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Interview Ulrich Sommer, Vorstand Loremo AG:
Wider den Mainstream

Grunddesign

FRAGE: Was war die Grundidee hinter dem Loremo?

SOMMER: Ein sparsames Auto zu bauen.

FRAGE: Warum funktioniert beim Loremo die Leichtbauweise – rund 600 Kilogramm –, während konventionelle Fahrzeuge das Zwei-, Drei- und Vierfache wiegen?

SOMMER: Weil wir das wollen. Es gibt in der Autoindustrie ein weiteres Beispiel, Ferdinand Piëch, er hat den Ein-Liter-VW gebaut. Eine Leistung, die man gar nicht genug würdigen kann. Der Mann hat sich in seinem Unternehmen einfach die Leute gesucht, die das Auto bauen konnten und vor allem, die das wirklich wollten. Und dann hat er es gemacht. Ganz einfach.

FRAGE: Was sind die entscheidenden Komponenten?

SOMMER: Es kommen natürlich auch Erfindungen hinzu. Wer mit diesem Willen an die Konzeption eines Autos herangeht – und ich war ja damals Student und hatte alle Freiheiten –, der überlegt noch mal von vorne: Wie lautet die Aufgabenstellung? Wie erledige ich das mit geringstem Gewicht? Mein Anliegen war nicht, nur mit Kohlefaser zu arbeiten, sondern die erste Frage war: Wo sind die größten Kräfte und wie muss folglich die Karosserie dimensioniert sein? Diese Kräfte resultieren aus einem Crash. Das ist eine horizontale Kraft, also mache ich einen horizontalen Träger. Und natürlich einen geraden, weil ein gebogener Träger es viel schwerer hat, gerade unter Druck. Und so haben wir diese Linearzellenstruktur entwickelt. Später, als ich einige Erfahrung in der Automobilindustrie gesammelt hatte, kam ich davon ab, eine Gitterstruktur bauen zu wollen – das wäre viel teurer geworden –, statt dessen habe ich auf Blech gesetzt. Jetzt haben wir diese Struktur aus Stahlblech mit gekannteten Profilen, die 100 Kilogramm wiegt, supersicher und -torsionssteif ist und alle Vorteile bietet, die der Loremo hat.

FRAGE: Vergleichen Sie den Loremo doch mal bitte mit anderen Leichtkonzepten!

Leichtbaukonzepte

SOMMER: Man kann Leichtkonzepte mit simpelster Technologie und ohne den Anspruch auf Sicherheit bauen. Diesen Weg sollte man auch gar nicht unterschätzen. Häufig werden diese Produkte aber nicht als richtiges Auto wahrgenommen. Dann gibt es die klassischen Autohersteller, die viel Geld in die Entwicklung eines Autos hineinstecken. Und wenn die einen Absatz von 1000 Stück ins Auge fassen, dann kommt es erst gar nicht zu diesem Entwicklungsprozess. Weil sie ihrer Marke verpflichtet sind und eine bestimmte Qualität liefern müssen. Auch, weil sie sich unglaublich schwer damit tun, Kunden damit zu konfrontieren, dass sie solch ein exotisches Auto überhaupt anbieten, das nicht alle Ansprüche abdeckt: seitliche Türen, große Fahrzeughöhe, hohe Geschwindigkeit. Wir verzichten auf nichts, wir denken auch nicht um. Das ist die Haltung. Und die hat ihren Preis. Entweder bekommt man es gebacken, dass man die Technologie, etwa Kohlefaser, irgendwann kostengünstig machen kann – ich sehe es noch nicht – oder der Kunde bezahlt mit viel Technik. Siehe Hybrid.

FRAGE: Ihr Weg ist demgegenüber?

SOMMER: Wir haben einen hohen Anspruch an Performance. Wir wollen komfortables und sicheres Reisen. Wir wollen Spaß und gutes Design. Wir wollen ein richtig schönes Auto. Aber wir haben uns die Freiheit genommen, unser Auto flach zu machen, wie einen Lamborghini, obwohl es nur 30 PS hat. Außerdem haben wir für den Einstieg nach oben öffnende Türen gewählt. Dadurch verlieren wir natürlich auch Kunden. Dafür verfügen wir aber heute über ein Fahrzeug, das in seiner Gesamtwirtschaftlichkeit unübertroffen ist. Wir haben die Karosserie, die hinsichtlich Performance, Transportleistung und Sicherheit erheblich weniger Antriebsenergie benötigt als irgendeine andere. Unter allen Leichtbaukarosserien haben wir die, die in der Herstellung mit Abstand am wirtschaftlichsten ist. Weil wir auf Stahlblech setzen, weil die Außenhaut aus Polyurethan ist und weil wir das ganze Auto extrem vereinfacht haben. Das ging nur, weil wir in der Anfangsphase die Freiheit hatten, Marketing-unabhängig zu denken.

