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Wachstum und neue Wohlstandsmodelle

Den Schwerpunkt zum Thema Wachstum beschließen wir mit einem einordnenden Text.

Wachstum hat etwas mit Zunahme, Vergrößerung, Entwicklung, Vermehrung, Ausdehnung, Verbreitung zu tun. Es geht um ein Mehr, mehr als.

Auch in der Natur wächst beständig etwas: Lebewesen der Fauna und Flora, aber auch Kristalle, Gebirge und selbst des Universum wächst. In der Natur jedoch ist alles irgendwann ausgewachsen. Dann bildet es sich zurück. Auf Expansion folgt Kontraktion.

Die Mathematik unterscheidet zwischen linearem und exponentiellem Wachstum. Ein Wachstum heißt linear, wenn die Änderungsrate konstant ist. Für eine Stadt, die jedes Jahr um 100 Einwohner zunimmt, lässt sich die Entwicklung leicht berechnen. Aber wenn wir ein Kapital von 100 Euro haben, das mit 2 Prozent verzinst wird, sind es im kommenden Jahr bereits 102 Euro, die dann erneut um 2 Prozent wachsen. Die Änderungsrate nimmt also ebenfalls zu. Zinseszins ist exponentiell.

Dieses Muster liegt auch der Bevölkerungsentwicklung zu Grunde. Seit Christi Geburt sind 100 bis 150 Generationen vergangen. Die Menschheit insgesamt ist unvergleichlich älter. Wenn die ersten Hominiden vor etwa vier Millionen Jahren die Bühne betreten haben, dann sprechen wir über 200 000 Generationen. Diese vier Millionen Jahre hat die Menschheit gebraucht, um die erste Bevölkerungsmilliarde zu erreichen, etwa zu dem Zeitpunkt, als Goethe starb, im Jahr 1832. In der Folgezeit ging die Zunahme erst richtig los. Wachstum bedeutet Macht, Entfaltung, Reichtum. In der Bibel heißt es: Wachset und mehret euch.

Das Charakteristikum exponentieller Wachstumsprozesse ist, dass sie Größenordnungen überwinden. Der Mensch beginnt als winzige befruchtete Eizelle, die nur unter dem Mikroskop zu sehen ist. Bis er geboren wird, aufwächst und voll entwickelt ist, müssen Größenordnungsunterschiede von bis zu zehn Milliarden (1010) überwunden werden. Nur explosive Wachstumsprozesse sind dazu in der Lage. Ein exponentielles Wachstum in endlichen Biotopen hat aber prinzipiell Grenzen; und Systeme, die weiterleben wollen, müssen diese Grenzen beachten. Permanentes Wachstum, exponentielles schon gar nicht, ist für keine Art, egal ob Pflanzen, Tiere oder Menschen, auf der Erde möglich.

Wachstum im ökonomischen Sinne wird üblicherweise definiert als Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, also das jährliche Mehr an Waren und Dienstleistungen, wie sie auf dem Markt gehandelt werden. Diese „Brille“ jedoch blendet entscheidende Dinge aus. Wachstum geht mittlerweile häufig zu Lasten der natürlichen Lebensgrundlagen. Und das Ziel der Wirtschaft gerät aus dem Blick: die Lebensqualität.

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Was ist es, das da wächst?

Historiker werden die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts einmal als die Ära des Wachstums bezeichnen. Wer im Jahr 1950 geboren wurde, war Zeuge einer gewaltigen Zunahme der Bevölkerung: von 2,5 Milliarden Menschen auf heute rund sieben Milliarden. Gleichzeitig hat er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Steigerung der Weltwirtschaft um das Siebenfache erlebt. Nach den beiden Weltkriegen folgten drei Jahrzehnte, die Historiker das Goldene Zeitalter nennen. In Europa, Nordamerika und in Japan erfuhren breite Bevölkerungsschichten einen Wohlstand, der zu Zeiten ihrer Großeltern nur Millionären vorbehalten war, mit Telefon, eigener Waschmaschine und Auto. Wer 1950 geboren wurde, hat eine Steigerung des globalen Wasserverbrauchs um das Dreifache, des Kohlendioxidausstoßes um das Vierfache und der Anlandung von Fisch um das Fünffache erlebt. Demgegenüber hat die ökologische Kapazität der Erde, also die Basis für die Erzeugung dieses Wohlstands, sogar etwas abgenommen. Und würden alle Menschen auf dem Konsumniveau eines Europäers oder Amerikaners leben, bräuchten wir mittlerweile drei oder sogar fünf Planeten.

