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Statt Zweitwagen - Mobility

Mobility in der Schweiz ist das größte Car-Sharing-Unternehmen der Welt. Es verfügt über eine Flotte von 1 720 Autos und hat mehr als 53 000 Kunden; jeden Monat kommen zwischen 500 und 600 neue hinzu. Von einer Art Anti-Auto-Genossenschaft hat sich Mobility zu einem modernen Flottenmanager entwickelt. Mehr als 50 Prozent der Reservierungen laufen bereits über das Internet. Ansonsten hilft das Call-Center, 24 Stunden am Tag.

High-Tech, hervorragende Kommunikationsstrukturen und ein geschicktes Schnittstellen-management zu anderen Mobilitätsanbietern sichern den Erfolg. Mobility profitiert heute von den hausgemachten Problemen des Individualverkehrs: Parkplatznot und allgemeine Überfüllung. Jedes Mobility-Fahrzeug wird am Tag von drei bis vier Kunden genutzt. Das spart Ressourcen, Energie und Fläche.

Hightech hilft!

Wer sein Mobility-Fahrzeug aufschließt, braucht keinen Schlüssel mehr. Einfach die Mobility-Karte an die Windschutzscheibe halten – der Bordcomputer erkennt den Benutzer und öffnet die Tür. Er löst nun auch die Wegfahrsperre; Diebstahl ist kaum noch möglich. Im Handschuhfach befindet sich der Autoschlüssel. Der Kunde schiebt seine Karte in den Bordcomputer neben der Handbremse; am Ende des Monats erhält er eine detaillierte Rechnung für die abgefragte Leistung.

Der Bordcomputer ist eine teure Angelegenheit: zwischen 2 000 und 2 500 Franken kostet das Gerät; das Problem ist die geringe Stückzahl. Die Investition hat ein ordentliches Loch in die Bilanz 2000 geschlagen; seit dem schreibt Mobility wieder schwarze Zahlen.

Der Bordcomputer hält eine Reihe wichtiger Zusatzinformationen bereit. Beispielsweise gibt er den Ladezustand der Batterie an die Zentrale weiter. Die präzise Informatisierung des Flottenbetriebs hat einen durchaus erwünschten Nebeneffekt. Der Vandalismus hält sich bei Mobility in engen Grenzen. „Wir denken, es hat damit zu tun,“ sagt Thomas Lütolf in der Luzerner Zentrale, „dass die Kunden sich mit der Chipkarte identifizieren. Wenn der nächste den Wagen benutzt, weiß irgend jemand genau, wer der Vorgänger war.“

Wer mit wem?

Mobility verkauft Mobilität. In klar definierten Bereichen. Und in erster Linie für die kurze Dauer. Wenn ein Kunde in der Zentrale anruft und von Basel nach Genf fahren möchte, sagt der Telefonoperator: „In diesem Fall würde ich Ihnen einen Mietwagen empfehlen. Unseren Partner Hertz können Sie hier sofort buchen. Natürlich mit Rabatt.“

Mobility ist besonders stark im Raum Zürich. Für einen geringen Aufpreis auf das Jahresabonnement des Zürcher Verkehrsverbundes kann der Kunde auch Mobility-Autos benutzen.

Erfolgreich sind die Business-Car-Sharing-Modelle. Unter der Woche ist ein Fahrzeug ein Geschäftswagen, am Wochenende geht es in den Mobility-Betrieb. Das Interesse der Firmen: Ihre Angestellten kommen nicht mehr zu spät zur Arbeit, weil sie auf der Jagd nach einen Parkplatz waren; die Mobility-Stellplätze sind oft gleich um die Ecke.

Hinzu kommen maßgeschneiderte Kooperationen. Ein Ingenieur-Büro hat seine 20 Dienstfahrzeuge gegen 10 Smart getauscht, ausgerüstet wie Mobility-Fahrzeuge, samt Bordcomputer. Die Mitarbeiter können die Smart auf zwei Rechnungen fahren: geschäftlich und privat.

