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Wirtschaftliche Strukturen sprechen gegen Entkopplung

"Eines meiner Beispiele zielt auf die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Wirtschaft decarbonisieren müssten, um eine gerechte Welt für neun Milliarden Menschen im Jahr zu schaffen – unter den Bedingungen, dass die aufholende Welt 2 Prozent jährliche Einkommenssteigerung schafft und wir gleichzeitig unsere Klimaziele erreichen. Die Zahlen, die sich aus diesem Ansatz ergeben, sind mehr als außergewöhnlich. Die Größenordnung ist etwa die, dass die Kohlenstoffintensität der wirtschaftlichen Aktivitäten um das 130-fache reduziert werden müsste, mindestens zehn Mal schneller als alles anderen Prozesse in der Geschichte der industriellen Entwicklung. Und jenseits dieser Periode müsste die Kohlenstoffintensität weiter verringert werden, weil es weiteres Wachstum gibt. Und gegen Ende des Jahrhunderts brauchen wir eine Ökonomie, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnimmt, statt sie damit zu belasten. Eine gewaltige, fast magische Form des Wunschdenkens hinsichtlich der technischen Möglichkeiten. Und trotzdem vertrete ich die Auffassung, dass dies durchaus möglich sein könnte. Technologisch könnte das gelingen.

Denkbar ist durchaus eine Kohlenstoff-reduzierende Technik, die wir in dieser Geschwindigkeit implementieren könnten. Aber meine Frage zielt weniger auf die technischen Möglichkeiten, sondern ob dies in unserer Gesellschaft überhaupt möglich ist: mit diesen Wirtschaftsinstitutionen, mit diesen ökonomischen Strukturen, mit dieser sozialen Logik, in die wir selber so tief verwoben sind. Nicht in einer abstrakten ökonomischen Betrachtung, sondern konkret. Dabei geht es um alle erdenklichen Implikationen für den gesellschaftlichen Status, die sich immer um materielle Dinge drehen, um Erlebnisse, Mobilität, Reisen, um unsere Sehnsüchte nach einem besseren Leben, für unsere Kinder, um unsere Absichten – die etwas mit Einkommen und der Verfügbarkeit von Gütern zu tun haben. Genau diese Dynamik macht Entkopplung so unrealistisch. Und dies ist ein System, in dem weder Regierung noch Wirtschaft, noch Individuen gänzlich frei sind.

Als Konsument will man durchaus der Tretmühle entkommen, aber es gibt unzählige Anreize, doch zu konsumieren. Zum Beispiel in der Rezession, wenn die Menschen dazu neigen, weniger zu konsumieren, und eher zu sparen, ist es die Rolle der Politik, die Menschen eher zum Kaufen anzuregen und sich entgegen ihrer Instinkte zu verhalten. Keynes nannte das einmal das Paradox der Wirtschaftlichkeit (paradox of thrift). Aus Sicht der konventionellen Wirtschaftswissenschaftler ist es die schlechteste Möglichkeit das Sparen, weil dadurch die wirtschaftliche Erholung gefährdet wird. An diesem Punkt können wir verstehen, dass das ökonomische System nicht auf die wirklichen Bedürfnisse der Menschen abzielt, vielmehr geht es darum, die Menschen zu Konsumenten zu erziehen, damit die Wirtschaft weiterläuft."

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Engl. O-Ton Tim Jackson

Wirtschaftliche Strukturen sprechen gegen Entkopplung

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