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Ressourcenkonflikte

Selten oder nie sind natürliche Ressourcen der einzige Grund für politische Spannungen und gewaltsame Auseinandersetzungen. Politische und historische Zusammenhänge sind vielschichtig. Aber klar ist ebenso, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Zugriff auf Ressourcen immer wichtiger geworden ist. Das zeigt sich bei Aufständen, Kriegen und Bürgerkriegen weltweit. Sei es im Kongo, das über große Vorkommen von Hightech-Metallen verfügt oder in Haiti, das durch die Zerstörung seiner Wälder dem ökologischen Kollaps nahe ist oder in Darfur, wo der Klimawandel sich in ethnische Spannungen und einen brutalen Völkermord übersetzt.

Das Konfliktpotenzial wird in Zukunft weiter zunehmen. Eine steigende Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Aufholjagd bevölkerungsreicher Schwellenländer sind die maßgeblichen Treiber für eine steigende Nachfrage nach Energie und Rohstoffen im 21. Jahrhundert. Die aktuelle Wirtschaftskrise wird diese Entwicklung allenfalls verzögern.

Ressourcen und globale Wirtschaftskrise

Die Finanz- und Wirtschaftskrise führt zu sinkender Nachfrage nach Ressourcen. Deren Preise sind ebenso gefallen wie die der Frachtraten im Seeverkehr.

Aber das ist nur die eine Seite. Momentan, in der Krise, stellen sich die entscheidenden Akteure auf den Märkten neu auf, um für die nächste heiße Phase gewappnet zu sein. Die Jagd nach Rohstoffen ist nicht abgeblasen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

China kauft im Eiltempo Minengesellschaften und Rohstoffvorkommen. In der ersten Jahreshälfte 2009 gab die Volksrepublik in diesem Zusammenhang bereits 20 Milliarden US-Dollar aus.  Dazu rechnen Bestrebungen, weiter Einfluss auf den australisch-britischen Minenkonzern Rio Tinto zu gewinnen. Darüber hinaus ist China in der Ölförderung vor Nigeria aktiv, ebenso im norwegischen Offshore-Bereich, auch in Asien. Es geht um Kupfer aus Peru, Zink aus Australien und Gold aus Laos.

Ein weiterer gefährlicher Trend ist zu erkennen. Investoren aus reichen Ländern, private ebenso wie staatliche, kaufen Land in Afrika und bauen Nahrungsmittel an.  Dazu zählen die Golfstaaten, aber auch das wasserarme Libyen und China. Die Investoren setzen darauf, dass die Preise für Nahrungsmittel und Land steigen werden. Zudem wollen sie die Versorgung der eigenen Bevölkerung sichern. (Siehe auch Artikel unter Externe Links.)

In der Vergangenheit waren es Kaffee, Baumwolle, Tabak und Zucker, die fernab der Kolonialmächte erzeugt und importiert wurden. Heute sind es Mais, Weizen und Palmöl. Neu ist, dass Länder wie der Sudan, Kongo oder Äthiopien die Investoren willkommen heißen. Bei Lichte betrachtet haben sie kaum eine andere Wahl. Seit Jahrzehnten wird in diesen Ländern zu wenig in die Landwirtschaft investiert. Nun hoffen sie, dass Kapital und neue Technik Einzug halten und Jobs entstehen.

Die Gefahren liegen auf der Hand. Libyen investiert in großem Maßstab in Mali und baut dort Weizen an. Die ansässigen Bauern werden aus dem fruchtbaren Niger-Delta vertrieben – irgendwohin, wo sie weniger Wasser und schlechteren Boden vorfinden. Das Risiko ist groß, dass viele Menschen in Armut und Hunger getrieben werden. Die Großinvestoren sacken die Ernte ein – und verschwinden irgendwann wieder. An einer nachhaltigen Landwirtschaft sind sie kaum interessiert.

