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Wir sind keine Egoisten, sondern soziale Wesen
"Eine populäre Interpretation der menschlichen Natur geht dahin, dass wir durch und durch egoistische, individualistische, hedonistische, Konsumenten sind, immer auf der Suche nach neuem. Das ist eine durchaus angenehme Sicht, wenn man das wachstumsbasierte System aufrechterhalten will. Aber, wie mein Beispiel der Rezession zeigt, wie auch individuelle Erfahrungen eines jeden Einzelnen zeigen, dies ist keine richtige Beschreibung, wie wir wirklich sind.
Wir alle wissen, dass diese selbstbezogene Tendenz durch eine altruistische ausbalanciert wird. Die Soziologie lehrt uns, dass es eine evolutionäre Grundlage dieses Wechselverhältnisses gibt. Und egoistisches Verhalten ist nur unter bestimmten evolutionären Bedingungen möglich. Im Gegenteil, die altruistischen und sozialen Tendenzen sind grundlegend für den Erfolg der menschlichen Entwicklung. Wir sind eben nicht egoistische Individualisten, sondern überwiegend soziale Wesen. Und ähnlich sieht die Soziologie die Spannung in der menschlichen Psyche zwischen der hedonistischen, auf des Neue fixierten Persönlichkeit, wie sie auch in mir und in Ihnen existiert, aber diese Seite wird ausbalanciert durch eine erhaltende, eine bewahrende Perspektive, die auf eine langfristige Stabilität ausgerichtet ist. Und wenn Sie sich diese Wahrheit beispielsweise in religiösen Traditionen vergegenwärtigen, wie sie ganze Epochen überspannt oder wenn Sie sich Ihre persönlichen Erfahrungen vor Augen halten, sehen Sie vielleicht, worin dieser fundamentale Irrtum der Ökonomen wurzelt. Es resultiert in der Überbetonung eines kleinen Teils der menschlichen Psyche und in dem Glauben, dass dies die menschliche Natur sei. Aber das ist ein Irrtum. Die Soziologie sagt uns, dem ist nicht so. Die Weisheitslehren sagen uns: das stimmt nicht.
Damit wird unser Thema ein wenig klarer. Statt Institutionen zu schaffen, die auf die unterstellte egoistische Persönlichkeit abzielen und sie stärken, sollten wir einen ganz andere Möglichkeiten eröffnen. Nämlich Institutionen, die auf beide Seiten des Menschen, den Egoismus und den Altruismus, setzen, Institutionen, die unseren zeitlichen Horizont erweitern, die unsere Erwartungen an einen schnellen return on investment dämpfen, die eine langfristige, eine eingebettete Perspektive haben, die auf Gewinn setzen, der an die Kommunen geht, an Institutionen, in denen soziale und ökologische Gewinne gemessen und mit gleicher Aufmerksamkeit bedacht werden, ebenso wie finanzielle Gewinne.
Ist es möglich, solche Institutionen zu schaffen? Das Schöne ist, es gibt sie bereits. Es gibt bereits so etwas wie eine Cinderella-Ökonomie. Ein Zusammenwirken oft von kleinen und regionalen Aktivitäten, mit explizit sozialen Motiven, in einer Bandbreite verschiedener Formen und Strukturen, die wertvolle Dienstleistungen anbieten: in der Gesundheitsvorsorge, in der Erziehung, im sozialen Bereich, überall dort, wo Dinge gepflegt und erhalten werden, im Naturschutz, im Bereich der Entspannung und Erholung. All das sind Aktivitäten, die unsere sozialen Räume bewahren, und die uns sehr reale öffentliche Güter verschaffen, Orte, wo wir uns als Menschen entfalten und entwickeln können – aber in einer weniger materiellen Art und Weise. Existieren diese Institutionen bereits? Ja, durchaus, in embryonaler Form."