Wird jemand, der im Jahr 2000 geboren wurde, bis 2050 ein ähnliches Wachstum erleben? Zunächst wird die Weltbevölkerung weiter auf neun bis zehn Milliarden Menschen zunehmen. Ungefähr in der Mitte des 21. Jahrhunderts dürfte ihre Größe den Höhepunkt erreichen. Allein in China und Indien werden jeweils etwa 1,5 Milliarden Menschen leben. Zusammengenommen entspricht das der Anzahl der Weltbevölkerung von 1965.

Wächst auch die Wirtschaft weiter? Selbstverständlich führt eine steigende Anzahl der Menschen fast automatisch zu einem Wachstum der Wirtschaftsleistung (absolut, nicht pro Kopf). Außerdem hat die Aufholjagd bevölkerungsreicher Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien oder Indonesien, und damit das Wachstum der Wirtschaftsleistung pro Kopf, in diesen Ländern ja erst begonnen.

Der Lebensstil, wie er in den entwickelten Ländern entstanden ist, gilt als Vorbild. Schon lange
ist er nicht mehr alleine Europäern, Nordamerikanern oder Japanern vorbehalten, entstanden ist vielmehr eine globale Mittelklasse. Aber dieser Lebensstil ist nicht verallgemeinerbar, nicht für sieben Milliarden, und erst recht nicht für neun oder zehn.

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Grenzen des Wachstums?

Die aktuellen Schwierigkeiten, denen wir ausgesetzt sind, haben wesentlich etwas mit Grenzen zu tun. Am deutlichsten wird das vielleicht beim Klima. Ein Anstieg der mittleren Temperatur auf der Erde um etwa 2 Grad ist nicht mehr zu verhindern. Die Hoffnung ist, dass der Globus dies gerade noch verkraftet.

Will man aber tatsächlich bei der Marke 2 Grad plus die Bremse ziehen, müssten die von Menschen verursachten Treihausgasemissionen bis zum Jahr 2050 etwa auf ein Drittel reduziert werden. Die Berater der Bundesregierung (WBGU) leiten aus dem Zwei-Grad-Ziel eine Restmenge von zulässigen Emissionen ab. Danach darf die Menschheit bis zur Mitte des Jahrhunderts höchstens noch 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Sollte das gelingen, haben Wissenschaftler errechnet, liegt die Wahrscheinlichkeit, unter der Zwei-Grad-Grenze zu bleiben, trotzdem nur bei 66 Prozent.

Angesichts der ökonomischen Wachstumsprozesse und der vergleichsweise niedrigen Energieeffizienz in Ländern wie China, Indien oder Brasilien zeigen die Trends bis zur Mitte des Jahrhunderts aber in eine ganz anderer Richtung: statt 30 Prozent der heutigen Emissionen eine deutliche Steigerung in Richtung Verdoppelung. Sollte dies tatsächlich so eintreffen, die ultimative Klimakatastrophe wäre nicht mehr zu verhindern. Sie wäre auch nicht vergleichbar mit einer globalen Finanzkrise. Die ist in wenigen Jahren möglicherweise überwunden. Das globale Klimasystem zurück zu justieren erforderte zehntausende Jahre, oder noch mehr.
Bisher haben wir noch nicht vom Peak Oil, von den historisch einmaligen Verlusten an Biodiversität, dem Kollaps von Fischbeständen, der Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt und dem globalen Verlust an fruchtbarem Boden gesprochen. Keine Frage, es gibt sie, die Grenzen der Ökosysteme. Und die Herausforderungen, vor denen die Menschheit derzeit steht, sind enorm.

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Technischer Fortschritt

Grenzerfahrungen mit natürlichen Biotopen hat es für Menschen schon immer gegeben. Lange, sehr lange war die Natur für ihn gefährlich, übermächtig und wild. Erst in jüngster Zeit haben wir die Macht, die globalen Regelwerke der Natur entscheidend zu verändern, siehe Klima.

