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Interview Steve Halls: Dematerialisierung in Japan

FRAGE: Wie lange arbeiten Sie bereits in Japan?

HALLS: Seit 1999. Wir haben zwei Büros in Japan. Aber unser Schwer-punkt ist nicht Japan, sondern liegt auf Entwicklungsländern oder auf Volkswirtschaften, die sich im Übergang zur Industrialisierung befinden. Trotzdem arbeiten wir auch mit vielen Organisationen in Japan.

FRAGE: Welche Kontakte haben Sie zur japanischen Wirtschaft?

HALLS: Sony, Canon, Toyota, dann haben wir Kontakte zu Oximoron, das sind die “Guten Banker”, ein Finanzinstitut in Tokio, das Öko-Fonds managt.

FRAGE: Gibt es in Japan ein verstärktes Interesse an Dematerialisierung?

Ein traditionelles japanisches Konzept

HALLS: Die Japaner machen das schon sehr lange, aber nicht nach der Theorie oder dem Konzept der Dematerialisierung. Das Interesse galt den Vorläuferprodukten, deren Qualität und Funktion, um Kosten zu reduzieren. Japaner haben die Dematerialisierung nicht aus ökologischen, sondern ökonomischen Gründen betrieben.

FRAGE: Hat das mit der geologischen Situation Japans zu tun, weil es ein rohstoffarmes Land ist?

HALLS: Ja natürlich. Sie importieren so gut wie alle Ressourcen, jedes Handelsgut. Das einzige Gebiet, auf dem sie Selbstversorger sind, ist Reis. Deshalb nutzen Japaner jede Ressource so effizient wie möglich. Gerade weil es kostengünstig ist, hat es auch positive ökologische Auswirkungen.

FRAGE: Ein Beispiel?

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Sony: Life Cycle Assessment in Perfektion

HALLS: Sony betreibt Life Cycle Assessment für jedes einzelne Produkt, sehr konsequent. Und zwar in jeder Hinsicht. So dass die Firma das Material, das in die Produkte eingeht, reduzieren kann. Sie analysiert die Materialien hinsichtlich ihrer ökologischen Auswirkungen, sowohl auf der Seite der Gewinnung, wie auch für die Entsorgung. Und sie sucht nach Alternativen, sowohl für giftige und umweltschädliche Stoffe, wie auch für Stoffe, die mit hohem Energieaufwand erstellt werden. Das ist Sonys Kaizen-Betrachtungsweise.
Toyota ist nun auf dem selben Weg, insbesondere für ihre Hybrid-Autos, vor allem den Prius. Honda hat auch ein Hybrid-Auto entwickelt, die Firma ist aber noch nicht ganz so weit. Toshiba ist auf dem Weg, Matsushita von der Panasonic-Gruppe ebenfalls, Sanyo fängt an, sich zu bewegen, vor allem auf dem Gebiet der Weißen Ware, Kühlschränke etc.

FRAGE: Worin liegt die Schwierigkeit des Ansatzes?

HALLS: Es ist sehr zeitaufwendig, für jedes einzelne Werkstück die Rohmaterialien und die implementierte Energie zu bestimmen. Beispielsweise für Carbonfasern, die zu einem Armaturenbrett verarbeitet werden; da gehen die verschiedensten Kunststoffe ein. In einem durchschnittlichen Auto gibt es vielleicht 20 000 verschiedene Materialien. Es ist eine regelrechte Forschungsarbeit – sehr aufwendig! Sie betrifft auch die Zeit, wenn das Auto nicht mehr fährt. Was geschieht dann mit den Kunststoffen und Materialien? Was haben Sie für eine Lebensdauer? Könnten sie giftige Stoffe freisetzen? Sony ist bereits sehr weit. Und stimuliert andere japanische Unternehmen mit diesem energieeffizienten, abfallvermeidenden Ansatz der Dematerialisierung.

FRAGE: Betrifft das nur die großen japanischen Unternehmen oder auch die kleinen und mittleren?

HALLS: Sony verlangt Informationen für die einzelnen Komponenten und übt so auf die gesamte Zulieferkette einigen Druck aus. Das ist noch relativ neu, und es braucht Zeit, bis der Effekt durchgesickert ist. Viele der Komponenten werden mittlerweile in China hergestellt, da ist es natürlich nicht so einfach, an Informationen heran zu kommen. Die Produktivität dort wächst zwar rasant, aber vielfach wird noch ältere Technik verwendet mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt. In Deutschland wären in vielen Fällen Filter vorgeschrieben, nicht so in China.

FRAGE: Manchmal hört man von neuen Businessmodellen und Remarketing in Japan, dass gebrauchte Geräte wieder fit gemacht werden – was ist da dran?

