faktor-x.info wird seit Dezember 2011 nicht mehr gepflegt und steht nur noch als Archiv im Internet.

Aktuelle Informationen finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit - www.nachhaltigkeit.info

HomeSitemapDrucken

Interview Martin Jänicke:
Arbeit verteuert sich selber - Ressourcen tun das nicht

FRAGE: Die Produktivität der Arbeit ist in den vergangenen 150 Jahren geradezu explodiert. Auch die Ressourcen-Produktivität nimmt langsam aber stetig zu. Aber längst nicht in dem Maße. Das hat sicher etwas damit zu tun, dass die Haupt-Steuerlast noch immer abwürgt, was dringend gebraucht wird: Arbeit nämlich. Warum also macht man nicht das einzig Vernünftige: Ressourcen besteuern und Arbeit entlasten?

JÄNICKE: Eine Produktivitätssteigerung bei den Ressourcen wäre für die Entwicklung des gesamten Industriesytems, für den technischen Wandel und für Innovationen, insbesondere bei der Beschäftigung, sehr sinnvoll. Die Umsetzung allerdings ist schwierig.

Wir haben eine Tradition, dass der Faktor Arbeit sich selber teuer gemacht hat, seit mehr als 100 Jahren, institutionalisiert über die Gewerkschaften. In der Folge wurden immer mehr arbeitssparende Techniken entwickelt. Ressourcen dagegen können sich nicht selber teuer machen.

Das Vorbild zeigt aber überzeugend, dass man über lange Zeiträume erhebliche Einsparpotentiale realisieren kann. Das ginge auch bei Ressourcen: über stetig steigende Preise.

FRAGE: Wissenschaftlich können wir mittlerweile ziemlich genau beschreiben, welche Ressourcenströme durch Industriegesellschaften hindurchlaufen. Wenn man das also weiß, könnte man sie dann nicht auch steuern? 
 

Ressourcensteuern - die Grundstoffindustrie ist dagegen

JÄNICKE: Der Gedanke einer solchen Steuerung ist einfach und Nahe liegend. Vor allem am Anfang des Prozesses, beim Input. Wenn man die Dinge schon bei der Rohstoffgewinnung verteuert, dann könnte das in der gesamten Produktionskette zu Sparsamkeit führen. Und wir haben am Ende automatisch weniger Abfall und weniger Emissionen. Auf eine Tonne Auto kommen z.B. 25 Tonnen Material-Verbrauch.

FRAGE: Ich glaube, dass es noch bedeutend mehr ist, wenn man z.B. Wasser mit einrechnet.

JÄNICKE: Da gibt es verschiedene Rechnungen. Aber das 25-fache ist ja auch nicht ohne. In jedem Fall, teurere Eingangsstoffe würden auf jeder Produktionsebene zu effizienterer Verwendung führen.

Das Problem: Am Anfang der Kette stehen Branchen, die in der Entwicklung des Industrialismus eine strategische Rolle gespielt haben: der Bergbau, die Stahlindustrie, die Grundstoffindustrie, das Ruhrgebiet sozusagen. Diese Branchen haben für die weitere Entwicklung, auch der Dienstleistungen und Informationen, keine große Bedeutung mehr. Aber sie haben Macht: beim Staat und bei den Gewerkschaften – das ist der Hauptgrund, warum an dieser Stelle Umverteilungseffekte, sei es über Steuern oder höhere Abgaben, oft verhindert werden. 

TOP


Erste Versuche in Skandinavien

FRAGE: Es gibt ja erste Versuche mit Ressourcensteuern. Ich denke an die skandinavischen Ländern, wo es vor allem um Baustoffe geht, Sand und Kies. Wie sind die Erfahrungen?

JÄNICKE: Das hat sich als sinnvoll erwiesen. Schon allein indem man zeigt: Man kann Arbeit besteuern, man kann auch Produkte besteuern, etwa durch die Mehrwertsteuer, man kann aber auch Rohstoffe besteuern – und dabei wird der Faktor Arbeit eben nicht teurer. Gleichzeitig hat man positive Umwelteffekte. Dass in Dänemark und Skandinavien allgemein mehr Holz verbaut wird als im restlichen Europa, hat etwas damit zu tun. Sand, Kies und Zement stehen für riesige Stoffströme; das fällt auch bei Transporten und Abfällen ins Gewicht. Insgesamt ist die Ressourcensteuer aber eher zögerlich angegangen worden.

FRAGE: Ressourcensteuer in Europa – wie verläuft gegenwärtig die Diskussion?

TOP


Geringe Bedeutung in der Öffentlichkeit

JÄNICKE: Es ist ein Randthema. In den Medien geht es eher um die Ökosteuer oder das Dosenpfand, weil das Dinge sind, worunter der einzelne sich etwas vorstellen kann, und weil der Bürger davon direkt betroffen ist. Das andere wäre für einen langfristigen Wandel viel wichtiger, ist für die Medien aber kein Thema, auch weil es schwieriger ist.