Der technische Fortschritt hat uns dabei ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Die Fähigkeit, Feuer zu machen, hat der Menschheit dereinst einen vielfach größeren Umweltraum mit den entsprechenden Nahrungsquellen erschlossen. Von der neolithischen Revolution vor etwa 10 000 Jahren bis zur so genannten Grünen Revolution unserer Tage ist der Ertrag landwirtschaftlicher Flächen dramatisch gestiegen. Die Tatsache, dass wir heute fast sieben Milliarden Menschen ernähren können, ist eine direkte Folge des technischen Fortschritts.

Bisher ist es der Menschheit immer wieder gelungen, die Grenzen, die ihr die Natur gesetzt hat, hinauszuschieben. Zweifel, ob dies auch in Zukunft gelingen könnte, gab es schon früh. Einer der ersten Vertreter der Wachstumsdebatte war der Brite Thomas Robert Malthus. Im späten 18. Jahrhundert vertrat er in seinem berühmte Essay on Population die These, dass das Bevölkerungswachstum tendenziell schneller zunimmt als die Verfügbarkeit an Ressourcen, um die zusätzlichen Menschen mit Nahrung, Kleidung und Wohnraum zu versorgen. Früher oder später würden die Ärmsten und Schwächsten leiden, die Expansion käme zu einem Ende, so Malthus.

Mittlerweile ist die Weltbevölkerung annähernd sechs Mal so groß wie zu Malthus’ Zeiten. Seine Extrapolationen beruhten auf falschen Annahmen. Was er nicht gesehen hat, waren die langfristigen Implikationen der technologischen Entwicklung, die um ihn herum bereits in vollem Gange waren. Die Verfügbarkeit gewaltiger Mengen fossiler Energie war die Voraussetzung für einen Wachstumsschub sonder gleichen, den wir industrielle Revolution nennen.

Die neu erfundene Dampfmaschine ermöglichte eine effiziente Förderung von Kohle, die wiederum den Brennstoff der Maschine und darüber hinaus einen Überschuss an nutzbarer Energie lieferte. Durch die üppige Energiebasis konnte Stahl nicht nur in seiner Qualität verbessert, sondern in bis dahin nicht vorstellbaren Mengen hergestellt werden. Mit neuem Stahl wurden neue Technologiezweige und Branchen wie die Textilindustrie zum Leben erweckt. Der gesteigerte Warenaustausch machte ein leistungsfähigeres Transportsystem notwendig. Dabei spielte bald die Eisenbahn eine wichtige Rolle, die mehr Ressourcen herbeischaffen konnte und den Handel belebte. Alles in allem ein überaus erfolgreiches, sich selbst speisendes und wachstumsintensives System. Das auch die Grenzen des Wachstums weiter hinausgetrieben hat.

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Der Bumerang-Effekt

Die Lösung des Malthus-Paradox lag im technischen Fortschritt. Aber Technik ist immer janusgesichtig. Dass wir heute sieben Milliarden Menschen ernähren können – wovon eine Milliarde hungert! – hat zur Folge, dass diese Menschen auch ernährt werden müssen. Hinzu kommen die gestiegenen Ansprüche der globalen Mittelklasse: ein Haus, ein Auto und Ferienreisen gehören dazu.

Der Gegenspieler des technischen Fortschritts ist der sogenannte Bumerangeffekt, wie er in vielen Formen in Erscheinung tritt. Die wohl erste Beschreibung des Phänomens stammt von dem britischen Ökonomen Stanley Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts: „Es ist eine vollständige Verwirrung der Ideen anzunehmen, dass der sparsame Gebrauch von Kraftstoffen zu einem geringeren Verbrauch führt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Regel ist vielmehr, dass neue Formen der Sparsamkeit eine Zunahme des Verbrauchs nach sich ziehen, und zwar in vielerlei Hinsicht.“ (*1) Die Dampfmaschine des James Watt war ungefähr 17-mal energieeffizienter als ihre Vorgängermodelle, aber sie führte zu einem gewaltigen Anstieg des Kohleverbrauchs.

Im Energiebereich ist dieses Jevons-Paradox über längere Zeiträume beobachtet worden. Danach hat die Energieeffizienz seit 1800 in industrialisierten Ländern etwa 1,3 Prozent pro Jahr zugelegt, bis in unsere Tage um mehr als den Faktor 10. Im selben Zeitraum aber betrug das Wirtschaftswachstum jährlich rund 3 Prozent, ein Anstieg um den Faktor 200.