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Remanufacturing schafft Arbeitsplätze - Dematerialisierung als Nebeneffekt

HALLS: Im Süden Japans, in der Stadt Kitakyushu gibt es eine Kooperation zwischen der Kommune und dem privaten Sektor. Ursprünglich gab es hier einmal Schwerindustrie, Kohle und Stahl – mit sämtlichen üblen Hinterlassenschaften, auch für die Umwelt. Dieser Bereich ist mittlerweile de-industrialisiert, die Schwerindustrie ist nach Korea abgewandert. Die Stadt hat einen radikalen Umstrukturierungsprozess eingeleitet. Sie kann die großen Unternehmen wie Sony nicht dazu bewegen, ihre Produktionsanlagen dort hin zu verlegen. Ihr Konzept ist deshalb das der Ökostadt. Kitakyushu ist eine Agglomeration von acht Städten, die zwar zusammen arbeiten, aber doch mit einer gewissen Arbeitsteilung. In einer der Städte steht ein Komplex von verschiedenen Fabriken, die sich auf Kühlschränke spezialisiert haben. Die erste Fabrik löst den Kompressor heraus, die zweite die Isolierung.

FRAGE: Sie meinen gebrauchte Kühlschränke...

HALLS: Ja natürlich, und sie arbeiten die verschiedenen Komponenten auf: säubern, reparieren, streichen sie. Am Ende steht ein voll funktionsfähiger Kühlschrank. In Japan würde niemand einen Second-Hand-Kühlschrank kaufen – die Geräte werden einfach exportiert. Nach China, Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha, wo man diese Güter gut gebrauchen kann, vor allem weil sie auch billiger sind als neue. So wird die Lebensdauer verlängert, die Umweltauswirkungen sinken. Vor allem aber, dabei entstehen Arbeitsplätze – in Japan! In Kitakyushu gab es genug ausgebildete Techniker und Ingenieure, die sind jetzt wieder in Arbeit. Außerdem sind eine ganze Reihe kleinerer Unternehmen entstanden, das ist ungewöhnlich für Japan.

FRAGE: Die Techniker und Ingenieure, von denen Sie sprechen, haben die etwas zu tun mit der Hersteller der Kühlschränke?

HALLS: In aller Regel nicht. Aber: Die Hersteller investieren nun in Kitakyushu. Wenn die neuen, kleineren Firmen profitabel arbeiten, stärkt das wiederum die Hersteller.

FRAGE: Dieses neue Businessmodell hatte also ursprünglich nichts mit Ökologie im Sinn...

HALLS: Nein, der entscheidende Impuls war ein ökonomischer. Kitakyushu hat nun gesehen, dass dieses Modell auch Arbeitsplätze in anderen de-industrialisierten Regionen schafft. Mit positiven Umweltauswirkungen. Und das ist politisch durchaus gewollt. Ökonomische und ökologische Restrukturierung gehen Hand in Hand. Dazu gehört übrigens auch, die vormals schwerindustriell genutzten Flächen zu dekontaminieren.

FRAGE: Gibt es eine politische Strategie in Japan, die die Dematerialisierung stärkt?

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Japans Dematerialisierungsstrategie

HALLS: Das japanische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet: Die recycling-orientierte Gesellschaft. Und das ist radikal. Recycling heißt hier übrigens nicht Downcycling, also die Dinge zu minderwertigen Produkten verarbeiten, sondern wiederaufarbeiten, wiederbenutzen und dann erst recyceln, über verschiedene Stufen. Das ist eine nationale Politik, nicht nur eine ökologische, sondern auch eine Industrie-Strategie.

FRAGE: Warum?

HALLS: Weil traditionelle japanische Märkte – Computer, Telefone, Weiße Ware – weg brechen. Der Profit sinkt. Der Wettbewerb nimmt zu, die Produktion siedelt in andere Teile Asiens über. Die Japaner suchen also nach neuen Möglichkeiten, und dazu gehören umwelttechnische Produkte. Sie wollen nachhaltige Produktion auf einem globalen Level. Sanyo produzierte traditionell eher Stereoanlagen und Fernseher; mittlerweile sind sie einer der weltweit führenden Produzenten von Kläranlagen. Sehr gute Technik! Das ist kaum bekannt. Auch, weil sie so schweigsam sind. Japaner investieren mit einer Langfriststrategie. Wenn sie in einen Markt hinein gehen, haben sie ihre Hausaufgaben gemacht: Marketing, Forschung, sie haben sich die Konkurrenzprodukte genau angesehen.

FRAGE: Welche Auswirkungen hat diese Strategie auf die japanische Wettbewerbsfähigkeit?

HALLS: Auf dem Gebiet der Ökotechnik wird sie sicherlich gestärkt. Die Japaner haben sich in den USA umgesehen, in Europa, sie haben ihre eigene Forschung betrieben, den Markt analysiert. Und wenn sie schließlich hinein gehen, dann um einen substanziellen Anteil des Marktes zu gewinnen. Das kennen wir aus der Vergangenheit, z.B. in der Autoindustrie. Nun ist es eben die Ökotechnik.

