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Eine Vision auf dem Weg -
Die Ressourcenstrategie der EU nimmt Gestalt an

Tief versteckt im Internet, trotzdem leicht zu finden, wenn man weiß wo: Die Europäische Union entwickelt eine Ressourcenstrategie. Die Idee der Dematerialisierung, die Vision eines zukunftsfähigen stofflichen Austauschs zwischen Mensch und Natur wird in Gesetze, in konkrete Politik, in neue Produktions- und Konsummuster übersetzt – das ist der Anspruch.
Der Wille der EU-Kommission ist da, Wissenschaft, Administration und Politik arbeiten daran. Etwa 25 Jahre, rechnet die EU, wird es dauern, ihre Ressourcenstrategie zu entwickeln und implementieren. Signifikante Änderungen von Produktions- und Verbrauchsstrukturen brauchen Zeit, Gleiches gilt für die Art und Weise der Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen: z.B. Fischbestände, Süßwasser, landwirtschaftliche genutzte Flächen.

Verschiedene Mitgliederstaaten der EU haben sich an kleineren Ressourcenprojekten versucht, an vielen Orten der Welt arbeiten Wissenschaftler daran, die Daten und das nötige Wissen über die gewaltigen Stoffströme zu erarbeiten. Noch nie aber wurden Aktivitäten in einem so großen Rahmen, der Organisation wie der Dimension nach, entfaltet. Damit beschreitet die EU Neuland.

Ob es gelingt, diesen grundlegenden Ansatz tatsächlich in die Fischereipolitik, in die Verkehrspolitik, in die Klimapolitik der EU zu übersetzen – in einigen Jahren werden wir es wissen.

Der Stand der Dinge

Die Ressourcenstrategie der EU soll im Sommer 2005 vorliegen. Erhebliche Anstrengungen wurden bereits unternommen: wissenschaftliche Studien und Entwürfe; Ende Januar 2005 hat die Brüsseler Administration einen Rundruf in die beteiligten Länder abgeschlossen, Meinungen von Wissenschaftlern, NGOs und Regierungen wurden in der Konsultation eingeholt. Vielleicht das wichtigste Ergebnis: Es gibt keine ernsthaften Einwände. Die Idee eines nachhaltigen Stoffstrommanagements ist allgemein akzeptiert, eine breite wissenschaftliche und administrative Infrastruktur ist auf dem Reißbrett bereits deutlich zu erkennen, bis in Detailfragen hinein.

Bislang geht alles seinen wohlgeordneten Brüsseler Gang. Ausgangspunkt ist die Agenda von Lissabon vom März 2000. Deren Ziel ist es, die EU zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen, einem Wirtschaftsraum, der in der Lage ist, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und größerem sozialen Zusammenhalt zu erzielen“. Die EU peilt dafür ein jährliches Wachstum von 3 % an. Gleichzeitig fordert sie eine „Entflechtung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung“. Damit ist man sehr schnell beim Thema Ressourcen und Dematerialisierung.

Das Zauberwort heißt Wettbewerbsfähigkeit (competitiveness). In der  Environmental Policy Review  von 2004 heißt es, ein „wachsender Konsens“ herrsche in Sachen Eco-Innovation und Resource Efficiency. Sie sollen dazu beitragen, die Märkte der Zukunft zu eröffnen, das ist die Hoffnung.

Wissen erarbeiten, zusammenführen und kommunizieren

Eine Aluminium-Getränke-Dose in Großbritannien hat ihren Ursprung in Australien, von dort aus geht das Erz nach Skandinavien und wird zu Metall verhüttet, in Deutschland werden Bleche daraus gewalzt, schließlich wird die Dose in England gefüllt. Die meisten Dosen werden nicht recycelt. Wann entstehen dabei welche Belastungen des Ökosystems? Und wo? Bei der Gewinnung, der Verarbeitung, beim Verbrauch? Aus Aluminium kann man aber nicht Dosen herstellen, sondern auch Fensterrahmen oder Flugzeugchassis. Die haben eine deutlich längere Lebenszeit. Auch das muss man einrechnen.
In Europa sind einige Ressourcen bereits am Limit. Zum Beispiel Fisch aus der Nordsee oder Trinkwasser in südlichen Mitgliederstaaten. Dagegen wächst in europäischen Wäldern mehr Holz als geschlagen wird; der Bestand wächst. Es wachsen aber auch die Holzimporte aus Nicht-EU-Staaten, aus Regionen, die Raubbau an ihren Wäldern betreiben. Wie verfährt man mit diesen Grenzen der Natur? Wie mit den Folgen der Ressourcennutzung?? Auf EU-Ebene und weltweit. Fragen über Fragen.