FRAGE: Verglichen mit Ihren großen Konkurrenten, deren Namen alle bekannt sind, wie lautet Ihre Marktstrategie über die nächsten Jahre? Wie viel wollen Sie absetzen?

Marketing

SOMMER: Wir wollen 10 000 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen. Wir sind auch davon überzeugt, dass uns das gelingt. Die Resonanz ist groß. Im Wesentlichen haben wir zwei Zielgruppen: Die erste nennen wir in einer soziologischen Sicht Postmaterialisten. Das sind Menschen, die denken viel, sind engagiert, weltoffen, zugleich liegen sie in ihrem sozialen und finanziellen Status leicht über dem Schnitt. Letztlich interessieren sie sich dafür aber gar nicht so sehr. Ohne diese Menschen gäbe es keine Bioläden oder Passivhäuser, auch der 3-Liter-Lupo hat dort sicher seine Stammklientel. Das sind unsere treuesten Kunden. Die sind total begeistert und würden das Auto teilweise sogar zu einem höheren Preis kaufen.

FRAGE: Die zweite Gruppe?

SOMMER: Die nennen wir moderne Performer, jung dynamisch, aufstrebend, Fun-orientiert, sie lieben alles, was hip und modern ist und glänzt. Sie sind auch ökologisch bewusst, aber nur soweit, wie es in ihren Lebensentwurf hineinpasst. Sie fahren sportliche Autos und kaufen natürlich überwiegend den Loremo GT, die schnellere Variante. Diese Gruppe wird für uns wahrscheinlich den größten Umsatz generieren, sie ist aber nicht so treu.

FRAGE: Wie weit sind Sie in der Entwicklung?

SOMMER: Wir sind in der Prototypenphase. Deshalb bieten wir Aktien an, um die Entwicklung zu finanzieren. Dieses Jahr wollen wir den 'proof of concept' absolvieren, mit Prototypen in drei Antriebsvarianten: Diesel, Benzin und Elektro.

FRAGE: Wann kann man den Loremo kaufen?

SOMMER: Ab 2011, wenn wir die Zwischenschritte hin zur Serienentwicklung abgeschlossen haben.

Elektroantrieb

FRAGE: Sie haben den Elektroantrieb erwähnt. Wie beurteilen Sie die Technik?

SOMMER: Für die Elektromobilität sehe ich künftig eine erhebliche Bedeutung. Zu den klassischen Verbrennungsmotoren gibt es keine Alternative, die so weit entwickelt und wahrscheinlich in der Umsetzung ist wie die Elektromobilität.

FRAGE: Wie sieht es mit der Brennstoffzelle aus?

SOMMER: Da würde ich sagen, die Techniken, von denen wir heute sprechen, sind in ihrer Gesamtwirtschaftlichkeit, auch in mancher ökologischen Hinsicht, noch zu hinterfragen. Aber auch die Brennstoffzelle würde hervorragend in den Loremo passen. Vor allem wegen der geringen Leistung, die das Fahrzeug erfordert. Unter diesen Umständen würde sie viel wirtschaftlicher arbeiten. Aber beim Elektroauto sehen wir jetzt tatsächlich die nächsten Schritte. Auch wenn wir morgen nicht bereits Tausende von Elektroautos auf den Straßen haben werden, zukünftig kann ich mir das aber sehr wohl vorstellen. Deshalb fahren wir auch zweigleisig, um von vornherein eine gewisse Sicherheit im Absatz zu haben, um die Entwicklungskosten zurück zu holen und natürlich, um mit den Verbrennungsmotoren schon heute Energie und Ressourcen zu sparen. Wir erleben derzeit eine massive Steigerung von Windenergie und Solarstrom. Manchmal wissen wir gar nicht, wohin damit. Wenn wir heute Elektroautos pushen und den Absatz steigern, können wir sagen: In den Mengen, in denen das überhaupt möglich ist, können diese Autos komplett CO2-neutral fahren. Selbst wenn sie nominell noch Kohle- oder Kernkraftstrom verbrauchen. Aber wir sehen es ja bereits in Spanien, dass die Windkraftwerke abgeschaltet werden müssen, weil man das mit Kernkraftwerken so schnell nicht machen kann.

