thema. Bei der Oberflächenveredelung geht es um die Reduzierung von chemischen Abfällen, aber auch um Wasser. Und bei den metallverarbeitenden Betrieben sind Rohstoffe das Thema, sowohl Metallrohstoffe wie auch Betriebs- und Hilfsmittel.

FRAGE: Wie sehen Ihre Hauptbetätigungsfelder der Zukunft aus?

JAHNS: Da wollen wir uns nicht nur auf den produktionsintegrierten Umweltschutz beschränken, wir wollen mit den Unternehmen darüber sprechen: Wie kann man mit anderen Methoden an diese Potenziale herankommen? Wir wollen nicht nur mit den Ingenieuren, sondern auch mit den Kaufleuten in den Unternehmen sprechen. Dafür entwickeln wir zur Zeit die Ressourcen-Kosten-Rechnung, die sich bisher in 15 Pilotprojekten bewährt hat. Hierzu wird im Unternehmen eine Kostenanalyse durchgeführt, um zu sehen, wo die höchsten Umweltkosten anfallen. Dann gehen wir mit dem Kaufmann direkt zum Ingenieur und sagen: Hier müssen wir eine modernere Technik einsetzen, die weniger Umweltkosten produziert! Denn es ist so: Wenn die Entsorgung von einem Kilo Abfall einen Euro kostet, stecken tatsächlich die sieben bis elf Eurodahinter: denn damit Abfall anfällt, muss Rohstoff eingekauft werden, er muss produziert und verarbeitet und gelagert werden. Mit jedem Kilo lassen sich also bis zu 12 Euro einsparen. Da hört der Kaufmann natürlich intensiv zu. Weitere, neue Projektansätze sind das Contracting in der Prozesswasseraufbereitung; denn wir wollen bei Unternehmen, die sehr viel mit Abwasser zu tun haben, den Unternehmer entlasten, damit er sich nicht mit der Prozesswasseraufbereitung beschäftigen muss, sondern einen Contractingpartner findet, der auf seinem Betriebsgelände die Abwasseraufbereitung betreibt und dem Unternehmer nur das behandelte Abwasser in Rechnung stellt. Im Betrieb wird der Wasserkreislauf geschlossen; gleichzeitig kann der Unternehmer sich auf sein Kerngeschäft, die Produktion konzentrieren.

FRAGE: Wie viele Unternehmen wollen Sie in Zukunft noch beraten?

JAHNS: Unsere Zielgruppe umfasst 15 000 produzierende kleine und mittelständische Unternehmen, in Nordrhein Westfalen, die Mitarbeiterzahl geht von 20 bis 500. Bisher sind wir etwa mit 1 000 Unternehmen in Kontakt getreten. Da sehen Sie, was wir noch vor uns haben. Dabei geht es nicht nur um den PIUS-Check, sondern auch um andere Tools im Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften.

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