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Schwachstellen und Grenzen

Immer wieder mal verlangen Kunden One-Way-Angebote. Aber das ist im Mobility-Konzept nicht vorgesehen. Organisatorisch wäre es sogar denkbar, dass man gegen Aufpreis das Auto am Punkt A abholen und bei B wieder abstellen kann. Mobility, bisher Kooperationsparter von Bus und Bahn, würde dann aber zum Konkurrenten werden. Das passt nicht ins Business-Model; Mobility legt nämlich großen Wert aufs Schnittstellenmanagement zwischen verschiedenen Verkehrsträgern. Für Thomas Lütolf ist das Ganze deshalb „delikat“.

Schwierig ist auch die genaue Abrechnung, besser gesagt: die zu genaue. Sie setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen: erstens, einem jährlichen Beitrag, zweitens für die jeweilige Fahrt ein Stundenpreis von ungefähr drei Franken (je nach Modell), schließlich ein Kilometergeld, im Schnitt etwa 70 Rappen; Benzin ist inclusive. Stunden- und Kilometertarif summieren sich bei einer Fahrt von Luzern nach Zürich dann schnell auf 60 Franken. Wie im Taxi führt die einzelne Fahrt beim Kunden schnell zu dem Gefühl: Das ist aber teuer! Auch wenn Mobility-Fahren in der Jahresbilanz deutlich günstiger ist. Große Teile der Kosten des Privatwagens – Steuer, Versicherung, Reparatur – schlagen sich in der Wahrnehmung des Preises kaum nieder. Der Autobesitzer sieht meist nur die Benzinkosten. Eine betriebswirtschaftliche Milchmädchenrechnung! Aber sie funktioniert.

Die Kunden von Mobility sind in der Regel zwischen 30 und 45 Jahre alt, überdurchschnittlich gebildet und verfügen eher über ein gehobenes Einkommen. Für ältere Menschen ist die Flexibilität im Umgang mit verschiedenen Autos offensichtlich schwieriger; deshalb sind sie nicht so häufig Mobility-Kunden. Auch Familien mit kleinen Kindern gehören nicht zur Kerngruppe.

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Geschichte und Perspektive

Mobility ist seiner Herkunft nach eine Genossenschaft. Irgendwie hatten die Mitglieder was gegen Autos. Noch heute gibt es diese Form der Mitgliedschaft. Aber längst ist das Denken, ist das Business-Modell ein anderes. Mobility ist mittlerweile zum modernen Flottenmanager avanciert. Das eigene Auto wird nicht mehr diskutiert oder gar tabuisiert. Häufig ist es nun das Zweitauto, das durch Mobility ersetzt wird. Eine der neuen Kundengruppen sind übrigens sehr junge Leute. Nach dem Motto: Sei doch nicht blöd und wirf deine Fränkli für ein eigenes Auto raus! Nimm das Geld lieber für deinen Urlaub!

Das Kundenpotential in der Schweiz insgesamt schätzt Mobility auf knappein Zehntel der Bevölkerung. Mehr als 53 000 Kunden sind es bereits, 600 000 könnten es werden.

Verkehrsexperten (auch bei den Autobauern!) diskutieren schon lange, die Verwandlung der Mobilität in eine Dienstleistung. So, wie man heute seine Handy-Kosten abrechnet – von A nach B telefoniert, während der Zeitzone C –, nach dem selben Prinzip wird man in Zukunft möglicherweise auch seine Reisen bezahlen.

Perspektivisch wäre es durchaus denkbar, das Mobility-Konzept auf 30 Prozent aller Stadtautos zu übertragen. Mit privilegierten Parkräumen, Fahrspuren etc. Dann braucht man auch nicht mehr zu reservieren. Man nimmt sich einen Wagen, fährt, und stellt ihn einfach wieder ab.

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