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Interview Youichi Moriguchi:
Reduce, Reuse, Recycle - in dieser Reihenfolge!

Die Philosophie des 3R-Programms

FRAGE: Welche Philosophie steckt hinter den 3R, reduce, reuse, recycle?

MORIGUCHI: Wenn wir z.B. unser eigenes Glas mitbringen und gezapftes Wasser trinken, müssen wir keine Flaschen kaufen. Wenn wir statt dessen Getränkeflaschen wieder verwenden, muss man sie spülen, teilweise mit viel heißem Wasser. Schließlich, wenn wir die Flaschen recyceln und aus dem Glas Baumaterial herstellen, haben wir zwar eine andere Verwendung, aber Recycling kostet eine Menge Energie. All dies muss man konkret, Fall für Fall untersuchen. Da ist noch viel wissenschaftliche Arbeit nötig. Unsere Generallinie ist bislang die, dass die Reduzierung eines exzessiven Verbrauchs von Ressourcen für die Umwelt besser ist als die Wiederverwendung oder das Recycling. Unsere Philosophie lautet also: reduce, reuse, recycle – in dieser Reihenfolge!

3R ist Wirtschaftspolitik

FRAGE: Hat die Tatsache, dass man sich in Japan der Abhängigkeit von Ressourcenimporten bewusst geworden ist, zum 3R-Programm beigetragen?

MORIGUCHI: Offen gestanden verfügen wir gar nicht über eine klare Ressourcenpolitik. Japan selber hat nur sehr wenige eigene Ressourcen. Deswegen werden z.B. die allermeisten fossilen Energieträger und Metalle importiert. Aber das fällt eher in den Bereich der Wirtschaft-, nicht der Ressourcen- oder Umweltpolitik. Die hauptsächliche Motivation für das 3R-Programm resultiert aus Problemen mit festen Abfällen und der Knappheit von Deponien. Ein zweiter Grund sind die steigenden Kosten für Ressourcen in der Zukunft, hervorgerufen durch ebenfalls steigende Nachfrage von Schwellenländern. Die Perspektive der Ressourcen-Abhängigkeit ist eher die von Experten als die der Regierung.

FRAGE: Die Steigerung der Ressourcenproduktivität ist von WinWin-Effekten begleitet: Sie spart Energie, Ressourcen und zugleich Geld. Dadurch wiederum steigt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Kann man das 3R-Programm auch als eine Art Wirtschaftsprogramm sehen, indem es der japanischen Industrie hilft, die Märkte der Zukunft mit dematerialisierten Gütern und Services zu versorgen?

MORIGUCHI: Energie-sparende Technologie z.B. ist tatsächlich mit WinWin-Effekten verbunden: Energie und Kosten werden gesenkt. Bei den Recycling-Aktivitäten ist die Sache komplizierter, da gibt es durchaus Konflikte: zwischen den Ressourcen-Vorteilen und den Kosten. Die Kosten für Recycling sind in Japan z.T. sehr hoch, oft übersteigen sie die Ressourcenersparnis erheblich.

FRAGE: In diesem Fall besteht also keine WinWin-Situation.

MORIGUCHI: Nein. Ich glaube aber, auf längere Sicht wird sich die Situation verändern. Auch wenn heute das Recycling in bestimmten Fällen noch teurer ist, als auf Rohmaterialien zurück zu greifen. Was z.T. auch daran liegt, dass die Recycling-Technologie noch sehr am Anfang steht.

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Die Ziele der Initiative

FRAGE: Wie steht es mit den Zielen des 3R-Programms? Z.B. der Entkoppelung von wirtschaftlichen Aktivitäten und Materialverbrauch.

MORIGUCHI: Möglicherweise ist dieser Indikator zu einfach. Wir sollten auch die ökologischen Rucksäcke der verwendeten Materialien berücksichtigen. Japan importiert z.B. eine gewaltige Menge Rohstoffe, damit sind in den exportierenden Ländern auch erhebliche Umweltbelastungen verbunden.

FRAGE: Die ökologischen Rucksäcke sind bei diesem groben Indikator also nicht enthalten?

MORIGUCHI: So ist es. Aber nicht aus politischen Gründen, sondern, weil wir dafür keine ausreichenden Daten zur Verfügung haben. Deshalb müssen wir mit den Zahlen dieses Indikators – Bruttosozialprodukt geteilt durch Materialverbrauch – sehr vorsichtig umgehen. Das Basisjahr ist 2000, das Zieljahr 2010. In dieser Zeit wollen wir eine Verbesserung von 40 % erreichen.

FRAGE: Ist dies offizielle Politik in Japan?

MORIGUCHI: Das ist eine Kabinettsentscheidung. Das Gesetz schreibt vor, dass die Regierung einen entsprechenden Masterplan vorlegt. Würden wir diese Steigerung der Ressourcenproduktivität zehn weitere Jahre durchhalten, ergäbe sich daraus ein Faktor 2 bis zum Jahr 2020. Die offiziellen Pläne reichen derzeit aber nicht über 2010 hinaus.

FRAGE: Gibt es außer dieser Globalzahl von 40 % weitere, konkrete Ziele für einzelne Branchen, z.B. für die Computer- oder die Autoindustrie?

MORIGUCHI: Die Steigerung der Ressourcenproduktivität kann man auf unterschiedliche Art und Weise erreichen. Eine Möglichkeit ist natürlich die Verbesserung in einzelnen Branchen. Eine andere besteht darin, die Struktur der gesamten Industrie zu verändern, beispielsweise die Verlagerung von der Schwer- zur Softwareindustrie. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Produktions- sondern auch die Konsummuster zu verändern. Wir versuchen, unsere Strategie flexibel zu halten. Deshalb gibt es keine Bindung für die eine oder andere Methode. Negativ formuliert existiert auf diese Art und Weise aber auch keine Verantwortung.

FRAGE: Wie ist Ihre persönliche Haltung dazu?

MORIGUCHI: Sogar Material-intensive Branchen wie die Stahlindustrie haben mittlerweile sehr genaue Kenntnisse über ihre eigenen Stoffströme; das kann man den Umweltberichten der Firmen entnehmen. Die allgemeine Idee der Ressourcenproduktivität wird von diesen Firmen unterstützt. Ich glaube, alle Steakholder wollen in dieselbe Richtung: nämlich eine Ressourcen-effiziente Gesellschaft. Jeder kann auf seine Art und Weise dazu beitragen. Deshalb ist eine weitere Verpflichtung nicht notwendig.

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Lifestyle in Japan

FRAGE: Wie ist Ihre persönliche Sicht vom Lifestyle in Japan? Ist das Thema Recycling für junge Menschen interessant – oder stehen die eher auf Seiten des Konsums?

MORIGUCHI: Recycling ist zumindest nicht cool (lacht). Wir Japaner verfügen über vielfältige Werte und eine entsprechende Kultur. Wir haben auch viele und aktive NGOs. Es gibt bei uns aber auch eine schweigende Mehrheit, die sich dieser Fragen nicht so annimmt. Aus meiner Sicht existieren keine großen Unterschiede zwischen der älteren und der jüngeren Generation. Ich glaube, dass beide sehr wohl Umwelt-bewusst sind. Das Problem sind eher die Menschen mittleren Alters, die im Job stehen und hart für ökonomisches Wachstum arbeiten. Sie glauben, dass im materiellen Aufschwung auch ein Erfolg liegt. Die Jüngeren sind diesbezüglich eher skeptisch.

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