Heute ist die Frage der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, genannt Dematerialisierung, geradezu existenziell. Sie ist ein zentraler Punkt in der Wachstumsdebatte. Dabei zeigt das große Bild einer globalen Ökonomie mit Wachstumsprozessen und gleichzeitigen Effizienzsteigerungen in dieselbe Richtung wie das Beispiel der Dampfmaschine vor 200 Jahren. Während die Produktionsprozesse immer effizienter werden (relative Entkoppelung), kommt die gewünschte Reduzierung der Energie- und Stoffströme (absolute Entkoppelung) nicht voran – im Gegenteil. Global gesehen sind die Kohlendioxidemissionen seit 1970 um 80 Prozent gestiegen. Und heutige Emissionen liegen rund 40 Prozent über denen von 1990, dem Referenzjahr des Kyotoprotokolls. Während die globale Wirtschaft weiter wächst, nehmen Energie- und Ressourcenverbrauch pro Wertschöpfungseinheit zwar tendenziell ab, aber die Zunahme der Wertschöpfungseinheiten insgesamt übersteigt die Effizienzfortschritte pro Wertschöpfungseinheit. Effizienzsteigerungen werden durch Verbrauchssteigerungen überkompensiert.

Technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum allein lösen nicht alle Probleme. Was sich heute vielleicht naiv anhört, war aber einmal die Lehrmeinung führender Ökonomen: Der Markt und die Technik werden die Dinge schon richten (schwache Nachhaltigkeit) (*2).  Demgegenüber steht eine Haltung, wie sie in dem Klassiker Die Grenzen des Wachstums von Dennis Meadows u.a. zum Tragen kommt. Danach gibt es einen unauflösbaren Konflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz (starke Nachhaltigkeit). Dazwischen existiert eine vermittelnde Position (ausgewogene Nachhaltigkeit), wonach eine „absolute Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch möglich ist, dass dies aber nicht durch Marktkräfte, sondern nur mittels einer strikten Umweltpolitik zu erreichen sei. Folglich müsse nicht auf Wachstum verzichtet, dieses aber qualitativ neu ausgerichtet bzw optimiert werden“. (*3)

(*1) Stanley Jevons: The Coal Question: An inquiry Concerning the Progress of the Nation, and the Probable Exhaustion of our Coal Mines. London 1865, zit nach: Vaclav Smil: Energy at the Crossroads. Global Perspectives and Uncertainties. Cambridge, London 2005, S. 332

(*2) Die Kategorisierung unterschiedlicher Typen von Nachhaltigkeit geht zurück auf: Steurer, Reinhard: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter 4/2010, S. 423ff

(*3) siehe (*2) S. 427

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Wo genau ist das Problem?

Historisch betrachtet war materielles Wachstum die Quelle für Wohlstand, Bildung und die kulturelle Entwicklung breiter Bevölkerungsschichten. Das gilt vor allem für die früh industrialisierten Länder. In den aufholenden Ländern wie China, Indien oder Brasilien ist das längst nicht mehr so. Dort geht das Wirtschaftswachstum massiv zu Lasten der Schwachen und der Natur. Vandana Shiva weist in ihrem Beitrag zurecht darauf hin.

Die Kehrseite permanenten Wirtschaftswachstums ist heute überdeutlich. Wenn lebensspendende Dienstleistungen der Natur – saubere Luft, Wasser und fruchtbare Böden – keinen Preis haben, werden sie auch nicht geschützt. Aus diesem Grund ist das Klimasystem bereits aus den Fugen. Die Fischgründe in den Ozeanen sind am Limit oder darüber hinaus. Zugleich leisten wir uns auch hierzulande die Ideologie, dass eine sinnstiftende Arbeit für alle ohne 2 bis 3 Prozent Wachstum nicht möglich sei. Oft heißt es auch, bei wachsendem Wohlstand gäbe es mehr zu verteilen. Aber heute gilt selbst das nicht mehr. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer. Und der Mittelstand verliert.