Akkumulator

FRAGE: Auf welchen Batterietyp setzen Sie beim Loremo?

SOMMER: Auf Lithium-Eisenphosphat. Auch hier wieder ein bisschen in die Zukunft gerichtet. Wir gehen davon aus, dass die Rohstoffe im Batteriesektor eine entscheidende Bedeutung erhalten werden. Lithium und Kobalt steigen im Preis bereits exponentiell. Die Lithium-Eisenphosphat-Batterie benötigt nicht nur erheblich weniger Lithium, sondern verzichtet auch auf Kobalt.

FRAGE: Kobalt ist derzeit der teuerste Rohstoff.

SOMMER: Richtig. Außerdem hat das Material einen erheblichen ökologischen Rucksack. Wirtschaftlich betrachtet sehen wir deshalb zukünftig mit unserer Lösung die größten Sicherheiten.

FRAGE: Können Sie die Batterie selber produzieren?

SOMMER: Wir wollen eigentlich gar nichts selber machen. Wir arbeiten in allen Fällen mit Partnern, kaufen die Batterien zu und suchen uns das jeweils Beste, was es gibt, auf dem Markt. Beim Loremo haben wir eben den Vorteil, dass wir mit einer sehr geringen Motorleistung arbeiten. Deshalb können wir auf Batterien zurückgreifen, die für andere Automobile viel zu leistungsschwach wären.

FRAGE: Nennen Sie bitte einige Zahlen!

SOMMER: Wir haben zehn Kilowattstunden für die Batterie eingeplant. Der Motor hat 20 Kilowatt. Auch kostengünstigere Batterien könnten derzeit die ganze Zeit Volllast fahren, ohne Thermomanagement.

FRAGE: Wie schwer ist die Batterie?

SOMMER: Sie wiegt etwas über 100 Kilogramm. Wir haben also auch nicht die leichteste gewählt. Damit kommen wir auf mehr als 120 Kilometer Reichweite.

FRAGE: Das Thema Sicherheit haben wir ja schon mal gestreift. Die Physik lehrt, wenn zwei Massen aufeinander prallen, zieht die leichtere den Kürzeren. Wenn ich mit einem SUV auf den Loremo treffe, sieht das vielleicht nicht so gut aus.

Sicherheit

SOMMER: Das ist die klassische Geschichte. Und das ist auch eines der wichtigsten Verkaufsargumente für SUV. Die Realität sieht aber etwas anders und relativ traurig aus. Wenn Sie solch ein Auto fahren, haben Sie die doppelte Wahrscheinlichkeit, jemand anderen umzubringen. Selber haben Sie maximal etwa zehn Prozent mehr Sicherheit zu überleben. Weil die SUV bei Kollisionen gegen feste Barrieren oder bei Überschlägen deutlich mehr Todesfälle nach sich ziehen und auch nicht mehr Sicherheit bieten. Je schwerer die Autos werden, desto weniger sicher wird der gesamte Verkehr und desto mehr Material muss ich einsetzen. Wir bei Loremo gehen den Weg, dass wir ein überlegenes Sicherheitskonzept anbieten. Wir haben vorne eine große Knautschzone. Das Auto ist bewusst nicht kurz konzipiert. Durch die Linearzellenstruktur verfügen wir über ein Sicherheitskonzept, bei dem der Innenraum in allen getesteten Unfallarten praktisch unverformt bleibt: beim Seitenaufprall, beim Offset-Crash, beim Frontalaufprall. Und wir haben noch Reserven. Das heißt, Sie können mit anderen Autos kollidieren und werden dieselbe Sicherheit wie bei guten Kleinwagen haben. Und wenn wir es schaffen, mit einem leichten Fahrzeug bereits die gleichen Sicherheiten wie mit einem aktuellen Kleinwagen anbieten zu können, dann heißt das: Der Verkehr wird insgesamt sicherer, wenn andere Fahrzeuge später ebenfalls leichter werden.

FRAGE: Wenn das alles so einfach ist: mit der Leichtbauweise und der geringen Antriebsenergie – warum gibt es solch ein Gefährt nicht schon längst?

