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"Die kommenden Tage": Sieht so die Ressourcenkrise aus?

Seit Anfang November läuft der Film "Die kommenden Tage" in den deutschen Kinos. Er bricht mit einem weit verbreiteten Mantra: Alles wird gut. Nein, wird es eben nicht, wenn wir einfach so weitermachen, vor allem im Umgang mit Ressourcen und Energie. "Die kommenden Tage" ist ein Science-Fiction-Film, in dem die Technik nur eine kleine, die gesellschaftliche und private Realität dagegen eine große Rolle spielt.

Acht Jahre sind ein überschaubarer Zeitraum. Acht Jahre, von 2012 bis 2020, braucht es, um Berlin im Film völlig umzukrempeln, wie im Zeitraffer. Plötzlich leben auf Straßen und Plätzen Menschen in Zeltstädten, bessere Restaurants sind durch Eisengitter gesichert, wie in Brasilien, und Supermarktregale sind leergefegt. Wer Geld hat und noch eine Tüte Milch ergattert, wird von bewaffneten Sicherheitsleuten mit seinem Einkauf nach Hause eskortiert. Was ist in so kurzer Zeit geschehen?

Im Jahr 2012 flammt ein neuer Golfkrieg auf, der Kampf um die letzten Ölvorräte hat begonnen. Die Europäische Union zerfällt, ein kapitalistischer Schutzwall, der die Alpen durchzieht, schützt Zentraleuropa vor anlaufenden Flüchtlingsströmen aus Afrika. Ein weiterer Ressourcenkrieg bricht in Asien aus. Das sind die Eckpunkte, die den Handlungsrahmen abstecken. Wie es zu den kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, wie die Spaltung Europas vonstatten ging, das erfährt der Zuschauer nicht.

Das Entscheidende im Film von Lars Kraume sind Gefühle. Gefühle, wie sie der gesellschaftliche Umbruch in einen privaten Kosmos hineinschreibt. Es ist die Geschichte einer wohlhabenden Familie in Berlin. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Schwestern. Laura (Bernadette Heerwagen) wünscht sich, aller widrigen Umstände zum Trotz, ein Kind. Zusammen mit ihrem Freund Hans (Daniel Brühl) sucht sie das Heil in der Natur. Cecilia (Johanna Wokalek) dagegen wird von ihrem Geliebten Konstantin (August Diehl) in ein RAF-ähnliches Kommando eingeführt. Die Terrorgruppe Schwarze Stürme hat sich kein geringeres Ziel gesetzt als die Zerstörung der Zivilisation – einer eiskalten Logik folgend: weil die Zivilisation den Globus zerstört.

Elektronisch gesteuerter Autoverkehr und Zeppeline am Himmel geben ein wenig futuristische Anmutung. Wichtiger aber ist das Menschlich-Allzumenschliche: Träume und Enttäuschungen, Sehnsüchte und deren Kollision mit der Realität, Geburt und Tod. Bei den zentralen Figuren, den Schwestern und ihren Männern, ist die Dramaturgie durchaus plausibel. Science fiction als Familiensaga. Das Ganze nur eine Spur leiser erzählt, hätte dem Film allerdings geholfen.

"Die kommenden Tage" zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir unsere Kreise ziehen, Tag für Tag. Eine schwindende Energie- und Rohstoffbasis entfesselt eine ungeahnte Dynamik: Bedrohung von außen, sei sie eingebildet oder real, Verteilungskämpfe, die mit Waffengewalt ausgetragen werden, moralische Empörung, die in Terrorismus umschlägt. Die Erschütterungen reichen hinein bis ins Innerste, und sei es der Wunsch nach einem Kind.

Für viele Menschen sind die kommenden Tage wie die vorigen Tage eben auch: Es geht einfach weiter so. Genau das aber ist äußerst zweifelhaft. "Die kommenden Tage" geben uns ein Gefühl dafür, dass es auch ganz anders werden könnte.

Titel: "Die kommenden Tage"
Kinostart: 4. November 2010
Regie: Lars Kraume
Darsteller: Daniel Brühl, August Diehl, Bernadette Heerwagen, Susanne Lothar, Jürgen Vogel, Johanna Wokalek, u.a.