„Die natürlichen Ressourcen bilden die Grundlage für die drei Pfeiler der nachhaltigen Entwicklung im wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bereich“, heißt es im ersten Entwurf für die Ressourenstrategie der EU.Damit die Pfeiler tragen, müssen die angesprochenen Fragen beantwortet werden. „Die Ressourcenstrategie muss gewährleisten, dass Entscheidungsträger problemlos Zugriff auf dieses Wissen haben und dass Wissenslücken geschlossen werden.“ Allerdings: Bislang existiert keine systematische Infrastruktur für dieses Wissen („no single entry point“). Verschiedene Ansätze – Abfallmanagement, Life-Cycle-Analysen, Stoffstrombetrachtungen – stehen unverbunden nebeneinander. Das Wissen über die Auswirkungen auf die Umwelt ist auf viele Akteure verteilt. Vieles liegt noch im Dunklen. 

Braucht Europa ein zentrales Institut, wo alle entscheidenden Informationen über Ressourcenströme zusammen laufen? Oder tun es ein paar weitere Abteilungen im statistische Büro der EU (Eurostat) ebenso gut? Oder, noch kostengünstiger, reicht ein Netzwerk, zusammengesetzt aus vorhandenen Organisationen, das nach Bedarf angesprochen werden? In der Konsultation zur Ressourcenstrategie haben sich die meisten Beteiligten für eine selbstständig und eigenverantwortlich arbeitende Institution ausgesprochen. Niederländische Wissenschaftler gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Ein globales Institut ist notwendig, schließlich sind alle alltäglichen Materialien und entscheidenden Produktionsketten global.“

Die EU ist sich dessen durchaus bewusst. In der Konsultation wird erwogen, ein Team zu etablieren, zusammengesetzt aus Wirtschaftsvertretern und NGOs, das sich schwerpunktmäßig um die Schnittstelle zwischen der EU und der globalisierten Welt befasst. Wieder sind es die Niederländer, die die Sache auf den Punkt bringen: „Ein ‚nachhaltiges Europa’, das sein Material und seine Ressourcen aus einer nicht nachhaltigen Welt bezieht, ist nicht möglich.“
Die britische Regierung schlägt in der Konsultation kritischere Töne an: „Es wäre hilfreich, wenn vorhandenes Wissen zuerst gesammelt und zugänglich gemacht würde.“ Und später noch mal deutlicher: „Die Strategie wird effektiver, wenn man zu Handlungen kommt und nicht nur berichtet.“

Politische Entscheidungen bewerten und durchsetzen

70 % des Energiebedarfs der EU werden über Importe gedeckt. „Preisentwicklungen aufgrund einer stärkeren globalen Ölnachfrage und ihres potenziellen Einflusses auf die Versorgungssicherheit müssen sorgfältig bewertet werden“, so der Entwurf der Ressourcenstrategie. Energie ist eine Schlüsselressource für die Wirtschaft. Nicht nur in der EU und in den entwickelten Ländern steigt der Energiebedarf weiter, der größte Schub kommt in Zukunft aus den Ländern des Südens. (siehe Millennium Project)Für die EU sind die Energiezuwächse geringer als das geplante Wirtschaftswachstum. Das heißt: Die heute bereits messbare Entkoppelung von Wertschöpfung und Materialverbrauch geht weiter und soll noch verbessert werden – ein zentrales Ziel der Ressourcenstrategie.Auch diese Vorgänge gilt es, genauer zu verstehen. Was passiert z.B., wenn man in der EU stärker auf erneuerbare Energie setzt? Welche Massenströme kommen dabei in Bewegung? Was geschieht, wenn man verstärkt auf Biomasse setzt? Welche Auswirkungen hätte das für landwirtschaftliche Flächen oder Waldbestände und in der Folge für die natürlichen Lebensräume? Wie wären die Reaktionen in den Märkten für Lebensmittel und für Holz?Bislang existiert ein schier unübersehbares Feld von politischen Konzepten und Zuständigkeiten, allein in der Umweltpolitik: Strategien für den Bodenschutz, für die städtische Umwelt, für die Meeresumwelt. Noch wichtiger für den Ressourcenverbrauch sind die Steuer-, die Verkehrs-, die Landwirtschafts- und Energiepolitik. „Es gibt jedoch gegenwärtig keinen Mechanismus, mit dessen Hilfe beurteilt werden kann, ob politische Entscheidungen in diesen verschiedenen Bereichen mit dem Gesamtziel der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Auswirkungen der Ressourcennutzung vereinbar sind. Die Ressourcenstrategie wird gewährleisten, dass diese Bewertungen stattfinden, dass das Bewusstsein für potenzielle Kompromisse wächst und Alternativen vorgeschlagen werden, wo immer diese möglich sind.“ Dabei stellt sich dann die Frage: Wie will man das überhaupt messen? Verschiedene Methoden und Indikatoren stehen bereit.Grundsätzlich sieht die Ressourcenstrategie drei mögliche Wege des Stoffstrommanagements:

