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Interview Dr. Hinterberger, SERI: Sustainable Europe 2020

FRAGE: Die Arbeitsgruppe MOSUS hat verschiedene Sustainability-Szenarien für ein erweitertes Europa mit 25 Mitgliederstaaten entwickelt, ein niedriges und ein hohes. Sind dabei unterschiedliche politische Instrumente eingesetzt worden?

HINTERBERGER: Die Instrumente sind für beide Sustainability-Szenarien, das niedrige und das hohe, die gleichen – sie wurden nur unterschiedlich stark veranschlagt; z.B. wurden einmal niedrigere und einmal höhere Steuersätze auf den Ressourcenverbrauch angenommen. Wesentlich geht es um drei Aspekte: erstens Preisänderungen, also verschiedene Steuern auf Ressourcen, auf CO2 oder Transportkosten, zweitens bestimmte Technologien zu fördern; der dritte Aspekt ist Awareness Raising, also Bewusstsein zu schaffen, vor allem in den Unternehmen aber auch bei Konsumenten und Konsumentinnen, welche ungenutzten Potenziale es bei der Erhöhung der Ressourcenproduktivität gibt.

FRAGE: Der zeitliche Horizont der beiden Sustainability-Szenarien ist 2020. Wie sind die Ergebnisse, z. B. beim Wirtschaftswachstum?

HINTERBERGER: Das wirtschaftliche Wachstum kann in beiden Sustainability-Szenarien gesteigert werden, allerdings unterschiedlich stark. Das Bruttoinlandsprodukt würde im Jahr 2020 im High-Sustinability-Szenario etwa 4 % höher sein als im Basis-Szenario.

FRAGE: Gleichzeitig soll der Druck auf die Umwelt gesenkt werden – wie passt das zusammen?

HINTERBERGER: Dadurch, dass man versucht, direkt auf die Produktivität des Ressourceneinsatzes Einfluss zu nehmen. Das macht letztlich die Wirtschaft effizienter. Kosten werden gesenkt, dadurch wird zusätzliches Wirtschaftswachstum generiert. Was auf der anderen Seite einen Teil der Gewinne auf der Umweltseite wieder auffrisst.

FRAGE: Thema Beschäftigung. Es gibt wohl unterschiedliche Tendenzen in Ihren Rechnungen. Zu welchen Ergebnissen kommt man, wenn man die Summe daraus zieht?

HINTERBERGER: Wenn man einen Strich drunter zieht, kann man sagen, es werden Arbeitsplätze geschaffen, mehr Arbeitsplatze als in dem Business-as-usual-Szenario; die Arbeitslosigkeit nimmt also ab.

FRAGE: Kann man das quantifizieren?

HINTERBERGER: 2020 werden es etwa 3 Mill. weniger Arbeitslose sein als ohne eine solche Politik.

FRAGE: Wir sprechen wiederum von einem Zeitrahmen bis 2020 in der EU 25.

HINTERBERGER: Genau, von der neuen Union.

FRAGE: Zugespitzt: Energie- und Ressourcenproduktivität sind Hightech, die Produktivität steigt, dabei gehen Arbeitsplätze verloren. Wo sollen die neuen Jobs denn herkommen?

HINTERBERGER: Sektoren, die Primärressourcen produzieren, werden eher verlieren. High-Tech- und Dienstleistungs-Sektoren werden dagegen gewinnen.

FRAGE: Ein schwieriges Thema sind die Bumerangeffekte. D.h. die Ressourcenersparnis beim einzelnen Produkt wird durch das Wirtschaftswachstum überkompensiert.

HINTERBERGER: Jedenfalls ist es so, dass die Umweltindikatoren nach unten gehen, d.h. besser werden, nur nicht um so viel, wie die Ressourcenproduktivität steigt.

FRAGE: Das ist der Bumerang.

HINTERBERGER: Das ist er. In anderen Szenarien wäre auch ein Bumerang denkbar, in denen das Wachstum die positiven Effekte überkompensiert. Dann hat man gar nichts gewonnen. In unseren Rechnungen ist es >nur< so, dass die   Umweltindikatoren nicht im selben Maße sich bessern, wie die Ressourcenproduktivität steigt, weil eben ein Teil durchs Wachstum wieder kompensiert wird.

FRAGE: Der Bumerangeffekt ist ein Problem. Kann man damit überhaupt umgehen?

HINTERBERGER: Aus meiner Sicht gibt es prinzipiell nur zwei Möglichkeiten. Einmal bei der Ressourcengewinnung Quoten einzuführen und diese auch zu kontrollieren, damit, über ein bestimmtes Maß hinaus, nicht mehr Ressourcen extrahiert werden können. Im Kyoto-Protokoll versucht man, einen ähnlichen Weg bei den Emissionen zu beschreiten.

FRAGE: Die sogenannte Deckelung...

HINTERBERGER: Ja, die Deckelung. Im Anschluss muss man sehen, was die Wirtschaft damit macht.

FRAGE: Das ist ein politischer Prozess...

HINTERBERGER: ...der vor allem internationale Abkommen erfordert. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt.

FRAGE: Die zweite Möglichkeit, Bumerangeffekte zu vermeiden oder zu verringern – wie sieht die aus?

HINTERBERGER: Das ist die Frage, ob wir den erzielten Gewinn an Produktivität, an Bruttosozialprodukt nicht anders umsetzen können. Wir sind effizienter in der Produktion von Konsumgütern – aber wollen wir überhaupt mehr konsumieren? Jeder für sich könnte entscheiden, weniger zu arbeiten, um das selbe Konsumniveau zu halten und so einen Gewinn an Freizeit oder für andere Arten der Arbeit zu erzielen.

FRAGE: Sie haben EU-weit gerechnet, aber auch globale Daten verwendet. Wie bedeutsam ist die EU beim Ressourcenverbrauch im Weltmaßstab?

HINTERBERGER: Zwei Antworten. Die eine lautet: Die Effekte auf die gesamte Welt sind relativ klein. Weil es andere Staaten gibt, die enorme Zuwachsraten haben. Dagegen ist das, was wir einsparen, relativ gering. Das andere, was man sehen muss, ist, dass Europa Ressourcen nicht nur innerhalb der eigenen Grenzen extrahiert, sondern auch importiert. Gerade die werden in den kommenden Jahren noch dramatisch ansteigen. Genau die gilt es aber zu reduzieren, die so genannten ökologischen Rucksäcke, das liegt in unserer Verantwortung. Darüber hinaus sollten wir andere Länder dazu bewegen, einen ähnlichen Weg zu gehen.

Originaltöne

Umgang mit Bumerang-Effekten

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Europas Ressourcenverbrauch und die Welt

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Externe Links

MOSUS

SERI