Es würde ein Thema werden, wenn man sagt: Wir müssen in jedem Fall davon abkommen, den Faktor Arbeit steuerlich so hoch zu belasten. Da besteht ja eigentlich Konsens. Was zu der Frage führt: Wo nimmt man die Steuern denn her? Statt auf die Mehrwertsteuer zu schielen, sollte man also die Ressourcen ins Blickfeld nehmen. Das wird auch irgendwann geschehen. Aber ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile dauern.

FRAGE: Warum?

JÄNICKE: Es ist ein kompliziertes Thema und auch ein kompliziertes Problem. Dass man Rohstoffe in dieser Weise verwendet, das fällt ja niemandem so richtig auf. Vielleicht noch bei den Abfällen. Oder bei den Kiesgruben – die dann aber auch so schön versteckt werden, dass man gar nicht sieht, in welchem Maße die Erde aufgewühlt wird. Oder bei der Braunkohle – das kann man nur sehen, wenn man drüber fliegt. Das alles ist folglich auch politisch nicht wahrnehmbar. Deshalb ist es ein Thema der Wissenschaft. Sie muss sich darum bemühen, das Thema zu verdeutlichen. Es wird schon irgendwann gelingen.

TOP


Ressourcen - die einzige sinnvolle Steuerquelle, wenn man Arbeit entlasten will

FRAGE: Was macht Sie da so optimistisch?

JÄNICKE: Einfach weil Alternativen zur Besteuerung von Arbeit zwingend gefunden werden müssen. Das betrifft ja den gesamten Apparat der sozialen Sicherheit. Eine Lawine die bereits im Rollen ist, und die man nicht mehr verhindern kann: z.B. dass die Menschen älter werden. Deshalb muss eine neue Finanzierungsquelle gefunden werden, die nicht mehr die Arbeit sein kann. Dieser Mechanismus ist in allen Industrieländern erkannt. Die Frage ist jetzt nur noch: Was nehmen wir als Quelle? Die OECD, die Weltbank, die Europäische Kommission sympathisieren mit der Quelle Ressourcen.

FRAGE: Für Deutschland z.B. gilt: Bei Mineralien können wir auf heimische Lagerstätten zurück greifen, bei metallischen Rohstoffen und bei Energieträgern dagegen sind wir fast zu 100 Prozent von Importen abhängig. Was wiederum heißt, dass dies letztlich ein globales Thema ist.

JÄNICKE: Auch das ist relativ. Es gibt ja heimische Rohstoffe. Nicht nur Holz. Man kann aus erneuerbaren Rohstoffen alle möglichen Materialien gewinnen. Man kann aber auch weniger Material einsetzen! Die Frage ist doch, ob wir ein so hohes Niveau von Güterproduktion brauchen. Allein dass die Verpackung oft mehr wert ist als der Inhalt – diese Art von Rohstoff-Verschwendung muss ja überhaupt nicht sein. Das lässt sich erheblich reduzieren. Dienstleistungen, Intelligenz, Erlebniswerte usw. lassen sich dafür stärker ausbauen.

TOP


Langsame Lernprozesse

FRAGE: In welchen zeitlichen Dimensionen denken Sie?

JÄNICKE: So etwas dauert erfahrungsgemäß sehr lange, Lernprozesse, die manchmal über Generationen gehen. In diesem Fall kann man allerdings darauf setzen, dass z.B. in Johannisburg beschlossen wurde, dass es bis zum Jahre 2010 Rahmenprogramme für nachhaltige Produkte und Produktionsstrukturen geben soll. Die Produktionsebene heißt: eher von Anfang, beim Eintritt in die Ökonomie her steuern; die Produktebene dagegen: vom Ende her. Das ist ein gewaltiges Pensum und setzt voraus, dass man die betroffenen Industrien in einen Dialog einbindet, ein sogenanntes Transition Management. Also gemeinsam mit ihnen darüber diskutieren, wie ihre Langzeitperspektive aussieht. Ob sie sich z.B. vorstellen können, auch in 30 Jahren noch materielle Güter in diesem Umfang zu produzieren. Oder ob es nicht auch andere Wege gibt.

Die Erfolge, die wir in der Umweltpolitik – z.B. bei Luft und Wasser – erzielt haben, die hat vor 30 Jahren auch niemand für möglich gehalten. Deswegen denke ich, muss man nicht allzu pessimistisch sein.
 

TOP


Originaltöne

Arbeit macht sich selber teuer - Ressourcen können das nicht

Get Flash to see this player.

Nicht Arbeit, sondern Ressourcen besteuern

Get Flash to see this player.