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Kann man Papier um den Faktor 10 dematerialisieren?

Die Antwort lautet: Ja, aber das erfordert einen fundamentalen Wechsel im System der Papierproduktion und des Papiergebrauchs – hin zur Performance-Gesellschaft. Beispielsweise die Morgenzeitung auf elektronischem Papier, eine Kunststofffolie, die beinah unbegrenzt wieder aufladbar ist.

Die Optimierung der Energie- und Ressourcenproduktivität in der herkömmlichen Papierkette ist nach einer fast 2 000 jährigen Geschichte des Papiers bereits sehr weit fortgeschritten. Durchaus im Sinne der Industrie, denn die Papierproduktion ist ausgesprochen ressourcenintensiv – und damit teuer.

Die weltweite Nachfrage nach Papierfasern wird auch in Zukunft drastisch steigen, vor allem in Südostasien. Die Wälder in Asien, Südamerika und Afrika verlieren bedrohlich an Substanz.

Die Ressource Holz muss effektiver genutzt werden. Alternativen sind gefragt. Besonders wertvolle Wälder müssen aus der Nutzung genommen werden. Plantagen zur Fasergewinnung sind ein vielversprechender Weg.

Dematerialisierung und Bumerang-Effekt

Die industrielle Produktion von Papier ist längst dematerialisiert. Um die Jahrhundertwende waren etwa 500 bis 1 000 Liter Wasser nötig, um ein Kilogramm Papier zu produzieren. Heute sind es nur noch sechs bis 12 Liter, die in deutschen Papierfabriken pro Kilo eingesetzt werden. Die betriebsinternen Wasserkreisläufe wurden geschlossen; das Wasser durchläuft heute bis zu zehn Mal den Produktionsprozess, natürlich sorgfältig gereinigt. Auch der Energieverbrauch pro Kilogramm Papier oder Karton ist dramatisch gesunken: um rund 67 Prozent seit dem Jahr 1955.

Gleichzeitig ist der Papierverbrauch rasant gestiegen. Im Potsdamer Abkommen 1945 legten die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges für Deutschland einen Pro-Kopf-Verbrauch von sieben Kilogramm pro Jahr fest. Heute sind es rund 200 Kilogramm.

Auch die Hoffnungen auf Ressourcenersparnis durch die Informationstechnologie haben getrogen. Mehr noch: Das „papierlose Büro“ hat dem Verbrauch noch mal einen kräftigen Push gegeben. Inkjet-, Kopier- und Laserpapiere – also anspruchsvolle Produkte – sind im modernen Büro unentbehrlich.

Bei keinem Produkt kann man die beiden typischen Entwicklungslinien so bilderbuchartig verfolgen, wie beim Papier: einerseits die „natürliche“ Dematerialisierung als Begleiterscheinung des technischen Fortschritts, andererseits der Bumerangeffekt, also die Kompensierung der Ersparnis beim Einzelprodukt durch gesteigerte Gesamtproduktion. Der Otto-Versand, ökologisch durchaus engagiert, ist weltweit die Nummer zwei beim Umsatz übers Internet. Der E-Commerce hat aber nicht dazu geführt, dass weniger Otto-Kataloge gedruckt würden. Die Elektronik kommt einfach oben drauf.

Wo liegen die Ressourcenprobleme der Zukunft?

Im Süden! Rund um den Äquator, vor allem aber in Asien und Südamerika gehen die (Regen-)Wälder dramatisch zurück – während der Wald in Skandinavien sogar wächst. Der Hunger nach Fasern ist gewaltig. Während ein US-Amerikaner jährlich 340 Kilogramm Papier verbraucht, sind es bei Chinesen im statistischen Durchschnitt 29 Kilogramm und Indern sogar nur vier. Auf den Weltpapierverbrauch entfallen derzeit 13 Prozent der Holzernte. Holzfasern für die Papierproduktion und Spanplatten, also die billigsten, die Ex- und Hop-Produkte, sind die am schnellsten wachsenden Marktsegmente. Ein zehnfach höherer Bedarf nach Papierfasern bis zum Jahr 2050 ist prognostiziert.

Rein rechnerisch wäre selbst diese gewaltige Menge mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz zu befriedigen. Aber das ist Theorie. Ein Umsiedelungsprogramm in Indonesien für acht Millionen Menschen innerhalb von 25 Jahren hat zum Verlust von rund 1,7 Millionen Hektar tropischen Waldes geführt. Nach Angaben des World Ressources Institute werden gerade in Südostasien unwiederbringliche Regenwälder direkt in hochwertige Büropapiere verwandelt („forestry mining“).

Es besteht kein Zweifel, dass der Rohstoff Holz besser genutzt werden muss. Das ist auch ganz im Sinne der großen, mittlerweile weltweit agierenden Papierproduzenten. Sie haben ein existentielles Interesse daran, ihre Rohstoffbasis sicher, d.h. nachhaltig zu gestalten. Konkret: Dass sie ihr Holz nur aus zertifizierten, ökologisch bewirtschafteten Wäldern beziehen. Alles andere würde ihre Reputation beschädigen.

