faktor-x.info wird seit Dezember 2011 nicht mehr gepflegt und steht nur noch als Archiv im Internet.

Aktuelle Informationen finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit - www.nachhaltigkeit.info

Druckansicht schliessen

Was wird aus der Tiefseebohrung?

Quelle: United States Coast Guard

Die Ölkatastrophe im Golf vom Mexiko war eine Demonstration der Hilflosigkeit. Über ein Vierteljahr sah sich BP nicht in der Lage, das Bohrloch im Golf von Mexiko, das die Explorationsplattform Deepwater Horizon hinterlassen hatte, zu schließen. Damit ist die Förderung von Öl aus der Tiefsee aber nicht erledigt – im Gegenteil. Leicht zu förderndes Öl ist knapp. Heute liefert die Offshore-Förderung bereits ein Drittel des globalen Rohölangebots – teuer und risikoreich. Während das Ölfeld, das die Deepwater Horizon angebohrt hat, vergleichsweise klein ist, sind vor Brasilien ungleich größere Ölfelder in 7000 Meter Tiefe entdeckt worden. Angesichts von Peak Oil, dem Förderhöhepunkt von Öl, und weltweit steigender Nachfrage haben Tiefseebohrungen eine wachsende Bedeutung.

Nur eine Episode?

Das Leck am Meeresgrund in 1500 Meter Tiefe ist geschlossen. Der ehemalige BP-Chef Tony Hayward ist zurückgetreten. Noch treiben große Mengen des Öls, das monatelang aus dem Bohrloch der Ölbohrplattform Deepwater Horizon sprudelte, im Golf von Mexiko. Es wird Jahre dauern, bis die ökologischen Schäden der bisher größten Katastrophe der Offshore-Ölförderung beseitigt sein werden. Schon jetzt aber warnt die Öl-Lobby davor, Tiefseebohrungen vor der amerikanischen Küste durch restriktive Genehmigungen und Forderungen nach ökologischen Gutachten zu verteuern. Das Geschäft muss weitergehen.

Organisierte Ratlosigkeit

Es war eine Katastrophe wie in Zeitlupe. Als die Deepwater Horizon am 20. April 2010 in die Luft flog und elf Männer den Tod fanden, konnte man sich noch nicht vorstellen, dass sich über die folgenden Monate gewaltige Mengen Rohöl in den Golf von Mexiko ergießen würden. Zunächst war von 1000 Barrel Öl die Rede, die sich täglich ins Meer ergießen. Im Mai sprach die US-amerikanische Regierung von 19000 Barrel, im Juni gingen die Experten von 40000, später von 60000 Barrel aus. Seit Jahren bemüht sich der Betreiber der Ölbohrplattform um ein zukunftsorientiertes Image, BP steht nicht mehr für British Petroleum, sondern beyond petroleum. Was den Konzern allerdings nicht daran hindert, mit Tiefseebohrungen weiter hohes Risiko zu fahren.

Noch im März hatte US-Präsident Obama verkündet, neue Seegebiete vor der Küste der USA für die Offshore-Förderung freizugeben. Nach dem Unglück im Golf ruderte er zurück und setzte die Vergabe neuer Bohrlizenzen erstmal aus. Die letzte verbliebene Supermacht war selber nicht in der Lage, den Ölfluss zu stoppen. Dazu brauchte man das Know how der Ölindustrie.

„Seit annähernd 20 Jahren fördern die Ölgesellschaften der Welt Öl aus tiefen Gewässern“, sagt Kjell Aleklett, Präsident der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO). „Während dieser Zeit ist die Produktion an Land zurückgegangen. Als Kompensation waren die Gesellschaften gezwungen, Technologie für Tiefseebohrungen zu entwickeln. Nur dass die Entwicklung der Fördertechnik deutlich schneller vorangegangen ist als die damit verbundenen Sicherheitsanforderungen.“ Für den Havariefall war offensichtlich niemand gerüstet.

Risiken turmhoch

In 1500 Meter Wassertiefe hatte die Deepwater Horizon ihren Meißel angesetzt. Der musste zunächst eine mächtige Schlammschicht passieren und anschließend durch hartes Salz bohren. In einer Tiefe von 4000 Meter unter dem Meeresboden stieß er auf heißes Öl unter hohem Druck. Selber konnte die Deepwater Horizon das Öl nicht fördern, sie war eine Explorationsplattform. Das Bohrloch musste also zunächst verschlossen werden, damit das Öl zu einem späteren Zeitpunkt von einer anderen Plattform gefördert werden konnte.

In großen Wassertiefen zu bohren birgt gewaltige technische Schwierigkeiten. Die Gesteinsschichten, in denen die Bohrungen vorangetrieben werden, stehen unter hohem Druck. Auf jedem Quadratzentimeter lastet ein Druck, der dem Gewicht eines Mittelklassewagens entspricht. Flüssigkeiten in Gesteinsporen – Öl, Gas oder Wasser – machen die Sedimente instabil. Die Wandungen von Bohrlöchern können einstürzen. In diesem Umfeld ist es schwierig, Bohrlöcher verlässlich zu verrohren und zu zementieren.

Beim Zementieren des Bohrlochs der Deepwater Horizon in fünf Grad kaltem Wasser kam es auch zum Blowout, einem Öl- und Gasausbruch. Die Katastrophe nahm ihren Lauf.