Ressourcenkonflikte nehmen zu

Ob vergiftete Brunnen, niedergebrannte Felder, zerstörte Wälder, schon immer waren die natürlichen Lebensgrundlagen Teil des Kriegsgeschehens. Umweltfaktoren waren allerdings selten bis nie der einzige Grund für soziale Spannungen. Und doch gibt es nach Einschätzung der UNEP  einen klaren Trend, wonach Umwelt- und Ressourcenfragen bei Konflikten eine zunehmende Rolle spielen. Während des Vietnamkriegs waren es annähernd 72 Millionen Liter Agent Orange, die über die Wälder des Landes gesprüht wurden. Weite Teile des Landes verloren die gesamte Vegetation, bis heute. Während des Golfkriegs 1991 standen reihenweise Ölfelder in Flammen – die Ressourcen selber wurden zu Massenvernichtungswaffen.

Seit 1990 gab es weltweit mindestens 18 gewaltsame Auseinandersetzungen, die mit dem Abbau natürlicher Ressourcen in Verbindung standen: In Afghanistan waren es Holz und Opium, in Angola Öl und Diamanten und in Kolumbien Öl, Gold, Koka, Holz und Edelsteine. Hochwertige Ressourcen spielten in Bürgerkriegen wie in Liberia, Angola und im Kongo eine zentrale Rolle – nicht nur zu Beginn der Auseinandersetzungen, oft dienten die Verkaufserlöse auch dazu, die militärischen Auseinandersetzungen zu finanzieren und damit zu verlängern. Andere Konflikte, etwa in Darfur und im Nahen Osten, standen in Verbindung mit der Kontrolle über knappe Ressourcen wie Wasser und fruchtbares Land. Seit 1950 bis heute, schätzt die UNEP, waren fast die Hälfte aller militärischen Auseinandersetzungen mit Ressourcenfragen assoziiert.

Für die Zukunft ist keine Besserung in Sicht, im Gegenteil. Bei wachsender Weltbevölkerung und steigender Nachfrage nach Ressourcen wächst das Konfliktpotenzial. Fortschreitende Urbanisierung, Mangel an Wasser und fruchtbarem Land führen zur weiteren Destabilisierung ganzer Regionen.

Kongo

Um das Jahr 2000 herum schien für die Menschen im Osten des Kongo ein Traum wahr geworden zu sein. Sie mussten nur eine Schaufel in die Hand nehmen, für ein paar Säcke mit schwarzem Sand bekamen sie ein Vermögen. Und das in einem Land, wo das durchschnittliche Jahreseinkommen laut Weltbank bei 80 US-Dollar lag. (Siehe auch Artikel unter Externe Links.)

Der schwarze Sand, Coltan genannt, ist ein Erz, das unter anderem Tantal enthält, ein Metall, das wegen seiner hohen Temperatur- und Korrosionsbeständigkeit vielfältig einsetzbar ist, nicht zuletzt im Hightech-Bereich. Der Preis für Tantal schoss nach 1999 in die Höhe. Die Industriestaaten benötigten das Metall für ihre boomenden Kommunikationsbranchen. Und im Kongo gibt es die größten Vorkommen der Welt.

Die Bauern im Ostkongo gingen nicht mehr aufs Feld, die Schüler nicht mehr in die Schule. Selbst viele Rebellen, die das Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Ruanda unsicher machten, zogen in die Minen. Wäre die Demokratische Republik Kongo ein funktionierender Staat gewesen, er hätte zu großem Reichtum kommen können. Aber dem war nicht so. Bereits 1997, als der korrupte Diktator Mobutu Sese Seko aus dem Amt gejagt wurde, war die einzige funktionierende Institution im Lande die katholische Kirche.

Als die Truppen von Uganda, von Simbabwe, Angola und Namibia 1998 in das Land eindrangen, zerfiel die staatliche Ordnung komplett. Der Kongo verfügt nicht nur über Coltan, sondern auch über Kupfer, Kobalt, Gold, Diamanten und nicht zuletzt Edelhölzer. Der Krieg um das zentralafrikanische Land – auch als afrikanischer Weltkrieg apostrophiert – verwandelte ein ehemals reiches Land in einen Kadaver.