Zwar hat der technische Fortschritt die Grenzen des Wachstums immer wieder herausgeschoben. Während es in früheren Epochen aber nur zu begrenzten Schädigungen der Ökosysteme kam – man denke an den Kahlschlag rund ums Mittelmeers oder an die Ausrottung von Pelztieren und Walarten –, sind heute die Lebensgrundlagen in einem globalen Sinne bedroht.

Gleichzeitig ist in den früh industrialisierten Ländern ein tendenzieller Fall der Wachstumsraten bereits Realität. Wenn man den Blick ein wenig weitet, erweist sich auch der aktuelle Wirtschaftsboom in Deutschland als zeitlich begrenzter Aufholprozess nach der Finanz- und Wirtschaftskrise. Gegen sinkende Wachstumsraten ist auf Dauer kein (finanzpolitisches) Kraut gewachsen. Deshalb gilt es, bereits heute darüber nachzudenken, wie eine leistungsfähige und stabile Ökonomie bei schwachem Wachstum möglich ist: mit Jobs für alle und den entsprechenden Mitteln, um gesellschaftlichen Aufgaben nachzukommen.
Das ändert freilich nichts daran, dass wir uns global gesehen inmitten eines gigantischen Wachstumsschubs befinden. Die Menge an Gütern und Dienstleistungen wird in den kommenden Jahrzehnten rasant ansteigen. Eine Verdoppelung der globalen Wertschöpfung innerhalb von 20 oder 30 Jahren ist bereits vorprogrammiert. Ralf Fücks ist in diesem Punkt sehr präzise. Die Frage Wachstum oder Nicht-Wachstum stellt sich im globalen Sinne in keiner Weise. Gehen wir diesen Weg einfach weiter, ist der ökologische Kollaps unausweichlich.
Es ist deshalb nicht zu viel gesagt, wenn man konstatiert, dass die Menschheit sich in einer äußerst kritischen Phase ihrer Geschichte befindet. Das Wirtschaftswachstum verläuft ungebremst. Um die ökologischen Trägersysteme der Zivilisation zu erhalten, müssen aber gleichzeitig die Energie- und Stoffströme in globalem Maße zurückgefahren werden. Dies ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte – die so rasch wie möglich angegangen werden muss. Deshalb wird es selbstverständlich auch in Zukunft um technischen Fortschritt gehen, aber um einen Fortschritt, der durch Innovationen im Governmentbereich in die richtige Richtung gelenkt werden muss.

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Fazit

Meinhard Miegel spricht vom Wachstumsrausch, dem die Gesellschaft verfallen war und ist; und damit ist der Einzelne ebenso gemeint, wie es die Wirtschaftsstrukturen allgemein sind. Wachstumskritik ist heute allerdings kein Tabubruch mehr. So war es noch 1972, dem Erscheinungsjahr der Grenzen des Wachstums. Das Unvorstellbare befand sich plötzlich zwischen zwei Buchdeckeln – und viele haben es sogar gelesen. Geschehen ist seitdem freilich nicht viel.

Ein jährliches Wachstum von 3 Prozent bedeutet rechnerisch eine Verdoppelung der Güter und Dienstleistungen alle 23 Jahre, eine Vertausendfachung innerhalb von 234 Jahren. Da hilft auf Dauer auch die schönste Dematerialisierung nicht. Auf der Ebene der Zahlen ist deshalb leicht zu sehen, dass dieser Prozess einmal auslaufen wird und muss. Und doch ist es für den Einzelnen, für Unternehmen, für Städte und Kommunen, für Volkswirtschaften nicht einfach, aus dem Wachstumszug auszusteigen. Dafür hat er schon zu Lange Fahrt aufgenommen. Tim Jackson nennt es das Wachstumsdilemma: Wohl wissend, dass wir den Zug abbremsen müssen, aber nicht genau wissen wie.

Wichtiger als die Frage Wachstum ja oder nein sind deshalb andere: Wie sieht eine Ökonomie der Zukunft aus, die ökologische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen garantiert? Und wie könnten Wohlstandsmodelle jenseits materiellen Wachstums beschaffen sein? Das sind durchaus keine akademischen Fragen. Konzepte und Experimentiermöglichkeiten gibt es genug. Hier und heute kann man damit beginnen.

Siehe auch Interviews mit Uwe Schneidewind und Niko Paech

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