Roboterwelt

Als Tiefseebohrungen gelten üblicherweise solche, die in einer Wassertiefe von mehr als 150 Meter abgeteuft werden. Unterhalb dieser Markierung können Taucher nicht mehr arbeiten. Dort beginnt die Welt der Tauchboote und ferngesteuerten Roboter. Technische Eingriffe sind besonders schwierig. Unterwasserfahrzeuge können zum Beispiel keine schweren Lasten transportieren. Gewichtige Teile wie Verschluss- oder Regulierventile müssen von der Wasseroberfläche abgelassen werden. Bei Wellengang werden die Versorgungsschiffe aber mehrere Meter hin und her bewegt. Für ein präzises Absenken der Lasten sind deshalb aufwändige Teleskop- und Kompensationssysteme notwendig.

Trotzdem, Erdölfelder in Wassertiefen über 1500 Meter zu erschließen, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr. Die Deepwater Horizon war ja nicht allein im Golf von Mexiko. In diesem Gebiet sind viele Hundert Explorations- und Produktionsbohrungen niedergegangen. Dort ist auch die Technologie zum Aufspüren von Öl und Gas wesentlich entwickelt worden.

Die Bohrungen werden von Schiffen aus vorgenommen. Die Produktion von Öl und Gas übernehmen anschließend die so genannten „Tension-Leg“-Plattformen. Sie sind schwimmfähig und werden über Trossen an großen Betongewichten auf dem Meeresgrund verankert. Die Kosten für solche Förderplattformen können leicht eine Milliarde US-Dollar übersteigen.

Teures Unterfangen

Aufgrund des gewaltigen Aufwandes verwundert es nicht, dass die Förderung von Öl aus Offshore-Quellen gewaltige Summen verschlingt. Die Internationale Energieagentur schätzt die Produktionskosten von Tiefseeöl auf 35 bis 65 US-Dollar je Barrel. Derzeit liegt der Ölpreis bei rund 80 US-Dollar. Als wahrscheinlich gilt, dass die Katastrophe der Deepwater Horizon die Anforderungen an die Sicherheitstechnik und damit die Gesamtkosten noch einmal erhöhen wird.

Die US-Regierung schätzt, dass unter dem Meeresgrund des Golfs von Mexiko gigantische Vorkommen lagern, rund 60 Milliarden Barrel. Genug, um Amerikas Ökonomie fast ein Jahrzehnt lang mit ihrem wichtigsten Treibstoff zu versorgen. Hinzu kommen neue Fördergebiete nördlich von Alaska und im östlichen Golf von Mexiko. Wollen die USA nicht zur Gänze von Ölimporten abhängig sein, mit allen politischen und militärischen Implikationen, sind sie auf diese Felder angewiesen.

Offshore-Öl alternativlos

In diesem großen Spiel war die Deepwater Horizon nur ein kleiner Baustein. Das Ölfeld, das die erschlossen hatte, und das nun (vorläufig) wieder versiegelt worden ist, ist vergleichsweise winzig – es enthält etwas mehr Öl, als an einem einzigen Tag weltweit verbraucht wird, 85 Millionen Barrel.

Schaut man sich die Größenordnungen der Offshore-Förderung insgesamt an, ist die Lage eine ganz andere. Mehr als ein Drittel des Rohöls stammt heute bereits aus dem Meer. Der Anteil des Tiefseeöls ist dagegen noch bescheiden, er liegt unter fünf Prozent, Tendenz steigend. In wenigen Wochen will BP zum Beispiel neue Tiefseebohrungen im Mittelmeer vor der Küste Libyens starten.

Der WWF fordert unterdessen ein weltweites Moratorium, also einen zeitlich begrenzten Stopp aller Tiefseebohrungen. Mehr als symbolischen Wert hat die Aktion jedoch nicht. Das Problem, sagt der WWF selber, sei, dass es gar keine globale Institution gibt, die man in diesem Zusammenhang anrufen könnte.

"Big Oil" ganz klein

BP und Co., den alten Ölkonzernen der westlichen Welt, fehlt inzwischen in weiten Teilen der Zugang zu den großen und billigen Ölfeldern. Sie befinden sich in der Hand von nationalen Ölgesellschaften: Saudi Aramco (Saudi-Arabien), NIOC (Iran), oder PDVSA (Venezuela). Zusammen kontrollieren sie mehr als drei Viertel der globalen Reserven.

„Big Oil“, wie die privaten Konzerne immer noch genannt werden, kontrollieren gerade noch zehn Prozent der globalen Gas- und Ölreserven. Ihnen bleiben überwiegend nur die aufwändigen, teuren und gefährlichen Projekte.

Tiefseebohrung hat Zukunft

Vor der Küste Brasiliens sind jüngst riesige Ölfelder gefunden worden. Dort beträgt die Wassertiefe 2000 Meter, vom Meeresgrund aus muss der Bohrer sich dann noch durch 5000 Meter Gestein arbeiten. Sobald die technischen Hürden überwunden sind, soll die Exploration beginnen. Lange Zeit hatte der staatliche Ölkonzern Petrobras das Projekt verschoben. Im Herbst 2010 kündigte das Unternehmen nun die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten an. Rund 64 Millionen Dollar Kapital will Petrobras mit Aktien einfahren. Geld, das in die Erkundung und Förderung neuer Tiefseefelder fließt. Auch die Gewässer vor Madagaskar, vor dem Horn von Afrika, vor Grönland und südlich der Arabischen Halbinsel gelten als ölreich.

Vor dem Hintergrund steigender Nachfrage aus bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien und angesichts von Peak Oil ist die Not groß, weitere Ölfelder und unkonventionelle Quellen zu erschließen. Darunter fallen zum Beispiel die Ölsände in Kanada, ein schmutziges und äußerst energieintensives Unterfangen. Auch die Tiefseebohrung wird weiter ausbaut werden.