Bei der Plünderung der Coltan-Vorkommen spielte das Nachbarland Ruanda eine maßgebliche Rolle. Mit seinen Eroberungszügen sicherte es sich den Zugriff auf 70 Prozent der kongolesischen Coltan-Reserven. Schätzungen nach soll Ruanda mit kongolesischem Coltan im Jahr 2001 fast eine Viertelmilliarde US-Dollar gemacht haben. Die Fluglinien Sabena und Swissair haben das Erz jahrelang von Kigali nach Europa geflogen.

Mit den Erträgen aus den Rohstoffgeschäften wurden die kriegerischen Auseinandersetzungen im Kongo weiter finanziert. Ein UN-Bericht zu den Vorfällen in dem zentralafrikanischen Staat kommt zu dem Ergebnis, dass kriminelle Netzwerke, die sich aus Soldaten, Politikern und Geschäftsleuten zusammensetzten, das Land systematisch geplündert haben.

Haiti

Während Ferntouristen in der Dominikanischen Republik ihren All-inclusive-Urlaub genießen, führen Millionen Menschen auf der anderen Seite der karibischen Insel ein Leben in der wirklichen Hölle. Dieser Teil ist Haiti. Nur durch UN-Truppen werden Reste einer staatlichen Ordnung aufrecht erhalten. Die vergangenen Jahrzehnte in Haiti waren geprägt durch Aufstände aller Art, Armut und Hunger.

Satellitenbilder zeigen, dass der westliche Teil der Insel, nämlich Haiti, weitgehend entwaldet ist. Zwischen 1990 und 2000 verlor das Land fast die Hälfte seines Baumbestandes. Tropische Stürme wuschen die ungeschützten Bodenschichten hinweg und spülten sie in Flüsse, Seen und Bays. Zurück blieb eine absurd anmutende Mondlandschaft.

Die Hauptursache für die Entwaldung in Haiti ist die Produktion von Holzkohle. In einem Land, in dem 76 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, ist Holzkohle die wichtigste Quelle für Energie. Das Fällen von Bäumen und die Produktion von Feuerholz sind Haupteinnahmequellen der Bevölkerung.

Die Ursachen für die ökologische und soziale Katastrophe liegt in den postkolonialen Strukturen und dem völligen politischen Missmanagement, einschließlich Militärcoups und operettenhaften Machtstrukturen.

Das Beispiel Haiti zeigt mit großer Klarheit, was geschieht, wenn ein Land seine Ökosysteme zerstört und dadurch seine Lebensgrundlagen verliert. Gleichzeitig ist Haiti zu arm, um das Lebensnotwendige zu importieren. Der ökologische Fußabdruck eines Haitianers, also sein Naturkonsum, liegt bei 0,5 Globalen Hektar – ein minimaler Wert. Die Bevölkerung ist weitgehend auf die Hilfe von außen angewiesen. Das betrifft Nahrung, Energie und die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung. Ansonsten wäre das Land bereits im ökologischen Kollaps versunken.

Darfur

Das brutale Vorgehen gegen die Bevölkerung in Darfur im westlichen Sudan nennt Harald Welzer den ersten Klimakrieg.  Die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung begannen mit Bombardements, ausgeführt von viermotorigen Antonow-Transportmaschinen, sie warfen primitive Bomben ab, Ölfässer, die mit Metallschrott und Explosivstoffen gefüllt waren. In der zweiten Welle eröffneten Mig-Kampfbomber das Feuer gegen Schulen oder Lagerhallen. Anschließend kamen die Dschandschawid – mit Pferden, Kamelen oder Geländewagen ausgerüstete Milizen – umstellten die Dörfer, vergewaltigten Frauen und Mädchen und brannten die Häuser nieder. Die für ihre Brutalität berüchtigten Dschandschawid sind eine Mischung aus Banditen und regierungsnahen Schlägertruppen. Die Milizen rekrutieren sich aus ehemaligen Straßenräubern, entlassenen Soldaten und jungen Arbeitslosen.