Außerdem gilt es, in einem Flächenmanagement die schützenswerten Waldflächen vor der Nutzung durch den Menschen ganz auszuschließen. Es gibt ausreichend Flächen auf dem Planeten mit geringerer Qualität – sei es, weil sie schon zum Teil erodiert sind oder verlassen wurden – wo auf Plantagen schnell wachsende Pflanzen, teilweise ein- oder zweijährig, zur Faserproduktion genutzt werden könnten. Allerdings: nach strengen Kriterien!

Ist in der Papierproduktion eine weitere Dematerialisierung um den Faktor 10 möglich?

Eine Tonne Papier hat einen ökologischen Rucksack von 15 Tonnen biotischen und abiotischen Materialien. Hinzu kommen etwa 120 Tonnen Wasser!

Die Papierkette – vom Baum im Wald bis zur Morgenzeitung auf dem Tisch – ist bestens untersucht und hierzulande weitgehend optimiert: So viel ist da nicht mehr drin. Der Umweltökonom Willy Bierter schätzt, mit herkömmlicher Technik sei die Ressourceneffizienz in der Produktion noch mal um einen Faktor eins oder einskommafünf, zu steigern. Wir sind am Ende einer technischen Optimierung über fast 2 000 Jahre. Papermaking Process

Bereits die Chinesen, kurz nach der Zeitenwende, verfuhren nach folgendem Rezept: Man nehme pflanzliche Faserstoffe, in Wasser hoch verdünnt; bei der Entwässerung auf einem Sieb entsteht ein zusammenhängendes Faservlies. Im Mittelalter wurden Lumpen (Hadern) zerstückelt, in Wasser eingeweicht und zerstampft. Diese Masse gab man in Bütten, das Papier wurde dann mit feinen Sieben herausgefischt. 1799 erfand der Franzose Nicolas Louis Robert das mechanische Sieb. Moderne Zellstofffabriken kosten mittlerweile einen dreistelligen Millionenbetrag. Und Papiermaschinen sind so groß und teuer wie ein Jumbo Jet – auf Leistung und Effizienz getrimmt wie ein Formel 1-Rennwagen. Die Papieringenieure haben ganze Arbeit geleistet, das Optimum ist fast erreicht.

Die nächste technische Entwicklungsstufe wäre ein biotechnologisches Verfahren um Fasern zu gewinnen. Die wichtigstenEinsparpotentiale liegen nicht mehr in der Produktionstechnik, sondern in der Organisation, im Gebrauch und in der Herstellung der Fasern.
 

  • Gezielte Analyse und Neuorganisation von Arbeitsprozessen in Unternehmen und großen Organisationen z.B. um das beständige Ausdrucken zu vermeiden. Die Bank of America hat ihren Papierverbrauch in zwei Jahren um 25 Prozent gesenkt. In vielen Organisationen gilt der Papierverbrauch allerdings als zu vernachlässigen, weil zu billig.
  • Neuorganisation von Archiv-Systemen auf CD-Rom und Festplatten.
  • Weniger Verpackung pro Einheit Produktgewicht.
  • Leichteres Schreibpapier verwenden.
  • Vermehrte Papierholzgewinnung auf degradierten, nicht mehr genutzen und bewohnten Flächen. Plantagen statt wertvoller Wälder.

Das Papier der Zukunft

Ein weiterer Faktor 10 in der Energie- und Ressourcenproduktivität der Papierkette ist aber letztlich nur mit einem Durchbruch hin zu systemischen Lösungen im Sinne der Performance-Gesellschaft möglich. Nach dem Motto: Nutzen statt Besitzen – den Gebrauch von Papier auf das zurückführen, worauf es letztlich ankommt: die Dienstleistungen „Lesen“, „Informieren“, „Kommunizieren“.

Hier ist eine konkrete Utopie, deren technische Bausteine freilich schon zurecht liegen:

  • Mittels der Decopiertechnologie kann man hochwertige Papiere bis zu 10 000 Mal wieder verwenden. In großen Organisationen wandert der Inhalt von Papierkörben am Abend in den Keller. Dort wird die Druckertinte vollständig entfernt. Morgens steht das decopierte, also gereinigte Schreibpapier sauber gebündelt wieder zur Verfügung. Der Verkauf von Schreibpapier mutiert zu einer Dienstleistung: der Bereitstellung von Papier zum Schreiben und Lesen.

  • Die Papierproduktion wird dezentralisiert. Statt der riesigen und teuren Papiermaschinen, meist in der Nähe von Zellstofffabriken, entstehen kleine, leistungsfähige „Mini Mills“ – und zwar genau dort, wo der (gebrauchte Zellstoff) anfällt: mitten in der Stadt, neben den Büros, wo der „urban forest“ wächst. 

  • Elektronisches Papier. Eine Kunststofffolie, kabellos mit dem Internet verbunden. Genauso praktisch und handhabbar wie ein Stück Papier – aber millionenfach zu beschreiben. Immer wieder neu. Prototypen der Technik stehen bereit.

„Zukunftsfähige Systeminnovationen müssen von der Marktseite her konzipiert, entwickelt und realisiert werden“, sagt Willy Bierter. Neue Business-Modelle, neue Stoff- und Verantwortungskreisläufe, die es zu schließen gilt. Ein Programm, weniger für Jahre, sondern Jahrzehnte. Das ist freilich die Dimension, in der Faktor 10 gedacht werden muss.