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Interview Jacqueline Aloisi de Larderel

FRAGE: Was sind Ihre zentralen Aufgaben?

ALOISI DE LARDEREL: Wir versuchen, Bewusstsein zu schaffen: bei Entscheidungsträgern, bei Regierungen, lokalen Autoritäten und bei der Industrie. Und zwar in dem wir Informationen über saubere Technologie, Managementtools und Technologie anbieten, die breit eingesetzt werden können.

FRAGE: Welche?

Cleaner Production Center weltweit

ALOISI DE LARDEREL: Zum Beispiel erneuerbare Energie. Wir bauen ein Netzwerk von Energie-Centern auf lokaler Ebene, um den Kontext dafür zu schaffen. Und zwar nicht nur Technik, sondern auch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Etwa Cleaner Production Center auf nationaler Ebene, die so ähnlich wie das Umweltbundesamt funktionieren, wie eine Agentur. Man könnte auch sagen eine Institution, die der Wirtschaft hilft, neue Technik zu verwenden, bis hin zur Fabrik mit geringeren Emissionen. Manchmal gibt es einen technologischen Quantensprung, mit dem man in völlig neue Dimensionen gerät. In der Autoindustrie wurden vor Jahren noch Lacke mit gefährlichen Lösungsmitteln eingesetzt, heute basieren sie auf Wasser. In einigen Fabriken ist es sogar nur noch ein Pulver. Bei diesem Verfahren entsteht keinerlei Abfall; das Material, was nicht verwendet wird, wird vollständig recycelt.

FRAGE: Wo arbeiten Sie?

ALOISI DE LARDEREL: In der ganzen Welt. UNEP ist mit 500 Leuten zwar eine relativ kleine Behörde mit einem geringen Budget. Wir verstehen uns aber als Katalysator. In dem wir etwa Cleaner Production Center anstoßen.

FRAGE: Wer muss den ersten Schritt unternehmen? Die Industrie oder die Regierung?

ALOISI DE LARDEREL:Es geht um Partnerschaft. Regierungen müssen die richtigen Ziele, ökonomische Anreize, also den richtigen Rahmen setzen. Die Industrie dagegen muss Bilanzen vorlegen. Aber auch ohne strengere Gesetze lohnt es sich für die Industrie, Energie und Ressourcen zu sparen. In den entwickelten Ländern werden die Entsorgungskosten immer höher. Da kann man bereits heute eine Menge Geld sparen.

FRAGE: Welche Bedeutung hat dabei die Faktor 10-Vision von Friedrich Schmidt-Bleek?
 

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Faktor 4 bereits möglich, Faktor 10 eine wichtige Vision

ALOISI DE LARDEREL: Wir brauchen solche Zielvorstellungen! Wenn man alle bereits existierenden Effizienz-Technologien einsetzen würde, könnten wir bereits heute einen Faktor 3 oder 4 erreichen. Aber es gibt viele Widerstände.

FRAGE: Welche?

ALOISI DE LARDEREL: Zum Beispiel die Meinung: Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir auch weiter! Wenn ich in Unternehmen über Veränderungen im Produktionsprozess spreche, kommt häufig die Antwort: Das wäre aber ein Risiko, unsere Kunden sind darüber möglicherweise nicht erfreut. Das zweite Hindernis heißt: Big is beautiful. Für einen Politiker ist es interessanter, ein großes Kraftwerk einzuweihen als Netzwerke effizienter Energie aufzubauen – was den selben Spar-Effekt brächte. Das dritte Hindernis ist die Tatsache, dass die Preise nicht die ökologische Wahrheit sagen.

FRAGE: So richtig Bewegung ist in der Sache aber nicht auszumachen.

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Leise Signale - aber wir brauchen einen Sturm

ALOISI DE LARDEREL: Etwas Bewegung ist da schon! Z.B. von den Konsumenten. Die fragen immer mehr: Ist das Produkt, das ich benutze, auch wirklich sicher? Gleichzeitig wissen sie, dass Sicherheit etwas kostet, möglicherweise auch ein wenig mehr. Dann gibt es da noch die Angestellten. Sie fragen: Ist mein Arbeitsplatz sicher? Und auch: Darf ich auf mein Unternehmen stolz sein?

FRAGE: Ein bisschen Bewegung ist aber noch kein Sturm!

ALOISI DE LARDEREL: Ein Sturm wäre nicht schlecht! Die dritte Kraft, die ich nennen will, sind die Veränderungen auf dem Finanzmarkt. Es gibt immer mehr sozial und ökologisch verantwortliche Investments. Pensions-Fonds fragen: Wenn wir einen sicheren Return haben wollen – wo stecken wir am besten unser Geld rein? Und dann investieren sie in nachhaltige Fonds. Dies alles sind leise Signale, wie ich es nenne. Sie sind aber notwendig, damit daraus irgend wann ein Sturm wird.

Eine der zentralen Fragen ist Ausbildung. Nämlich die Integration von Umwelt-Aspekten in alle Bereiche. Wir bilden Umwelt-Experten aus. Was wir aber brauchen sind Chemiker mit ökologischem Grundwissen. Wir brauchen Architekten und Designer, um Häuser und alles mögliche zu gestalten – und zwar nach ökologischen Kriterien. Das gleiche in den Business Schools. All das geschieht leider nicht. Eine Schlüsselfrage, die wir angehen müssen.

FRAGE: Sie sind eine Führungskraft innerhalb der UNEP, einer weltweit agierenden Organisation. Wir haben globale Probleme, aber keine ausreichenden Instrumente auf dieser Ebene. Was ist zu tun?

ALOISI DE LARDEREL: Wir haben multilaterale Umweltabkommen. Ja, es wäre an der Zeit, so etwas wie eine internationale Eco Governance zu implementieren. Ja, das bräuchten wir.

Sie haben nach Hindernissen gefragt. Eines heißt: der Egoismus der Länder. Im Rahmen der Globalisierung des Handels, auch der Globalisierung von Kriminalität, der Globalisierung der Medien. Dennoch gibt es immer noch Regierungen, die isoliert handeln.

FRAGE: Ihre persönliche Einschätzung der globalen Umweltsitutation?
 

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Die Gier bremsen und schnell von eins bis fünf gehen

ALOISI DE LARDEREL: Ich liebe meine Arbeit. Vor mehr als 30 Jahren habe ich eine Business School absolviert, mit einer chemischen Grundausbildung. 1969 wollte mir eine Chemiefirma in Basel, damals Ciba, einen Job anbieten. Sie wollten mich überzeugen und stellten mich auf das Dach ihres Gebäudes, direkt am Rhein. Da sah ich eine blaue Verunreinigung. Ich fragte: Was ist das? Sie sagten: Das ist unser Abfluss. Und da vorne, dieser rote Zufluss, der kommt aus dem Schlachthaus Da habe ich gesagt: Ich kann nicht in einer Firma arbeiten, die es für ihre Aufgabe hält, Menschen zu heilen, auf der anderen Seite aber Menschen gefährdet durch ihre Emissionen. Insgesamt ist noch viel zu tun. Trotzdem habe ich in 30 Jahren schon viele positive Veränderungen gesehen. Das gegenwärtige Problem ist, die Gier zu bremsen und sehr schnell von eins nach fünf zu kommen.

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Originaltöne

Factor 10 nessecary, Factor 4 possible today!

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Resistance to Change

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