Konsequenz

SOMMER: Dass Energieeffizienz tatsächlich eine Rolle spielt, ist relativ neu. Allerdings sprechen alle heute nur über die Antriebsenergie. Niemand spricht über eine effiziente Karosserieentwicklung. Ich sagte vorhin mit Bedacht: Der entscheidende Innovationsschritt ist, karosserieseitig diese Effizienz überhaupt zu wollen. Es gibt einfach ein paar Besonderheiten beim Loremo, die man kommunizieren muss, und die beim gängigen Autohersteller einfach nicht gewagt werden, beispielsweise die nach oben öffnenden Türen. Auch bei kleinen Unternehmen sehen Sie: Die sind enorm unter Druck, sich auf dem Markt rechtfertigen zu müssen. Es war ausschließlich die Konsequenz, diesen Weg gehen zu wollen und sich nicht beirren zu lassen, die uns dieses Fahrzeug beschert hat. Nur deshalb können wir auch später die Vorteile des Konzepts ernten.

FRAGE: Um es noch mal deutlich zu sagen: der Mainstream geht in eine andere Richtung.

SOMMER: Derzeit noch. Richtig. Aber noch einmal: Unser Fahrzeug ist ja sehr attraktiv geworden. Um dorthin zu gelangen, war es erforderlich, angstfrei diesen Weg zu gehen. Es hat enorm viele Diskussionen und Kämpfe gegeben, auch in einem jungen und dynamischen Team, um die Linie zu halten. Es gab viele Leute, die gesagt haben: Mensch, mach’ das Auto fünf Zentimeter breiter, es sieht so viel besser aus! Gib ihm etwas mehr Leistung! Mach’ es etwas höher! Seitliche Türen müssen sein! Wenn man nicht unglaubliche Kraft hinein gegeben hätte, diesen Weg der maximalen Effizienz zu gehen, hätten die Leute das Auto zerlegt und wir wären bei einem ganz normalen Kleinwagen gelandet. Damit hätten wir natürlich verloren, weil wir den Kleinwagen nicht besser bauen können als VW. Mit dem Drei-Liter-Lupo, der ja wieder kommen wird, baut VW wahrscheinlich den besten Drei-Liter-PKW, den es gibt. Das können wir nicht besser. Nur dadurch, dass wir so beharrlich waren, verfügen wir heute über ein Auto, das eine Superstraßenlage hat, beim Sport-Loremo eine Superbeschleunigung, ein Fahrzeug, das ein tolles Design hat. Nur dadurch haben wir ein attraktives Produkt, das heute den Nerv der Zeit trifft.

FRAGE: Was meinen Sie, wie geht es mit dem Automobilbau insgesamt weiter?

Zukunft

SOMMER: Ich habe natürlich die Philosophie: Loremo ist die Marke, die für ultraeffiziente PKW steht. Wir halten das für sehr zukunftsfähig und wirtschaftlich. Weil wir nicht nur die Effizienz der Treibstoffenergie betrachten, sondern auch die Gesamtwirtschaftlichkeit vorantreiben. Deshalb werden wir immer sehr gut aufgestellt sein. Was die allgemeine Entwicklung betrifft, lebe ich bereits seit Jahren im Bewusstsein, dass ich nicht verstehe, dass angesichts gesicherter Erkenntnisse über versiegende Ressourcen große Autos überhaupt noch entwickelt werden. Und es bleibt für mich die Frage: Endet das Ganze in einem gigantischen Crash? Wird man irgendwann mit Gewalt nachwachsende Rohstoffe auf Kosten Hungernder produzieren, um weiter SUV zu betreiben? Oder wird durch die Macht der Fakten, weil die Treibstoffe einfach nicht mehr da sein werden, eine andere Entwicklung erzwungen werden? Da wage ich keine Prognose, aber ich gehe davon aus, dass ultraeffiziente Fahrzeuge zunehmend ihre Berechtigung erhalten. Es wird nicht reichen, ausschließlich über den Antrieb zu gehen, also mit Hybrid oder Elektro alte Autos zu betreiben. So können Sie immer nur Leuchtturmprojekte starten. Wenn Sie in die wirtschaftliche Breite gehen wollen, werden effizientere Fahrzeuge wie der Drei-Liter-Lupo oder Loremo eine wachsende Bedeutung gewinnen.

Originaltöne

Leichtbau

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Batterie (1)

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