Auch vor diesem Völkermord gab es Massaker an der Zivilbevölkerung. Aber spätestens nach der Hungerkatastrophe 1998 ist nach Welzer die Gewaltgeschichte im Sudan aufs Engste mit ökologischen Problemen verknüpft. Klimabedingte Veränderungen – nämlich der ausbleibende Regen – sorgten dafür, dass der Norden des Landes für die Viehzucht nicht mehr geeignet war. Die Regenmenge fiel in Teilen des Landes um ein Drittel. Die Züchter trieben ihre Herden nach Süden. Gleichzeitig entstand durch die Dürre eine riesige Zahl von Flüchtlingen, für die Lager errichtet wurden. Durch steigende Bevölkerungszahlen wuchs der Druck noch weiter. Jährliche Zuwachsraten von 2,6 Prozent führten zur Übernutzung von Weiden und Ländereien.

Die Spannungen stiegen, schließlich kam es zu Gewalt. Darfur hat eine komplizierte Bevölkerungsstruktur aus „afrikanischen“ und „arabischen“ Stämmen. Dabei steht „arabisch“ in der Regel für eine nomadische Lebensweise, „afrikanisch“ für eine bäuerliche.

Welzer kommt zu folgendem Schluss: „In Darfur stellen die umweltbedingten Probleme in Verbindung mit dem exorbitanten Bevölkerungswachstum Rahmenbedingungen für Gewaltkonflikte dar, die entlang ethnischer Grenzen ausgetragen werden – also zwischen „Afrikanern“ und „Arabern“. Das heißt, Konflikte, die ökologische Ursachen haben, werden als ethnische wahrgenommen – und zwar von den Beteiligten selbst. Der soziale Niedergang wird durch einen ökologischen Kollaps ausgelöst, aber das sehen die meisten Akteure nicht. Was sie sehen, sind Angriffe, Beraubungen, tödliche Gewalt, also die Feindschaft einer Sie-Gruppe gegen die eigene Wir-Gruppe.“ (Zitat aus Klimakriege, S. 99)

Das ist für Welzer das Grundmuster. Und das gilt nicht nur für klimabedingte, sondern für Ressourcenkonflikte aller Art. Knappheiten führen zu Spannungen und Verteilungskämpfen. Im 21. Jahrhundert gilt das tendenziell weniger für Auseinandersetzungen zwischen Staaten, sondern zwischen Bevölkerungsgruppen, Stämmen und Regionen.

Welzer bietet zwei Zukunftsszenarien an, ein positives und ein negatives. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er zweiteres für wahrscheinlicher hält: „Das 21. Jahrhundert ist in Ermangelung zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle utopiefern und ressourcennah – es wird getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchen, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten. Kann man also wirklich glauben, dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden? Mit der Verbreitung und Spürbarkeit der Klimafolgen, mit dem Wachstum von Not, Migration und Gewalt, wird sich der Problemdruck verschärfen und der mentale Raum einengen. Die Wahrscheinlichkeit irrationaler und kontraproduktiver Lösungsstrategien erhöht sich... Es besteht aller historischen Erfahrung nach eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die den Status von Überflüssigen bekommen und die Wohlstands- und Sicherheitsbedürfnisse von Etablierten zu bedrohen scheinen, in großer Zahl zu Tode kommen werden; sei es durch fehlendes Wasser und mangelnde Ernährung, sei es durch Kriege an der Grenze, sei es durch Bürgerkriege und zwischenstaatliche Konflikte infolge veränderter Umweltbedingungen.“(Zitat aus Klimakriege, S. 276)