FRAGE: Wenn wir über Dematerialisierung, Remarketing oder Ökotechnik in Japan reden – ist das schon so etwas wie ein Mainstream oder doch eher ein Nischenmarkt?

HALLS: Bisher sind es erst einige wenige Prozent des Marktes. Aber es wird sicher ein Basis-Bereich der gesamten industriellen Produktion werden. Weniger für die Inlandsnachfrage, eher für den Export.

FRAGE: Wie wichtig ist dieser Teil?

HALLS: Sehr wichtig! Die Japaner sind eine alternde Gesellschaft. Die Zahl der Arbeitkräfte sinkt. Das Einkommen ebenfalls. Sie müssen nach neuen Geschäften Ausschau halten. Viele Produkte können einfach nicht mehr in Japan hergestellt werden, Elektronik oder Autos. Es geht darum, eine nachhaltige Wirtschaft über die nächsten 20 oder 50 Jahre zu schaffen.

FRAGE: Die japanische Wirtschaft befindet sich ja schon lange in einer tiefen Krise. Das hat doch sicherlich Auswirkungen auf das Green Business, indem Investitionen, auch in moderne, sauberer Technologie, zurück gestellt werden.

HALLS: Ja sicherlich. Schauen wir uns Mitsubishi an. Aus Sorge vor der finanziellen Instabilität haben sie nicht so viel in Umwelttechnik investiert, wie sie es getan hätten, wenn die japanische Wirtschaft um drei, vier oder fünf Prozent gewachsen wäre. Ich glaube, irgend wann aber wird wieder Stabilität einkehren. Der Boden ist erreicht, aber viel Bewegung ist auch noch nicht zu erkennen. Wenn es soweit ist, werden Sie sehen, dass die Banken in Tokio wieder Fonds auflegen werden.

FRAGE: Wir haben zu Beginn schon einmal ein wenig über die japanische Mentalität gesprochen. Können wir das noch mal vertiefen: Gibt es da einen Zusammenhang zur Dematerialisierung?

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Dematerialisierung und die japanische Mentalität

HALLS: Japaner sind schon immer sehr genügsam gewesen. Einmal, weil Japan eine Insel mit geringen Ressourcen ist, dann, weil die Bevölkerungsdichte relativ hoch ist. 125 Millionen etwa auf einem Drittel der Fläche von Deutschland; große Teile Japans sind gebirgig und nicht zugängig. Schließlich hat Japan sich über 200 Jahre in einer selbstgewählten Isolation befunden: Deshalb mussten sie so genügsam sein und alles wieder verwenden. Abwässer wurden als Dünger genutzt. Sie werfen nichts einfach weg. Das ist tief in die Kultur hinein geschrieben. Ich will es nicht frugal nennen, sondern effizient. Dabei gibt es durchaus paradoxe Situationen in ihrem Verhalten. Wenn ein Japaner z.B. in einen Supermarkt geht, um Sushi zu kaufen, dann ist es in Plastikfolie verpackt, wird noch einmal in eine Plastikdose gesteckt, dann in eine Plastiktüte und noch eine. Zu Hause wird das ganze Plastik getrennt und kommt in dafür vorgesehene Container.

Noch etwas: Japaner sind sehr loyal, sehr fügsam. Wenn nun die politischen Autoritäten, national oder lokal, ihnen etwas sagen, dann tun sie es. Unhinterfragt. Ganz in der Nähe meiner Wohnung ist eine Farbfabrik, die immer noch chemische Lösungsmittel verwendet und nicht auf Wasserbasis arbeitet. Diese Lösungsmittel werden abgesaugt und in die Luft gepustet – in unmittelbarer Nähe eines Kindergartens. Als ich nach dem Gefährdungspotential für die Kinder fragte, sage man mir: Wir können nichts machen, das der Ökonomie schadet. – Es gibt eben eine ganze Reihe von anachronistischen Situationen. Aber generell ist der Japaner ein zurückhaltendes, effizientes Individuum.

FRAGE: Entwerfen Sie doch bitte zum Schluss mal ein größeres Bild!

HALLS: Japan hat durchaus ökonomische Macht in Asien. Aber es gibt Bewegung. China ist auf dem Weg, der asiatische, wenn nicht der globale Produktionsstandort zu werden. In Hongkong gibt es eine Organisation mit Namen Asian Social Responsible Investment Assoziation, ASRIA, mit einem riesigen Vermögen. Wir wollen sie dazu bewegen mit ihren Fonds in Entwicklungsländer und Ökotechnologie zu investieren und diese Märkte zu stimulieren und Richtung Dematerialisierung zu arbeiten – ein absolut grundlegendes Konzept für den gesamten Sektor. Japan selber hat auch Öko-Fonds, noch eher zaghaft, aber es fängt an. Dieser gesamte Markt im asiatisch-pazifischen Raum hat einen jährlich Wert von etwa drei Billionen (3.000.000.000.000) Dollar.

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