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Die erste Wasserstoff-Gesellschaft der Welt

Island ist entschlossen, sich vom Erdöl unabhängig zu machen. In Kooperation mit DaimlerChrysler, Norsk Hydro und Shell will die Insel hoch im Norden zur ersten Wasserstoff-Gesellschaft der Welt werden. Die Natur hat das Land üppig mit Energie ausgestattet, vor allem mit Wasserkraft und Erdwärme. Die soll durch elektrochemische Spaltung von Wasser in den Energieträger Wasserstoff verwandelt werden – durch Elektrolyse. Um Busse, Autos und in wenigen Jahrzehnten die gesamte Fischereiflotte des Landes zu versorgen.

Ein großes Experiment: nicht nur technisch, sondern auch logistisch und sozial. Wie im Labor - allerdings unter schlechteren Wetterbedingungen - haben die Global Player die Möglichkeit, das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten zu testen; wichtig auch die soziale Akzeptanz.

Natürlich ist Island kein direktes Vorbild für die Industriestaaten – dagegen spricht schon die geologisch einmalige Situation der Insel. Trotzdem kann dieser Testlauf entscheidende Erfahrungen bringen.

Wasserstoff in Verbindung mit der Brennstoffzelle ist ein Schritt in die richtige Richtung – als Kernelement eines nicht-fossilen Energiesystems.

Die Dematerialisierung nimmt aber immer den gesamten Ressourcenverbrauch pro erzeugter Energie-Einheit in den Blick. Daraus ergeben sich für die Wasserstoff-Technologie eine Reihe Fragen. Auch darauf könnte das Island-Experiment in den nächsten Jahren Antworten geben.

Das Projekt

Wer jemals auf dem internationalen Flughafen bei Reykjavik gelandet oder auch nur zwischen gelandet ist, kennt die Verführungen der Blue Lagoon. Ein kostenloser Bus-Shuttle bringt die soeben noch eingepferchten Fluggäste in eine Oase des körperlichen Wohlseins und der Entspannung. Die Blue Lagoon ist so etwas wie ein Freibad in einer Mondlandschaft, vor dem Hintergrund einer Industrieanlage. Häufig bei Außentemperaturen um die Null Grad. Das Wasser aber ist heiß: 35 bis 40 Grad; dichter Nebel steigt daraus empor. Das mit Salzen und Mineralien angereicherte Wasser hat eine milchig-bläuliche Farbe. Daher der Name.

Die Blue Lagoon wird gespeist durch Erdwärme. Bereits heute werden 70 Prozent der Energieverbrauchs in Island aus natürlichen Quellen gewonnen. Das karge Land ist gesegnet mit Energie. Im Winter werden in der Hauptstadt Reykjavik sogar die Bürgersteige geheizt. Anstatt gekehrt!

Im Jahr 1998 gab es in Island ein großes gesellschaftliches Ereignis: der Besuch einer Delegation aus Deutschland, von Daimler-Benz. Das sprach sich schnell herum. Was auch nicht so schwer ist, die gesamte Bevölkerung von Island sind gerade mal 280 000 Menschen, eine mittlere Großstadt, im Meer. Da kennt jeder jeden. Alle redeten plötzlich über Wasserstoff.

Ein Jahr später dann wurde die Icelandic New Energy Ltd.gegründet. 51 Prozent des Unternehmens sind in isländischer Hand, 49 Prozent liegen bei privaten Investoren: DaimlerChrysler, Shell und Norsk Hydro. Das Ziel von New Energy ist: die erste Wasserstoff-Gesellschaft der Welt zu schaffen. Die isländische Regierung steht dahinter. Und die Bevölkerung auch.

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Der Zeitplan

Im Sommer 2003 sollen auf Island die ersten drei Brennstoffzellenbusse von DaimlerChrysler verkehren. Drei Busse, das klingt nicht viel. Immerhin sind das bereits vier Prozent der gesamten isländischen Busflotte.

Alles ist eben sehr überschaubar. Das macht das Experiment im ersten Stadium einfacher. Und wenn in den Folge-Jahren private Brennstoffzellen-Autos hinzu kommen, stellt sich ein Problem nicht: Man muss kein weit verzeigtes Tankstellennetz bauen. Die Autos fahren nur selten von der Insel.

Die erste Tankstelle kommt von Shell, sie ist aus Glas, die gesamte Technologie liegt offen. Von Anbeginn wird Wasserstoff, der mittels erneuerbarer Energie gewonnen wird, verwendet. Nämlich per Elektrolyse. Der Strom dazu stammt von Dampf-Turbinen, die mit geothermischer Energie oder von Wasserkraft getrieben werden.

Der Sechs-Stufenplan von New Energy nennt als Ziel für 2020: 40 Prozent der Autos und der Fischfangflotte sollen mit Wasserstoff betankt werden. 2035 sollen es 100 Prozent sein. Der Umbau ist abgeschlossen.

Bis dahin freilich sind eine ganze Reihe von Hürden zu nehmen. Auch viele grundlegende technische Fragen sind noch offen. Beispielsweise die der Speicherung von Wasserstoff. Gerade für Schiffe, die ja Wochen auf See sind, bleibt noch viel Arbeit.

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Wasserstoff und Dematerialisierung

  • Für die Lösung Wasserstoff/Brennstoffzelle spricht: Hier wird ein technisches Fenster eröffnet, womit der Übergang von einem fossilen zum solaren Energiesystem möglich wird. Wasserstoff ist ein universeller Energie-Träger, der sowohl aus fossilen, wie aus regenerativen Quellen gespeist werden kann. Und: die weltweiten Autobauer haben sich auf diese Technik verständigt. Viele Fragen sind noch offen. Aber wenn es geht, dann geht es so.

  • Aus Sicht der Dematerialisierung sind aber in Bezug auf die Technologie eine ganze Reihe Fragen offen. Teile von Brennstoffzellen werden bislang mit Platin beschichtet. Nicht nur, dass Platin einen riesigen Rucksack hat. Eine Automobilflotte mit Millionen Brennstoffzellenfahrzeugen würde an harte Grenzen der Ressourcen-Verfügbarkeit stoßen. Notwendig sind also Ersatzmaterialien.

  • Die Brennstoffzelle erzeugt keine giftigen Abgase, sondern nur Wasserdampf. Aber auch Wasserdampf ist ein Treibhausgas. Also: Was macht der Wasserdampf einer riesigen Automobilflotte mit der Umwelt? Studien der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik signalisieren erst mal Entwarnung. Aber gerade beim massenhaften Gebrauch einer Technologie muss der Vorsorge-Gedanke von Schmidt-Bleek ernst genommen werden.

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