> Effiziente und saubere Technologie einsetzen, also dematerialisieren.
> Verbrauchs- und Nutzungsmuster verändern, eine Suffizienzstrategie.
> Den Verbrauch bestimmter Ressourcen eingrenzen, um sie zu schützen und um die Auswirkungen ihrer Nutzung zu mindern.

Der Anspruch ist gewaltig. Einerseits ist in dem Unterfangen ein fundamentaler Steuerungsmechanismus für die gesamte Wirtschaft und (fast) alle Politikfelder angelegt, andererseits heißt es im Entwurf der Ressourcenstrategie diplomatisch, sie sei „nicht darauf ausgerichtet, spezifische Initiativen in Bereichen durchzuführen, die bereits durch etablierte Politiken abgedeckt sind“.
 Spannend wird es spätestens dann, wenn die Ressourcenstrategie aus den unschuldigen Sphären der Studien und Entwürfe in das wirkliche Leben tritt, wo es um Marktanteile und handfeste Interessen geht, wo es Gewinner und Verlierer gibt. Verteilungskämpfe sind absehbar, ein Vorgeschmack ist das Feilschen um die Fangquoten in der Fischerei.

Ressourcenextensive Technologie fördern

Umwelttechnologien sind sehr verschieden. Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) z.B. wird in zunehmendem Maße in alle möglichen Systeme und Prozesse integriert. Diese eingebetteten IKT-Systeme kontrollieren bereits heute Kraftwerke und Automotoren. Sie liefern die Steuerung, um Umweltverschmutzung zu reduzieren und natürliche Ressourcen zu schonen. Darüber hinaus ermöglichen sie völlig neue Technologien mit hervorragenden Auswirkungen auf die Umwelt:> Netzwerkartig ausgelegte Kontrollsysteme maximieren die Energieeffizienz ganzer Produktionslinien in der Industrie. Zugleich minimieren sie die Emissionen gefährlicher Substanzen.> Intelligente, sensorgesteuerte Netzwerke in Gebäuden können die benötigte Heizenergie auf ein absolutes Minimum herunterbringen. Neue technische Anwendungen werden so möglich, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind.“

Ein Auszug aus dem Environmental Technologies Action Plan for the European Union (ETAP). Ein zentrales Ziel der EU ist es, bis zum Jahre 2010 insgesamt 3 % des Bruttosozialprodukts für Forschung und Technologie auszugeben. Die Herausforderung besteht darin, umweltfreundliche Technologien bis zur Marktreife zu entwickeln. Viele dieser Technologien werden heute zu wenig genutzt; das hat viele Gründe, oft sind sie noch zu teuer.
Beispiel Photovoltaik. Der gegenwärtige Beitrag zu gesamten elektrischen Energie in der EU beträgt lediglich 0,024 %, die Installationskosten sind einfach noch zu hoch. Ein insgesamt zu geringes Forschungsbudget und unkoordinierte Forschungs- und Markteinführungsprogramme bremsen die Entwicklung – ganz anders in Japan. ETAP setzt eine systematische Förderung von Clean Technology dagegen.